4. Zwei Tage Anchorage

…die wollte ich mir geben, um erst mal meine innere Uhr umzustellen, die ja immerhin zwölf Stunden vorging. Aber auch, um zu fühlen, wie die äußere Uhr in dem Land tickt. Das war der Plan.

Ich „checkte“ also in das Motel (Jasons Youth-Motel) ein und war leicht verunsichert. Statt einer klassischen Jugendherberge voll mit Touris (was ich nicht wirkich erwartete :-)) war es ein Sammelsurium von gestrandeten Amerikanern, die in Alaska das Glück suchen wollten oder bereits wieder vorloren hatten. So war das Motel eine günstige Unterkunft und gleichgesinnte Glückssucher im schnuckeligen acht-Bett-Zimmer mit Doppelstockbetten. Insofern wurde ich wohl auch von den Bewohnern etwas skeptisch betrachtet – ein Deutscher, Rucksack mit dem Ziel Arktischer Ozean. Urlaub macht man eingentlich anders in Amerika… Richtig wohl fühlte ich micht nicht. Die Leute gingen vorzugsweise dem Fernsehen und Biertrinken nach, was auch kaum einen Feierabend fand, da die Sonne bereits mehr als 20 Stunden schien und damit der Tag-Nacht-Rhythmus auch bei den Bewohnern etwas kippte. Überraschenderweise gabs für mich fast kein Jetlag (was ich dagegen für den Rückflug nicht behaupten kann).

Mir wurde klar, dass ich nicht allzulang da bleiben wollte. Etwas small-talk mit den Mitbewohnern, aber viel mehr allein in der Stadt unterwegs. Das erste Mal in den USA wurden mir auch die Dimensionen deutlich. Mal schnell einen Block „um die Ecke“ gehen, ist dort schon ein beschaulicher Wandertag. Alles etwas größer dimensioniert. Die Stadt selbst ist nicht sehr spektakulär, das Zentrum typisch wie viele moderne Städte. An der Peripherie hingegen gab es ein paar Sehenswürdigkeiten. Unter anderem ein Haus, was gut mit Rentiergeweihen (oder sind es Caribous?) verziert war, was ich auch gleich fotografieren musste.

Just kam auch gleich eine Frau aus dem Haus gestürmt und wollte wissen, für wen das Foto wäre. Ich erwiderte, dass es eine Urlaubserinnerung ist. So richtig wollte sie es nicht glauben, lies mich dann aber ziehen. Okay: „1. Lektion: Achte die Privatsphäre der Bewohner im großem Radius“ gelernt. Deshalb blieb es auch erstmal mein einziges Bild in Anchorage.

Ich tingelte durch die Stadt, nutzte die preiswerten Busse (für einen Dollar quer durch Anchorage und zurück, wenn man will) und plante beim Kaffee den nächsten Schritt. Ziel war zwar der Arktische Ozean, aber zum Eingewöhnen wäre der Süden nicht schlecht. Halbwegs bewohnt, tolle Gletscher, zu der Zeit (wie ich hoffte) weniger Bären (die erwachen ja erst aus dem Winterschlaf und müssen angelaufen kommen – eigenartiger Gedanke im Nachhinein), etwas Infrastruktur und wenn es nicht gefällt oder mich überfordert, kann ich zurück nach Anchorage und hier meinen Urlaub „aussitzen“. Außerdem gute Anreise mit der Alaska-Railroad – immerhin der TopTipp der Frau am Flughafen, wenns ums Reisen geht. Also ging ich zum Bahnhof, erkundigte mich nach Abfahrtzeiten, Buchungsmöglichkeiten usw. Ich wollte gern bis in den Süden (zeigte meine geplante Route auf der Karte) nach Seward mit ein paar Unterbrechungen (u.a. Prince William Sound, dazu später mehr). Der Mann am Schalter war etwas irritiert, weil er nicht so recht wusste, warum ich das will. Ich erklärt ihm in Ruhe (Zeit haben dort übrigens viele Menschen!), warum ich in den Süden will (Süd-Alaska checken bevor ich nach Norden gehe und die Hoffnung, weniger Bären anzutreffen), worauf er herzlich lachte. Denn er meinte, wenn ich keine Bären mag, wäre Alaska wohl das schlechteste Reiseziel. Der machte Mut! Aber er verkaufte mir ein Ticket, ich ging zurück in die Stadt, kaufte im Supermarkt Lebensmittel für die Reise und – ganz wichtig – eine vernünftige Karte! Die Buchhändler in Deutschland konnten mir nichts gescheites anbieten (sicher auch aus Unwissenheit, was kein Vorwurf sein soll, denn so oft wird sowas sicher nicht verlangt) und das meist auch zu hohen Preisen. Oft wurde mir angeboten, Spezialkarten zu ordern, groß und sperrig und teuer. Aber von jedem Punkt der Erde, wenn ich will. Wollte ich aber nicht und dachte: „Die Karten hole ich mir vor Ort. Da sind kundige Leute und die haben sicher auch eine gute Auswahl an Karten.“ So fand ich in der City einen entsprechenden Shop und wurde nach einigem Betrachten verschiedener Angebote fündig. Der Alaska Atlas & Gazetteer vom deLorme Verlag. Den kann ich jedem dringend empfehlen. Zwar ein etwas unschönes Format (DIN A3, passt aber gut in den Rucksack), dafür detailfreudig bis ins Kleinste mit guten Infos für Wandernde aber auch Autofahrer (alle Pisten abgebildet), halbwegs robustes Papier und ein ausgesprochen guter Preis. Den hab ich gekauft (wundere mich, warum der mir in Deutschland nicht angeboten wurde, auch nicht bei Bestellung) und bin zurück zu Jasons Motel. Dort schnell ins Bett gehüpft, da ich am nächsten Tag beizeiten raus musste. Ich klärte noch mit dem (äußerst freundlichen!) Herbergsvater ab, dass ich ein paar Sachen bei ihm lassen kann, die ich nicht unbedingt im Süden brauchte und die ich dann in ca. 6 Tagen abholte. Somit hatte ich einen Aufpasser (was bei der Gesellschaft vielleicht nicht unwichtig war) und, was noch wichtiger ist, jemanden, der weiß, wo ich hin will und wann ich zurückkomme. Immer empfehlenswert bei solchen Trips, wie man mir vielerorts beteuerte.

Und so ging es los, mit der Alaska Railraod Richtung Süden.

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