The Notwist – Neon Golden (2002)

Hörprobe

„Ich habe in meinem Zimmer ein Denkmal aufgebaut. Es ist ein schwarzer, ca. einen Meter hoher Monolith aus Kohle mit quadratischem Grundriss. Darauf steht ein majestätisch anmutendes rotes Pappding. Goldenes Neonlicht strahlt davon aus. Es ist ein Denkmal für das, was mir den Tag gerettet hat. Auf neue Notwist-Platten zu warten war schon immer etwas Besonderes. Natürlich können wir Musikjournalisten so eine Vorfreude gar nicht mehr nachvollziehen, weil wir immer mit Vorab-CDs versorgt werden. Aber als ich hörte, dass die Plattenfirma diesmal nur Tapes verschickt, beschloss ich zu warten. Natürlich konnte ich nicht umhin, die erste 12-Inch “Trashing Days” zu kaufen.

Und am Video zu “Pilot” kam man ja auch nicht vorbei. Aber ich habe noch keine einzige von den Reviews in den Mitbewerberblättern gelesen, nur das, was mein Freund Säm mir geschrieben hat. Er war außer sich. Ich war gespannt. Fünf Tage vor der Veröffentlichung habe ich die CD dann doch im Briefkasten. Das erste Stück heißt “One Step Inside Doesn’t Mean You Understand”. Eine Warnung vorneweg? Das Stück ist schön. Nicht mehr, nicht weniger. Dann kommt “Pilot”. Kenne ich, finde ich eher enttäuschend. Notwist machen Popmusik. Das sollen sie nicht. Beim dritten Lied liege ich dann am Boden. Das sind die Notwist, die ich liebe, das ist, was ich erwartet, was ich erhofft hatte. Da sind die kalten Schauer wieder auf meinem Rücken, die ich von “No Encores” auf der letzten Platte “Shrink” kenne. Bei “Trashing Days” sind Notwist ein bisschen die Pet Shop Boys – dürfen sie. Ab jetzt dürfen sie alles. Auch Lieder wie “Pilot” machen. Bei “This Room” sind sie sie selbst zur Zeit des “12”-Albums. “One With The Freaks” ist das “Chemicals” dieser Platte. “Off the Rails”, oh, das kenne ich auch schon in ähnlicher Version vom Soundtrack des Films “Crazy”, ist ein Sonnenstrahl in einer verschneiten Winterlandschaft. Entschuldigt mich kurz, ich muss weinen. Das ist, was ich gedacht und gefühlt habe, als ich “Neon Golden” angehört habe. Es liegt mir fern, tiefenpsychologische Mutmaßungen niederzuschreiben, denn ich bin kein Psychologe, auch will ich keine komplizierten pan-popkulturellen Betrachtungen anstellen, die der Band möglicherweise fernliegen. Außer: Notwist haben ein profitables Angebot eines Majors abgelehnt, weil sie nicht selbst hätten entscheiden dürfen, auf welche Sampler das Label sie wirft. Sie nerven nicht durch Überpräsenz in den Medien, beschwören aber auch nicht die öde Kein-Bock-auf-Interviews-Attitüde. Sie lassen sich wie nur sehr wenige andere Bands von dem ganzen Pop-Trara nicht die Bohne beeindrucken, und sie gehen keinesfalls hausieren damit. Sie haben unmoderne Frisuren und tragen auf der Bühne graue Sweatshirts mit Reißverschluss und uralte T-Shirts von Bands, die niemand kennt. Notwist sind einfach Notwist, und deshalb sind sie furchtbar wichtig. Ich habe sehr viele Gänsefüßchen in diesem Text benutzt, aber die meisten beziehen sich auf Notwist selbst. Das ist es, was der spröde schwarze Kreis auf dem Cover bedeutet. Was Postrock bedeutet, ist mir egal, solange es solche Platten gibt.“ (http://www.intro.de/platten/kritiken/23028705/the-notwist-neon-golden)

Ein Gedanke zu „The Notwist – Neon Golden (2002)“

  1. oh – geburtstagsschnitzeljagd… herrlich.
    DAS mag ich. obwohl ich es lieber „statisch“ auf die ohren habe als live… zu lo-fi

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