Schlagwort-Archive: Post Rock

Tortoise – T.N.T. (1998)

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„Ich bin der Letzte, der einen künstlichen Hype mit Gewalt aufrecht erhalten will, aber was ich da höre ist super. Mit Sicherheit ist der Stellenwert der Band weit übertrieben worden und auch das Prädikat „etwas ganz Neues“ ist im nachhinein wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht worden. Aber: Tortoise haben etwas in den Indie-Bereich (da kommen sie her und da gehören sie hin!) eingebracht, was bis dato unbekannt war: das Easy-tum und das relaxte Entertainment mit Stil, aber ohne Hintergedanken. Und gerade diese „wichtigen Hintergedanken“ sind der Band doch nur in den Mund gelegt und zur Last geworden.
Die neue Platte wird da sein, wenn man heimkommt, sie fragt nicht erst, wie der Tag war, sondern bietet dir gleich einen Drink an. Sie entspannt, weil sie keinerlei Attitüde mitbringt. Sie unterhält einfach nur, ähnlich einem Fernsehprogramm. Moderner Easy-Listening (mal ohne Elektronik, wie angenehm!), warmer Analog-Sound (toll gemacht!), nichts Schweres oder Gefrickeltes auf dieser Platte. Endlich haben sie eine runde Sache gemacht und den überflüssigen Psychedelic-Müll über Bord geworfen. „T.N.T.“ ist ausgereift und besitzt nur das eine Ziel: Einfach so, ganz nebenbei in deinem Ohr zu landen und da für Ruhe und Zufriedenheit zu sorgen (ähnlich der EP „Hank“ von Lambchop). Im Gegensatz zur Vorgängerplatte kommen sie hier schneller zum Punkt und zeigen Mut zur kleinen Melodie! Nur der Titel paßt irgendwie nicht zur Musik.“ (http://schallplattenmann.de/a102346-Tortoise-T-N-T.htm)

Noch eine passende Rezension bei spielgel-online: Knarzende Nebengeräusche

Godspeed You Black Emperor! – F# A# Infinity (1998)

Apokalypse at its best!

Das Album, mit dem GYBE! erstmals durch ihre unorthodoxe Genialität auch in Europa auf sich aufmerksam gemacht haben, halte ich noch immer absolut für ihr bestes. Die bedrohlichen Instrumentalstücke mit eingespielten, oftmals sehr düsteren Sprachsamples (…the buildings tumbled in on themselves / all twisted metal facing upwards…) codieren eine enorm gigantische Stimmungslandschaft, ein universelles Armageddon der Seele. Schlichtweg der beste Soundtrack für kleine und große Weltuntergänge oder einfach für die bittersüße Melancholie zwischendurch, sofern man sich die Zeit nimmt, in die klanggewordenen Ruinen abendländischer Städte mit der ganzen Seele einzutauchen. Und: wieder auftauchen nicht vergessen.“ (http://www.amazon.de/review/R2QRHAFMH3JT5C/ref=cm_cr_rdp_perm)

Portrait von GYBE! bei laut.de

Einen 9minütigen musikalischen Eindruck bei Youtube – lohnenswert für offene Ohren 🙂

Teile des Albums zum Anhören gibt es hier: http://www.brainwashed.com/godspeed/music.html

Tortoise – It’s All Around You (2004)

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„Tortoise können gnadenlos intellektuell und unsexy klingen, sie können sich in ihrem kopfgesteuerten Klangkosmos verlaufen, aber sie können auch ganz anders. Standards wurde 2001 eine relative Leichtigkeit mit Bombasteinschlägen bescheinigt. Und nun überrascht einen die Gruppe aus Chicago mit It’s All Around You wie noch nie. Die Post-Rock-Pioniere mit dem Hang zum Jazz, zur Komplexität und Verdichtung haben ausgemistet, die Fenster aufgerissen und Frischluft durch ihre Songs wehen lassen.

Ein Jahr saß das mittlerweile stabile Bandgebilde John McEntire, Dan Bitney, John Herndon, Douglas McCombs und Jeff Parker im Studio. Fünf absolut gleichberechtigte Musiker, die in der Nicht-Tortoise-Zeit in Jazz- und Experimentalgruppen spielten oder mit Bands wie The Sea And Cake, US Maple, Savath & Savalas, Aluminum Group, Prefuse 73, Brokeback oder Eleventh Day Dream arbeiteten. Dadurch erhalten die einzelnen Klangpaletten immer neue Farben und Tortoise neue Einflüsse. It’s All Around You ist im Verhältnis zum Gesamtkatalog der Chicagoer fast ein Pop-Album, natürlich wieder rein instrumental und ohne feste Songstrukturen, dafür aber außergewöhnlich flüssig, variantenreich und bunt wie das Cover (Bitte, die im Booklet abgedruckte Kurzgeschichte lesen!).

Einem wuchtigen Soundmonster wie „Dot/Eyes“ steht das soundtrackartige „On The Chin“ gegenüber, der Experimentalnummer „By Dawn“ folgt das rhythmische „Five Too Many“. Das Titelstück kommt fast vergnügt und „The Lithium Stiffs“ im Schwebezustand daher. It’s All Around You gehört zu den Höhepunkten in der Bandhistorie. –Sven Niechziol“ (http://www.amazon.de/ItS-All-Around-You-Tortoise/dp/B0001EMW06/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=music&qid=1211348236&sr=8-1)

http://www.trts.com/ – Offizielle Webseite von Tortoise

Bandinfos bei laut.de und Wikipedia

Kurzes Interview mit Tortoise bei intro.de

Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra & Tra-La-La Band – 13 Blues for Thirteen Moons (2008)


Efrim Menuck und sein Folterkammerorchester (plattentest.de) holen mit ihrem fünften Studioalbum wieder ganz groß aus und rufen zur Verbrüderung, zur Ekstase, zur Unbesiegbarkeit sowie zum Durchhaltevermögen auf und geben „auch noch eine sehr anschauliche Ahnung davon hinzu, wie es sich anfühlen muss, der einzige Mann mit Revolver in einer Messerstecherei zu sein“ (ebd.) 

Und so ziehen die Montrealer ordentlich vom Leder. Eingeführt in das Album wird mit einem ohrenbetäubenden, hochfrequenten Pfeifton, der insgesamt in zwölf nahtlos übergehenden Stücken über eine Minute die Membran der Boxen und das Trommelfell empfindlich strapaziert. Weh tun sollte die Musik der Band schon immer, aber was bislang auf eher psychischer Ebene stattfand, wird nun physisch. Die erste Erlösung folgt mit 1.000.000 Died to make this sound. Allein der Titel ist bereits wenig verheißungsvoll und der Sound sowie Gesang von uns um Efrim Menuck sprechen hier eine deutliche Sprache. 

Dabei lösen die Musiker sich nun komplett von klassischen Soundstrukturen und strengen Formalismen. Nichts scheint vorkomponiert, allenfalls intentional im Vorfeld besprochen. Bauchgefühl statt Notenblätter. Und alles gegossen in nicht enden wollende, bittere Stücke zwischen 13-17 Minuten. 

Trotz der Düsternis der Tonlagen, des Gesangs und vor allem der Themen gelingt es Silver Mt. Zion immer wieder, die Kraft der Hoffnung unter dem Chaos, der Destruktion und dem Selbstzerfleischen hervorblitzen zu lassen. Ganz leise, aber hell und deutlich. Das begeistert mich jedes Mal aufs Neue an ihrer Musik.

Und so passt auch das Fazit von laut.de, dass das Album zwar „aufgrund kratzbürstiger Kompositionen einem elitären Kreis Wissender vorbehalten“ sei, doch es ist „[b]eruhigend, dass überhaupt noch Musiker mit Anliegen unter uns weilen.“

Blinde von Marrakesch
„BlindBlindBlind“ – so lautet der letzte Titel des Albums. Den habe ich im Ohr, wenn ich dieses Bild der Blinden in Marrakesh auf dem Djemaa el fna ansehe. Die Gruppe der bylinden Männer suchte ich, nachdem ich Canettis „Stimmen von Marrakesch“ las und diese dort beschrieben wurden…

Godspeed You! Black Emperor – Lift Your Skinny Fists Like Antennas To Heaven (2000)

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„Schicht um Schicht werden hier Bilder, Assoziationen und Abgründe freigelegt und wieder verschüttet. Zufällig finden sich Melodien und werden wieder und wieder wiederholt und verschwinden, verschwendet im Äther der Zeit. Ganz langsam entwickeln sich die Songs aus dem Nichts und mit einer monotonen Dynamik und Spannung erzeugen Gitarren und Schlagzeug und elektrisch verstärkte Violinen einen Sog, der einen durch Zeit und Raum wirbelt. Dann fällt wieder alles zusammen, die Violinen werden leidenschaftlich und die Gitarren erzählen die traurigsten Geschichten, die einen berühren und verwirren. Plötzlich erhellt ein Glockenspiel unsere Sinne und später tropfen ein paar Pianotöne scheinbar schwerelos im Raum. Es schlingert, mäandert und wirbelt und dann wieder bleibt die Zeit stehen. Solche Spannungsbögen kennt man nur vom Film. Und so ist diese Musik, als wenn Bertolucci, Wenders, Scorcese und Kubrick gemeinsam die Apocalypse verfilmt hätten. Ganz grosses Kopfkino voll mit vertonten Emotionen und Sehnsüchten. Dieses rätselhafte Doppelalbum mit seinen nur 4 Songs (je 20-25 Minuten) braucht einen geduldigen Hörer. Es sind Orchestrale Manöver in der der Dunkelheit. Es ist wie ein Remix von Wagner’s Tristan und Isolde, nur ohne Gesang. „In des Welt Atems wehendem All ertrinken, versinken, unbewußt, höchste Lust.““ (http://www.amazon.de/Lift-Your-Skinny-Fists-Like/dp/B00004ZC45/ref=sr_1_4?ie=UTF8&s=gateway&qid=1202727828&sr=8-4)

Mogwai – Happy Songs For Happy People (2003)

„Mogwai sind back in Rock-Action. Back in ihrem eigenen, streng kopfnickenden Gitarren-Kosmos, der den Hörer mit dem Beginn der ersten Melodie wieder völlig in seinen Bann zieht. Er entführt ihn auf eine benebelte Reise durch die schottischen Weiten. Über Stock und Stein, durch den nebligen Wald und über taufrische Wiesen. Augen zu und durch. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Diese jungen Herren vermögen es wie keine andere Instrumental-Band, das Kino im Kopf in Gang zu setzen. Beim einfachen Dasitzen und vor sich hin Träumen funktionieren Mogwai deshalb auch am besten. Dieses Dösen gelingt ihnen bei „Happy Songs …“ besser als je zuvor, denn die Platte macht keinen Halt. Das altbewährte Spiel mit lauten, monströsen Ausbrüchen und leisen, zerbrechlichen Flüster-Stellen hat nahezu ausgedient.

Hier bewegen sich die Schotten auf einer konstanten Linie des wabberenden Sounds und kreieren einen durchgehenden Fluss von 41 Minuten, der sich mit den bekannten elektronischen Sounds und breitangelegten Streicher-Arrangements am Leben hält. Dadurch wird das inzwischen fünfte Album der Band ihr bisher nebensächlichstetes – und das gar nicht mal im negativen Sinne. Das intensive Zuhören rückt in den Hintergrund und lässt der Träumerei ihren Lauf.

Trotz weitaus weniger Sing-Anteil als beim Vorgänger „Rock Action“ schaffen es Mogwai wieder, in durchschnittlich vier Minuten lange Songs alles hineinzupacken, wofür andere Bands ihrer Kategorie mal locker die vierfache Zeit brauchen und schon nach drei Minuten die Aufmerksamkeit verlieren. Neue Fans werden die Schotten in Skateboarder-Kluft hiermit wohl kaum finden. Im Endeffekt hat sich nicht viel verändert, aber das will ja sowieso niemand so richtig. Liebe oder hasse die „Band für das 21.Jahrhundert“, wie Stephen Malkmus sie bezeichnet. Ich unterschreibe.“ (http://www.laut.de/lautstark/cd-reviews/m/mogwai/happy_songs_for_happy_people/index.htm)

 

Talk Talk – Spirit Of Eden (1988, 2007)


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„Sechs Jahre benötigte Mark Hollis, um aus einer chartstauglichen Synthie-Pop-Band eines der merkwürdigsten Ensembles zu machen, das es auch außerhalb der Rock-Welt je gegeben hat. Mit dem exzentrischen Werk Spirit Of Eden gelang Talk Talk eine jener seltenen Platten, die wirklich zeitlos sind.

Über 350.000 Pfund Studiokosten und 14 Monate Aufnahmezeit hatte die Plattenfirma Parlophone Mark Hollis und seinen Mitstreitern bewilligt – offenischtlich in der Hoffnung, die Band würde Nachfolger zu Hits wie Life’s What You Make It oder Living In Another World abliefern. Womit sie sich gründlich getäuscht hatte. Hollis und Tim Friese-Greene als Gitarristen und Keyboardspieler und ihre Rhythmusgruppe Lee Harris (Drums) und Paul Webb (Bass) holten sich renommierte Jazz-, Folk- und Klassikmusiker ins Studio und spielten sechs Stücke ein, die sich jenseits aller Klischees bewegen.

Spirit Of Eden ist ein Puzzle aus aneinander gefügten Miniaturen, die zu Stücken zusammenwachsen, die wenig mit Strukturen wie Vers, Refrain und Solo im Sinn haben. Da tupft eine akustische Gitarre eine Blues-Figur, auf die eine Trompete mit einem jazzigen Mini-Solo antwortet. Urplötzlich steigt eine „richtige“, laute Rock-Band ein und steuert Gitarren-Feedback bei, während Schlagzeug und Perkussion ethnogefärbte Rhythmen beisteuern. Zumeist jedoch dominiert auf Spirit Of Eden eine kammermusikalische Atmosphäre, in der der Gesang von Hollis das zentrale Element ist., das die Stücke zusammenhält. Trotz des durchschlagenden Misserfolgs beim plattenkaufenden Publikum konnte Talk Talk drei Jahre später noch das ähnlich strukturierte Album Laughing Stock für das Jazz-Label Verve aufnehmen, ohne dass der Band damit größerer Erfolg beschieden gewesen wäre. Prägenden Einfluss genommen hat Talk Talk mit dem Spätwerk jedoch einerseits auf die Postrock-Szene und das britische TripHop-Umfeld um Portishead, mit deren Sängerin Beth Gibbons Talk Talk-Bassist Paul Webb zusammenarbeitet.“ (http://www.popmusik.de/matrix_engine/content.php?page_id=110)