Schlagwort-Archive: Post Rock

Tortoise – Millions Now Living Will Never Die (1996)

Hörprobe
„Der Name spricht für sich. Behäbig wie eine Schildkröte kriecht die Musik von Tortoise dahin – in ein Labyrinth an Sounds und Genres. Mal mit tanzbaren Rhythmen, mal mit ergreifenden Melodien erzeugt das Quintett einen tiefen Äther, dessen Sog auch Musikfreunde ohne geschulte Ohren erliegen.

Tortoise sind eine der ersten amerikanischen Indie-Rock-Bands, die Anfang der 1990er nicht auf die populäre Grunge-Schiene setzten, sondern etwas ganz Neues schufen. Noch dazu ohne Gesang. Dub, Ambient, Electronica, Jazz, Minimal Music, Krautrock und Indie: es gibt fast keine musikalische Schublade, in die das Chicagoer Ensemble rund um die Gründer John McEntire und Doug McCombs seither noch nicht gesteckt worden wäre.

Die Symbiose aus verschiedenen Stilrichtungen, die die Band bekannt und berühmt machte, hat sich seit ihren Anfängen kaum verändert. Ihre Alben sind oft kitschig, immer fein, fast vornehm und nie spektakulär. Einen Klassiker lieferten Tortoise 1996 mit dem Album „Millions Now Living Will Never Die“. Es zählt bis heute zu den bedeutendsten Alben im Alternative- Bereich….“ (http://kurier.at/kult/2049685.php)

Wikipedia über Tortoise

Indiepedia zum Album

Mogwai – Come On Die Young (1999)

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Die Instrumentalpunks sind zu jung, um Joy Division oder My Bloody Valentine selbst erlebt zu haben. Und daher radikal und einzigartig.

Als im Jahr 1996 vier unbekannte Musiker aus Glasgow auf eigene Faust ein Instrumental-Album namens „Ten Rapid“ veröffentlichten, horchte man in der Londoner Musikszene auf. Mit Britpop hatte „Ten Rapid“ nämlich wenig zu tun. Es war eine ruhige, atmosphärische, manchmal sogar ein wenig melancholische Musik, die aber auch unvermittelt in brachiale Soundattacken umschlagen konnte.

Die britische Musikpresse war begeistert: Mogwai, so der Name der Band, wurden gelobt als eine der eigenständigsten Bands seit langem und eher notdürftig in die Schublade „Post-Rock“ gesteckt. Daß Mogwai aber mit den komplexen Soundtüfteleien anderer Post-Rock-Bands wie Tortoise oder Stereolab wenig zu tun haben, wurde allerspätestens bei ihrem ersten Live-Auftritt in London deutlich: Zuerst brachten die vier Schotten ihr Publikum mit energetischem Krach richtig in Fahrt, dann forderten sie es auf, die Instrumente der Band und gleich auch die ganze Konzerthalle zu zertrümmern. Dieser Einladung kamen die aufgeputschten Zuhörer gerne nach. Ausschreitungen konnten von den überraschten Security-Leuten nur mit Mühe verhindert werden. Der verdiente kommerzielle Durchbruch gelang Mogwai mit ihrem zweiten Album „Young Team“ (1997). Feedbacksymphonien wie „Like Herod“ oder „Mogwai Fear Satan“ zeigten, daß sie auch im Studio rocken können. Mit der neuen CD „Come On Die Young“ kehren Mogwai eher zu den melodischen Anfängen von „Ten Rapid“ zurück. Und es ist ein Album voller Überraschungen. Das beginnt schon mit dem Eröffnungstrack „Punk Rock“ – keine Lärmorgie, sondern eine zarte, verletzliche Melodie, gespielt von einer Solo-Gitarre, zu der ein gesampelter Iggy Pop zwei Minuten lang über die kulturelle Signifikanz des Punk philosophiert. Gleich darauf folgt mit dem Titeltrack „C.O.D.Y.“ eine weitere Überraschung: Mogwai singen! Genauer gesagt: Gitarrist Stuart Braithwaite singt, begleitet von einer Steel Guitar, eine herzerweichende Ballade, die fast schon nach Alternativ-Country klingt. Dieser sanfte Einstieg in das Album täuscht jedoch. Mogwai sind gnadenlose Instrumentalpunks geblieben. Dementsprechend fehlen auch die langen Monumentaltracks nicht, für die sie bekannt sind. Das fast elf Minuten lange „Christmas Steps“ ist einer der vielen Höhepunkte des Albums: Es beginnt zunächst harmlos mit einer sanften Akustikgitarre, schraubt sich dann aber, schrittweise mit wummerndem Bass, metallischen Drums und kreischenden Kettensägen-Gitarren, zu einem ohrenbetäubenden Crescendo hinauf, um schließlich mit einem gedämpften Violinsolo auszuklingen. Die vier Bandmitglieder sind übrigens zwischen 22 und 24 Jahre alt. Zu jung also, um offenkundige Vorbilder wie Joy Division, My Bloody Valentine oder Spaceman 3 selber erlebt zu haben. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum Mogwai wie keine andere Band klingen. Live und auf Platte. Mit „Come On Die Young“ ist ihnen jedenfalls – in mancher Hinsicht – das mit Abstand radikalste Album dieses ersten halben Jahres gelungen. Leb‘ wild, sterb‘ jung – aber dreh‘ Mogwai immer bis zum Anschlag auf!“ (http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,16196,00.html)

Talk Talk – Laughing Stock (1991)

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„Konstantin Gropper ist Get Well Soon. Allen Liebhabern seines Debütalbums REST NOW WEARY HEAD, die sich gefragt haben, wo er in die Lehre gegangen ist, stellt er auf musikexpress.de sein Lieblingsalbum vor: LAUGHING STOCK von Talk Talk.

Ich weiß ich trage Eulen nach Athen, aber das Gähnen nehme ich in Kauf: Mein Lieblingsalbum ist LAUGHING STOCK von Talk Talk.

Ein bisschen „ausgraben“ muss man dieses Meisterwerk dieser Tage ja wirklich. Schändlicherweise. Im regulären Vertrieb ist es schon lange nicht mehr. Deshalb ist LAUGHING STOCK vielleicht so etwas wie der meistzitierte „Geheimtipp“ überhaupt.

Da wäre zunächst mal die faszinierende Geschichte vom Werdegang der Band. Mit Hits wie „Such A Shame“ oder „It’s My Life“ waren Talk Talk eine der erfolgreichsten Pop-Formationen der 80er Jahre. Bis sie 1989 mit dem Album SPIRIT OF EDEN einen musikalischen Schnitt in ihre Karriere setzten, der in seiner Konsequenz und Eigenwilligkeit bis heute einzigartig ist. Plötzlich hatten Talk Talk keine Stadion-Refrains mehr, sondern einfach überhaupt keine, waren extrem sperrig, improvisiert, kurz gesagt: Avantgarde, oder wie man sogar bei Wikipedia liest, hatten sie damit den Post-Rock erfunden. LAUGHING STOCK, das Folgealbum, um welches es hier gehen soll, machte dann mit seiner äußerst düsteren und regelrecht entrückten Grundstimmung noch einen bedeutenden Schritt weiter in Richtung Unzugänglichkeit. Dass die Verantwortlichen bei der neuen Plattenfirma (immerhin das Jazzlabel Verve) damals aus der Listening-Session entsetzt vorzeitig flüchteten, ist ja auch oft genug erzählte Musikgeschichte.

Was mich an LAUGHING STOCK am meisten fasziniert, ist, dass man das, was in den gut 43 Minuten passiert, eigentlich nicht in Worte fassen kann. Aber nun habe ich mich in die Situation gebracht und entschuldige mich jetzt schon mal für die Unzulänglichkeit meiner Ausführungen. Aber es soll ja subjektiv sein, oder?

LAUGHING STOCK beginnt mit einer 18-sekündigen Pause. Nur ein leises Gitarrenrauschen ist zu hören. Vielmehr das Geräusch des Raumes, in welchen hinein die folgende Großtat erklingen soll. Oder mit John Cage (der sein Werk Organ2/ASLAP ja bekanntlich mit einer eineinhalbjährigen Pause beginnen lässt): der Klang der „schweigensverweigernden Welt“. Es folgt ein Gitarrenakkord, der diese Stille regelrecht zerschneidet und mir jedes Mal die Brust, weil er vielleicht schon alles an diesem Album vereint, was es ausmacht: Er klingt so frei schwebend und dennoch spannungsvoll, gleichzeitig zu Tränen rührend schön wie aus einer anderen Welt. Ein kammermusikalisch, punktueller Moment der Spannung, wie man ihn zuletzt vor gut 80 Jahren bei Charles Ives oder bisweilen gar Anton Webern gehört hat.

Nach gut einer Musik setzt Mark Hollis’ unverwechselbare Stimme ein: „Place my chair at the backroom door.“ So viel Schmerz klingt in dieser Stimme mit, als trüge sie das Elend der Welt auf den Schultern. Dabei ist es eigentlich egal, was er singt. Es klingt so seltsam entrückt als hätte er im Liegen gesungen, wie damals ein Rezensent bemerkte. Er soll im Studio viel mit Kerzen und Weihrauch gearbeitet haben. Und regelrecht orthodoxe Erfurcht ruft sein entwaffnender Gesang hervor, an den heute allerhöchstens ein Will Oldham heranreichen kann. Diese unbegreifliche Sphärenmusik von „Myrrhman“, dem ersten Stück der Platte, endet in einer überirdischen Streicherseligkeit und damit den vielleicht schönsten gut 1,5 Minuten Musik, die je auf Band verewigt wurden.

Man könnte mit einer unendlichen Liste an musikalischen Skurrilitäten fortfahren, die sich die Herren Hollis und Friese-Greene haben einfallen lassen, die aber bei aller Ausgefallenheit immer eines sind: einfach nur wunderschön. Und das ist es dann auch, was diesen düster-erhabenen Monolithen (eine verhasste, aber ausnahmsweise passende Vokabel) von einem Album auszeichnet. Es ist Avantgarde, d.h. allem heutigen, das es vor fast 20 Jahren vorweg genommen hat, immer noch kilometerweit voraus, sperrig, niemals vorhersehbar und zu jeder Sekunde so unzweifelhaft eigenwillig, als sei es nicht von dieser Welt. Aber gleichzeitig immer emotional zutiefst ergreifend und von einer ästhetisch erhabenen Vision durchdrängt, die mich zumindest einfach nur glücklich macht (und natürlich maßlos einschüchtert). Ich glaube, so würde ich meine musikalische Idealvorstellung definieren und also auch eines meiner Lieblingsalben, an dem ich mir mein Leben lang die Zähne ausbeißen werde.“ (http://www.musikexpress.de/Get_Well_Soon_%C3%BCber_LAUGHING_STOCK_von_Talk_Talk.html)

Indipedia über das Album

65daysofstatic – One Time For All Time (2005)

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„’65 Tage‘ meint keine bestimmte Zeitspanne. Nicht die Länge ist entscheidend. Es geht um das Ereignis an sich.“ 65 Tage absoluten Stillstands. Regungslosigkeit. Existenz irgendwo zwischen Sein und Nichtsein. Schier unermessliche Intensität. Ein Quartett aus dem mittelenglischen Sheffield hat sich zur Aufgabe gemacht, die explosive Spannung dieses Ereignisses zu vertonen.

Keine zwölf Monate sind vergangen, seit „The Fall Of Math“ unser Zeitgefühl pointiert wie wenige Platten zuvor in Frage stellte. Material für eine ganze Hand voll Alben war das, was 65dos in eine Dreiviertelstunde flammender Instrumentalromantik verpackten. Zeit schien selten so relativ. Der Nachfolger intensiviert das Moment der Dichte und hebt die Idee, Postrock in Popsongformat zu gießen, auf den nächsten Level.

„Drove Through Ghosts To Get Here“ stottert mit einem Schwall atmosphärischer Drum’n’Bass-Dämonen ins Kopfhörerkino, dem flirrende, heulende und flächige Elektronik fast organisches Leben einhaucht. „Mean Low Water“ ist ein Paradebeispiel solcher Sequenzerkunst: Gitarrenspuren werden bis zum Erdrücken gestapelt, tollwütige Polyrhythmen bis zur Raserei potenziert und Pianos aufeinander gehetzt, bis der Lautstärkeregler anschlägt und das Stück mit irrer BPM-Zahl vollends ins Kakophonie-Chaos stürzt.

Dem unglaublichen Ideenreichtum zum Trotz schaufeln die Briten den Zugang zur Nachvollziehbarkeit immer wieder frei. Der hymnische Cyberpunk von „Await Rescue“ beobachtet zwei seufzende Notebooks beim Heavy Petting, funktioniert jedoch vorrangig als grandioser, in sich geschlossener Track. So geradeaus wie im Mogwai-Aereogramme-Bastard „23kid“ landete der Vierer bisher nie auf Plastik. Und „The Big Afraid“ vertont das Gefühl beklemmender Angst, wie es sonst nur der spanische Experimentierclub Migala vermag.

Aber erst das weltumarmende „Radio Protector“ verleiht dem 37-minütigen Parcoursritt endgültig das Gütesiegel A+: Ein wirklich herzzerreißendes Klavier lädt epische E-Gitarren, passgenaues Schlagzeug und Glockenspiel zum Emotionscrescendo. Monumentale Schönheit steigt per Anhalter zu, bis diese Perfektion von einem berührenden Song die Abfahrt Richtung weißes Rauschen nimmt und schließlich friedvoll ausklingt.

„These are songs with no words, but they are screaming“, weiß das Booklet. Der Satz gehört mindestens doppelt unterstrichen. „One Time For All Time“ manifestiert das Schaffen einer Band, die das bewährte Postrock-Nest seit Anbeginn mit eigener Vision ausfüllt und ihre Unverzichtbarkeit für packende, zugängliche und anspruchsvolle Musik ein für allemal unter Beweis stellt.“ (http://www.laut.de/lautstark/cd-reviews/1-0/65daysofstatic/one_time_for_all_time/index.htm)

Godspeed You! Black Emperor – Slow Riot For New Zero Kanada (1999)

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„Das Prinzip Hoffnung

In krakeliger Schrift wird das Wort „Hope“ schwarzweiß auf eine Leinwand projiziert. Hoffnung steht auch auf dem Hammer, der nervös und wackelig in einer Endlosspur durchs Bild kreist. Später wird der Film gewechselt. Dann sieht man verlassene Industrieanlagen, einen grauen Hund, desolate Häuser, weite Parkplätze und große, traurige Kinderaugen. Vor der Leinwand hat sich die kanadische Band Godspeed You Black Emperor! zu neunt aufgebaut, die Filmprojektionen sind ihr Kommentar zu den herrschenden Verhältnissen.

Seit ihrem Debüt mit dem relativ unaussprechlichem Titel „f#a#?“ sind Godspeed You Black Emperor! die Lieblingsband der Musikpresse. Für den britischen New Musical Express war „f#a#?“ das Album das Jahres, für die deutsche Spex gar die Platte des Jahrtausends. Godspeed You Black Emperor! musizieren an der Grenze zwischen Ennio Morricone, Neurosis, Tortoise und einem Kammermusikorchester. Ihre extralangen Stücke sind pathetisch, dissonant und schön, laut und leise.

Alle Stücke funktionieren nach festem Schema: ein Instrument beginnt mit einer Ahnung einer kleinen Melodie, das Thema wird beharrlich wiederholt, das nächste Instrument steigt ein, später auch die anderen, zwei Streicher, fünf Gitarren (zwei Bass- und drei E-Gitarren), zwei Drums schichten sich zu einem mächtigen symphonischen Klang. Erst steigert sich die Lautstärke, dann die Intensität, alles läuft zu auf einen letzten kathartischen Moment bis der Song kippt Erlösung. Müdes Nachgeplänkel folgt und dann geht alles wieder von vorn los. Immer und immer wieder.

Die Darbietung geht stumm vonstatten. Die Anwesenheit des Publikums wird von den neun Frauen und Männern nach Möglichkeit ignoriert, streng autistisch bearbeiten sie ihre Instrumente. Auch abseits der Bühne gibt sich das Kollektiv verschwiegen. So geben die Musiker nur Interviews, um zu erzählen, dass sie eigentlich keine Interviews geben. Sie misstrauen den Machenschaften der Musikindustrie und vergessen dabei, dass Bandname, Plattentitel, Musik und Generalverweigerung in der Summe einen attraktiven Mythos ergeben, der wirksamer ist, als jede Werbekampagne.

Mit „Slow Riot For New Zero Kanada“ belegten Godspeed You Black Emperor! Platz eins der britischen Independent-Charts, mittlerweile sind sie eine begehrte Liveband, die im Mittelpunkt des Interesses steht. Sie sind das spektakuläre neue Ding, nach dem die Musikpresse Saison für Saison sucht…“ (http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/1999/0813/none/0084/index.html)

Wikipedia über GY!BE

Explosions In The Sky – Those Who Tell The Truth Shall Die, Those Who Tell The Truth Shall Live Forever (2001)

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„zweifellos handelt es sich bei Explosions In The Sky um eine höchst bemerkenswerte band aus austin/texas, die auch gegenwärtig irgendwo im windschatten der neueren post-rock-welle (was immer das sein mag) segelt und deshalb in europa meist nur durch glücklichen zufall anlanden und den weg in die ohren williger hörer findet. leider!

weil die heroen des genres länger am markt sind, drängen sich für eine erste beschreibung der musik von EITS nur einschlägige vergleiche auf. Mogwai und Godspeed You Black Emperor! können in der tat als äußere eckpfeiler der orientierung dienen. um das verhältnis zunächst negativ zu fixieren: EITS haben weder die epische überbreite von GYBE! (die so weit ist, wie der amerikanische kontinent), noch erreichen sie die schier einzigartige musikalische dichte von Mogwai. Das liegt schon an der instrumentierung der stücke, die einerseits auf den einsatz von komplexen und angereicherten sounds sowie auf jegliche art von fragmentiertem gesang verzichten und andererseits auch das verarbeiten sphärischer experimentalstrecken oder hörspielartiger szenarios (vgl. etwa GYBE! oder Set Fire To Flames) meiden. die gitarrenzentrierten stücke sind zwar zwischen sechs und elf minuten lang und bieten genügend raum für experimente. das musikalische patchworking und das langwierige „entwickeln“ und/oder zerfasern eines themas tritt hier jedoch zugunsten einer wiederholten motiverprobung in den hintergrund, die auch vor überraschenden musikalischen tempiwechseln (track 2 und 5) nicht haltmacht.

die jungs aus austin kommen im ganzen sehr konzentriert und kompakt daher, wobei vor allem das treibende, expressive schlagzeug (mit sehr ordentlicher beckenarbeit) ins ohr springt, das nicht nur den fetten gitarrenstrecken den nötigen drive unterlegt. darüber hinaus gelingen EITS auch in den leisen parts höchst eigenständige musikalische motive von seltener schönheit. die spannung zwischen laut und leise, expression und verhaltenheit ist stellenweise von betörender schnörkellosigkeit. hier ist nichts überflüssig, die musik stimmt auch in der summe und vermag zu überzeugen.

nicht verschwiegen werden soll auch, daß EITS – wie ihre großen brüder von GYBE! – zumindest auf ihrem ersten album ein eminent zivilisationskritisches anliegen verfolgen. Das zeigt nicht nur das artwork des covers. Auch der enigmatische titel des albums gibt erste, wenn auch dunkle hinweise: those who tell the truth shall die, and those who tell the truth shall live forever. das klingt zunächst nach nonsense, ist aber im ganzen einer naturreligiösen leitidee verpflichtet, deren inhalten man auch bei genauem hinhören etwas näher kommen kann. track 4 (have you passed through this night?) beginnt mit einer kurzen originalsequenz (filmmusik und o-ton) aus terrence malick’s 1998 veröffentlichtem kriegsepos „the thin red line“, der in seiner metaphysischen dimension den menschlichen tod als endstation sehnsucht und/oder durchgangsort zum ewigen leben der natur auslotet. wer mehr über die verbindung von „shall die“ und „shall live forever“ erfahren möchte, sehe sich den film an. Das album ist offenkundig von mallick’s ideenkosmos und seiner grundlegenden sinnsuche im kriegsgeschehen inspiriert und kreiert dies auch in der aufteilung der stücke: die tracks 1-3 kreisen um das sterben, die tracks 4-6 um das ewige leben, wobei sich die stücke der zweiten hälfte auf jene der ersten beziehen und deren musikalischen themen weiterentwickeln. also auch für freunde von sogenannten konzeptalben eine echte herausforderung. im ganzen überaus lohnende musik, die aufmerksamkeit verdient. (guido) “ (http://www.amazon.de/review/R3JHM6U5XVFSEI/ref=cm_cr_rdp_perm).

Wikipediabeitrag zur Band

Explosion In The Sky bei laut.de

Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra & Tra-La-La Band – Horses In The Sky (2005)


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„Elektrische Stühle und Ex-Präsidenten. Industrialisierung und Vaterlandsverrat. Efrim Menuck und seine Mitanarchisten schlagen mal wieder zu: gewaltfrei, basisdemokratisch, subversiv. Mittlerweile sieben unstete Geister rütteln unter dem Silver Mt. Zion an allen Grundfesten, die sie zu fassen bekommen. Und werden dabei so persönlich, wie ein brennender Molotov-Cocktail in der Nachttischschublade. „Horses in the sky“.

Die Hölle hingegen ist voller Geigen. Am Boden lungern Mandolinen, Harmonium, Stromgitarren herum. Dazu wird weiter aus dem Gebetbuch der Globalisierungsgegner gesungen, ohne sich um Tonlagen oder Melodien zu scheren. Stattdessen haben A Silver Mt. Zion Genosse Groove als Mitstreiter gewonnen. Im umwerfenden Opener „God bless our dead marines“ taumelt, hüpft und zappelt er bis zur Besinnungslosigkeit mit dem Tomahawk in der Hand ums Lagerfeuer herum. Ein kriegsversehrter Reggae und ein marodes Requiem zugleich.

„Mountains made of steam“ windet sich im Crescendo des Ungemachs. Man stelle sich die rostigen Banjos aus The Notwists „Neon golden“ ohne passende Beats vor, und denke sich zum Finale einen eruptiven Walgesang von Zerrgitarre hinzu. Pseudoklassische Klänge wie zerlaufenes Zelluloid. Dagegen jedoch wirkt David Lynchs Pananoia wie aufmunternder Kinntop. Kein Wunder, daß dem sanften Säuseln des Titelstücks jedwede Beruhigung abgeht. In „Teddy Roosevelt’s guns“ wiederum beklagt ein vaterlandsloser Geselle „Canada, oh Canada, I’ve never been your son.“ Und man weiß nicht, ob die zerschossene Zerbrechlichkeit dieser Feststellung Selbstmitleid oder Resignation ist. In den abschließenden fast vierzehn Minuten Nervenzusammenbruch zerflattert dann „Ring them bells (Freedom has come and gone)“ wie eine morsche Fahne im Wind, bis der letzte Faden davonweht.

„Sechs kaputte Walzer für die Weltkriege vier bis sechs“, heißt es an anderer Stelle über das Album. Kein Dementi von dieser Seite. „Horses in the sky“ hinterläßt verbrannte Erde und wirft Fragen auf wie Bombenkrater. Die rätselnden Gesichter wanken im Rhythmus der morbiden Mantras. Passend dazu haben A Silver Mt. Zion schon wieder ihren Namen verunstaltet: Ein Chor gestrichen, ein E dazu, fertig ist Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra & Tra-La-La Band. Kaum zu fassen.“ (http://www.plattentests.de/rezi.php?show=2894)

Ein paar Wikipediainfos zu dieser außergewöhnlichen Gruppe

Infos zur Band bei Intro

Ein Fanvideo

Mogwai – Rock Action (2001)

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„Ein Gefühl wie ein Traum, den niemand sich traute, zuende zu träumen, bekommt ein Kleid aus Klängen. Mogwai fassen Atemzüge in Töne und Stimmungen in hörbare Gefühle. Haß, Wut und Zorn haben keine Einladung zu dieser „Rock action“. Sanfte Luft fließt durch die Lücken. Selbstverzehrende Niedergeschlagenheit und zaghafter Optimismus beginnen damit, Freundschaft zu schließen, während draußen die Kälte einer industrialisierten Welt um sich greift.

Weg von den durch tektonische Verschiebungen aufgeschichteten Klanggebirgen von „Come on die young“ zieht es die kosmischen LoFi-Gebilde von Glasgow’s finest jetzt auch ins Tal der niedergeschlagenen Ruhe. Erinnerungen an damals finden ihren Platz im weiten Feld ausufernder Melancholie. Traurige Gitarren erkennen „You don’t know Jesus“ und reiten auf der „Sine wave“. Verzagte Stimmen trauen sich ins Licht. Die Einsichten ins Seelenleben stecken voller betrüblicher Weisheit: „2 rights make 1 wrong“.

Zwischen Scheppern und Schwelgen sammeln sich einzelne Töne, nehmen einander an der Hand und krümmen sich zu hymnischem Weltschmerz und euphorischer Untergangstimmung. „Take me somewhere nice“ verlangt eine Stimme, die selber nur an das eigene gebrochene Herz zu glauben scheint. Jegliche Erleichterung erscheint als Marginalie. Zu zerbrechlich fühlen sich die kostbaren Hoffnungen an, um sie leichtfertiger Überheblichkeit zu opfern. Und während draußen weiterhin Frost und Frust nach unseren Seelen greifen, wandern wir mit Mogwai durch den Schwermut Forest und freuen uns über ehrliche Tränen. (Oliver Ding)“ (http://www.plattentests.de/rezi.php?show=495)

Wikipediaeintrag (en) zum Album

Low – The Curtain Hits The Cast (1996)

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„Für eine Band, die CODEINE seit nunmehr drei Alben den Rang in Sachen tongewordener Langsamkeit und Tristesse abzulaufen scheint, beweist das Trio aus Duluth/Minnesota eine merkwürdige, ja fast skurrile Art von Humor, welcher man in dieser Kombination doch eher selten begegnet. Zeilen wie „Lent you my favourite dictionary/ came back with ripped out pages – you can’t stop violence“ sind da keine Seltenheit, und man fragt sich, ob die drei derart gepflegten Sarkasmus immer auf Valium zelebrieren, wo sie zur Feier des Tages doch bereits JOY DIVISIONs „Transmission“ tempomäßig völlig zum Erliegen brachten und dem Ganzen einen beinahe surrealen Anstrich verpaßten.

Überhaupt scheint es LOWs erklärtes Ziel zu sein, die Grenzen des Machbaren in diesem Bereich auf jeder Veröffentlichung neu ausloten zu wollen, und so verwundert es kaum, daß „The Curtain Hits …“ klingt wie die Zeitlupen-Version der bereits äußerst schwermütigen, aber nicht minder beeindruckenden Vorgänger-Alben „I Could Live In Hope“ und „Long Division“ und daß mit „The Plan“ ein Stück enthalten ist, welches Eure Tränensäcke unweigerlich auf Horst Tappert-Format anschwillen lassen dürfte und selbst mit „schrecklich schön“ nur höchst unzureichend beschrieben werden kann … Für all die Gelegenheits-Depressiven unter Euch und diejenigen, die einem verregneten Sonntag-Nachmittag durchaus etwas Positives abgewinnen können, führt absolut kein Weg an dieser Platte vorbei …!“ (http://www.intro.de/platten/kritiken/23020773)

The Silver Mt. Zion Memorial Orchestra & The Tra-La-La Band – Born Into Trouble As The Sparks Fly Upward (2001)

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„Name und Titel jenseits aller Merkbarkeit deuten es schon an: Es handelt sich um ein Seitenprojekt von Godspeed You Black Emperor!. Und nicht nur die Verpackung (auf handgemacht getrimmte Pappe; wenn man böse sein wollte, könnte man es anthroposophisch nennen, also: Veleda-Style), sondern auch die Instrumentierung erinnert verblüffend an Godspeed. Tapeschleifen und Streicher bahnen sich da einen langsamen, in Strudeln gezogenen Weg durch klangliche Ursuppen, die jeder Therapeut als pränatale Berieselung nur wärmstens empfehlen könnte. Friedvoll, wallend und harmonietrunken stimmt uns die Musik auf einen langen Herbst und einen noch längeren Winter ein.

Songs? Ach was, ausufernde Epen ganz ohne Songstruktur, passend zum befürchtbaren “Herr der Ringe”-Boom. Und obwohl es wieder einmal tausend Gründe gäbe, diese Band, deren Namen ich hier nicht noch einmal niederschreiben möchte, zum Esoterik-Teufel zu wünschen, hat ihre Musik etwas schlichtweg Ergreifendes. Immer davor gefeiht, in den ganz großen Kitsch abzugleiten, immer auch bemüht, überfrachtetes Artrock-Pathos zu vermeiden, gleiten die Sounds leicht dahin wie Nebel über einem ruhigen morgendlichen See. Diese Musik erlaubt ein ungehemmtes Schwelgen, denn sie hält sich fern von den einstigen Materialschlachten der Rockmusik, ganz zu scheigen von peinlichen “Rock goes Classic”-Zusammentreffen. Es gelingt ihr, mit analogem Repertoire eine Stimmung von Flow zu erzeugen, die elektronischer Musik – etwa Biosphere und Gas – sehr nahe kommt. Das ist – zumal bei einem solchen ans Orchestrale reichenden Equipment – eine durchaus seltene Kunst, nämlich die der nötigen Selbstbeschränkung.“ (http://www.intro.de/platten/kritiken/23028597/the_silver_mt_zion_memorial_orchestra__tra-la-la_band_born_into_trouble_as_the_sparks_fly_upward)

Indiepedia zu Thee Silver Mt. Zion

Bei Biografietext auf laut und MTV