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Lali Puna – Scary World Theory (2001)

Reinhören

„„Don’t work for people you can’t trust“, heißt es konsequent und richtig in „Middle Curse“… Lali Puna sind durchaus wohlgelitten und around, erscheinen aber immer wenig greifbar, fast als eine Chimäre, weshalb hier im letzten Heft festgestellt werden musste (gegen einen PR-Schreiber!), dass Lali Puna nicht aus Schweden kommen. Lali Puna bewegen sich auf dem schmalen Grat zwischen Song und Track, allerdings mit dem originellen Ansatz, diesen Grat innerhalb jedes Songs/Tracks schmal zu halten, statt auf eine vergleichsweise simplere Abwechslungsdramaturgie zu setzen. Gerade im Vergleich mit dem Vorgängeralbum „Tridecoder“ erscheint das neue viel organischer und löst das Versprechen eines eigenständigen Popkonzepts (PR-Info) tatsächlich ein. Dabei ist auch dieses Album eher zurückhaltend, ist kein Ereignis mit großen Gesten (wie etwa die Strokes oder Zoot Woman), sondern vertraut auf die Kraft des Kleinteiligen, das auch aus der Not eine Tugend zu machen versteht. Valerie Trebeljahrs Gesang käme bei konventionelleren Arrangements vielleicht allzu gefällig daher. Im Ensemble jedoch geschieht fast schon Alchemistisches: man hört die Töne, die sich plötzlich zu den schönsten, einnehmendsten Melodien entfalten, obwohl sie, Schicht für Schicht isoliert betrachtet, durchaus monoton sind. Geheimnisvolle Spannungen in der Tiefenstruktur. Alles wunderbar, klingt in seiner Reduziertheit wie ein absolut zeitgemäßes Update von „Colossal Youth“: Man kann die Platte für melancholisch halten, bis man feststellt, dass sie die Gleichgültigkeit eines Unsterblichen ausstrahlt. Aber dann hört man den Zorn eines kleinen Mädchens … „Suit or revolt, it’s up to you.“ (http://www.intro.de/platten/kritiken/23028430/lali-puna-scary-world-theory)

Video zu middle curse

The Notwist – Neon Golden (2002)

Hörprobe

„Ich habe in meinem Zimmer ein Denkmal aufgebaut. Es ist ein schwarzer, ca. einen Meter hoher Monolith aus Kohle mit quadratischem Grundriss. Darauf steht ein majestätisch anmutendes rotes Pappding. Goldenes Neonlicht strahlt davon aus. Es ist ein Denkmal für das, was mir den Tag gerettet hat. Auf neue Notwist-Platten zu warten war schon immer etwas Besonderes. Natürlich können wir Musikjournalisten so eine Vorfreude gar nicht mehr nachvollziehen, weil wir immer mit Vorab-CDs versorgt werden. Aber als ich hörte, dass die Plattenfirma diesmal nur Tapes verschickt, beschloss ich zu warten. Natürlich konnte ich nicht umhin, die erste 12-Inch “Trashing Days” zu kaufen.

Und am Video zu “Pilot” kam man ja auch nicht vorbei. Aber ich habe noch keine einzige von den Reviews in den Mitbewerberblättern gelesen, nur das, was mein Freund Säm mir geschrieben hat. Er war außer sich. Ich war gespannt. Fünf Tage vor der Veröffentlichung habe ich die CD dann doch im Briefkasten. Das erste Stück heißt “One Step Inside Doesn’t Mean You Understand”. Eine Warnung vorneweg? Das Stück ist schön. Nicht mehr, nicht weniger. Dann kommt “Pilot”. Kenne ich, finde ich eher enttäuschend. Notwist machen Popmusik. Das sollen sie nicht. Beim dritten Lied liege ich dann am Boden. Das sind die Notwist, die ich liebe, das ist, was ich erwartet, was ich erhofft hatte. Da sind die kalten Schauer wieder auf meinem Rücken, die ich von “No Encores” auf der letzten Platte “Shrink” kenne. Bei “Trashing Days” sind Notwist ein bisschen die Pet Shop Boys – dürfen sie. Ab jetzt dürfen sie alles. Auch Lieder wie “Pilot” machen. Bei “This Room” sind sie sie selbst zur Zeit des “12”-Albums. “One With The Freaks” ist das “Chemicals” dieser Platte. “Off the Rails”, oh, das kenne ich auch schon in ähnlicher Version vom Soundtrack des Films “Crazy”, ist ein Sonnenstrahl in einer verschneiten Winterlandschaft. Entschuldigt mich kurz, ich muss weinen. Das ist, was ich gedacht und gefühlt habe, als ich “Neon Golden” angehört habe. Es liegt mir fern, tiefenpsychologische Mutmaßungen niederzuschreiben, denn ich bin kein Psychologe, auch will ich keine komplizierten pan-popkulturellen Betrachtungen anstellen, die der Band möglicherweise fernliegen. Außer: Notwist haben ein profitables Angebot eines Majors abgelehnt, weil sie nicht selbst hätten entscheiden dürfen, auf welche Sampler das Label sie wirft. Sie nerven nicht durch Überpräsenz in den Medien, beschwören aber auch nicht die öde Kein-Bock-auf-Interviews-Attitüde. Sie lassen sich wie nur sehr wenige andere Bands von dem ganzen Pop-Trara nicht die Bohne beeindrucken, und sie gehen keinesfalls hausieren damit. Sie haben unmoderne Frisuren und tragen auf der Bühne graue Sweatshirts mit Reißverschluss und uralte T-Shirts von Bands, die niemand kennt. Notwist sind einfach Notwist, und deshalb sind sie furchtbar wichtig. Ich habe sehr viele Gänsefüßchen in diesem Text benutzt, aber die meisten beziehen sich auf Notwist selbst. Das ist es, was der spröde schwarze Kreis auf dem Cover bedeutet. Was Postrock bedeutet, ist mir egal, solange es solche Platten gibt.“ (http://www.intro.de/platten/kritiken/23028705/the-notwist-neon-golden)