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Autechre – Incunabula (1993)

Hörprobe
Welche 10 Platten würde ich mit auf eine einsame Insel nehmen? Hm, schwere Frage, aber Incunabula von Autechre kämen in die ganz enge Wahl. Schließlich ist es dieses Album, von dem ich wusste, dass es als erstes gehört werden würde, wenn ich mich mir mal eine Surround-Anlage anschaffe (Das geschah dann auch vor einigen Jahren und war eine wahrlich akustische Erleuchtung). Incunabula ist das Erstlingswerk von Autechre (Rob Brown und Sean Booth) aus den 90er Jahren und darf sich ein (kleines) Meisterwerk nennen. Vergleiche mit anderen Größen gepflegter elektronischer Musik (Aphex Twin, Future Sound of Londen etc.) sind erlaubt und Warp-Records bewiesen wieder mal einen richtigen Riecher. Zwar zeichnet sich Autechre mit einer Musik aus, die mit mathematischer Abstraktion gut umschrieben sein könnte, gerade wenn man die späteren Werke hört. Dennoch enthalten die ersten Albem und EPs, und Incunabula ist da ganz vorn dabei, stets ein warmer Grundton, der den Kern bildet, um den die Soundflächen fließen. Diese verdecken ihn hin und wieder, bis er mit mit leisen pulsieren oder einem mächtigen Ausbruch wieder zum Vorschein kommt, um alles warmorangepurpurcarbenetrot zu malen, was sich eben abkühlen wollte. Auch wenn Incunabula wunderbar als Hintergrundmusik funktionieren kann, sollte das Album bewußt über Kopfhörer oder eindeutiger Lautstärke gehört werden, um in diese Welt abtauchen und die vielen Details und Finessen hören zu können. Da wäre dann die einsame Insel doch ein guter Platz für dieses Album…

Wikipedia (engl.) mit Informationen zum Album

Múm – Finally We Are No One (2002)

Hörprobe
„Manchmal tun Musiker das Unerwartete und lösen doch Erwartungshaltungen ein. Befragt nach der veränderten Charakteristik des Sounds auf seinem neuen Album, antwortete Örvar Smárason von der Band Múm jedenfalls in eher unkonventionellen Metaphern: „It used to be all libraries and kids on bikes in the sun, but now the sound has melted into a valley with wooden electronic apparatuses in the middle and a tunnel.‘ Die zunächst durchaus erstaunliche Auskunft relativiert sich hingegen schnell durch die Zusatzinformation, dass es sich hier um eine isländische Band handelt. Denn in Island wird Normalität anders buchstabiert. Nach jüngsten Umfragen glauben dort 54,4 Prozent der Bewohner an die Existenz von Elfen, und normalerweise recht vernünftige Menschen beginnen allerorten schon mal über die Klänge von Geysiren und rauschenden Wasserfällen zu fabulieren, weil sie so fasziniert von der obskuren Geheimsprache sind, in der Sigur Rós ihre Lieder hauchen. Natürlich ist das etwas polemisch umschrieben. Und auch ungerecht. Schließlich haben Múm einen wirklich erhabenen Fluss dichter und zugleich lichter Musik aus der Abgelegenheit einer isländischen Bucht in die Welt entlassen. Oder viel besser: Mit den Mitteln hölzerner elektronischer Apparaturen, welche die Differenzen zwischen einem Cello, einem Glockenspiel und programmierten Klängen weich zeichnen, geben die Isländer der Welt das Gefühl ihrer eigenen Abgelegenheit zurück. Die Songs lösen sich während des Spielens in ätherische Gase auf, die weibliche Gesangsstimme zeugt in ihrem Schwebezustand von der Ankunft an Nicht-Orten, wo sie scheinbar von den Notwendigkeiten der Existenz befreit ist. Der Titel „Finally We Are No One‘ bezeichnet somit eine anzustrebende Finalität: das Entweichen, das sanfte Verflüchtigen. Allerdings findet das Entrücken auf einem der bürgerlichen Kultur nicht gerade unbekannten Terrain statt. Äußerungen der Band zufolge vollzieht und begleitet ihre Musik nämlich unergründliche Bewegungen der Innerlichkeit. Der Klang produziert imaginäre Filme und initiiert die Suche nach verlorenen Gefühlen und wiederzufindender Zeit. Da ist es vielleicht interessant zu erfahren, dass Island erst mit der Romantik für Europäer als Reiseziel attraktiv wurde. In einem Moment also, in dem die bürgerliche Kultur eine Wendung nach Innen vollzog und sich selbst als bürgerliche Kultur unheimlich wurde. (Sven Opitz)“ (http://www.amazon.de/Finally-We-Are-No-One/dp/B0000668TI)

Wikipedia zu Múm

Autechre – EP7 (1999)

Hörprobe
„On first listen, this record could give the impression that Autechre was turning into the techno version of math-rock (that undanceable, frequently atonal stuff that the kids in horn-rims seem to dig so much these days — Polvo, Slint, June of 44.). There didn’t appear, on first listen, to be as many nods to the classic electro-old-version-of-futurism sounds that make Autechre such an easy act to fall for. Another quick thought is that maybe EP7 sounds a little too much like Aphex Twin, which isn’t so bad, so much as it would have been a shame since Autechre has their own sound, and doesn’t need anyone else’s.

EP7 is not just the same old bleeps and bloops that one may or may not be used to from Autechre, and it’s not a drastic stylistic departure either. Tempos have become faster, rhythms more complex, and as ever, Rob Brown and Sean Booth have found a way to recycle the weirdest screeblings this side of your modem into melody lines.

Autechre’s music is innovative and as instantly recognizable as any singer’s voice. Every now and then a recognizable keyboard or drum machine sound might pop up, but its quickly swallowed by the most creative use of surface noise this side of Flying Saucer Attack. The results show up as rhythms that are anything but four-on-the-floor and harmonies that feature dueling washing machines instead of banjos. Autechre wraps their sonic constructions tight, and if you wish, they’ll seal you in with them. (Pearson Greer )“  (http://www.flakmag.com/music/epseven.html)

Wikipediaeintrag zu Autechre

Autechre – Amber (1994)

Reinhören
„Die dichte, mathematische Musik, die Autechre auf ihrem Debütalbum Incunabula präsentierten, wird auf dem Nachfolger Amber mit einem neuen Kniff versehen. Während bei der früheren Arbeit die Percussions im Zentrum standen, dominieren hier hochentwickelte Melodien und Strukturen. Der Geist des Electro lebt noch immer in den gedämpften, rhythmisch komplexen und seltsam funkigen Beats. Aber sie bilden nicht nur den Hintergrund; sie verschmelzen nahtlos mit dichten Streicherlagen, umherschweifenden Synthesizer-Motiven und massiven Bruchstücken brutalen Lärms. Das ist hochintellektuell, aber auf keinen Fall gefühllos. Sind Tracks wie „Glitch“ und „Peizo“ dicht und undurchdringlich, so deckt der Großteil von Amber emotionales Gebiet ab, von schrullig und schnell („Slip“) bis hin zu melancholisch („Nine“). Diese hochemotionale „Maschinenmusik“, die auf den späteren Alben Tri Repetae++ und LP5 hervorragend fortgeführt wurde, macht aus Autechre eine der wenigen wirklich denkwürdigen Bands der modernen elektronischen Musik. (Matthew Corwine)“

Wikipedia über Autechre

Lali Puna – Scary World Theory (2001)

Reinhören

„„Don’t work for people you can’t trust“, heißt es konsequent und richtig in „Middle Curse“… Lali Puna sind durchaus wohlgelitten und around, erscheinen aber immer wenig greifbar, fast als eine Chimäre, weshalb hier im letzten Heft festgestellt werden musste (gegen einen PR-Schreiber!), dass Lali Puna nicht aus Schweden kommen. Lali Puna bewegen sich auf dem schmalen Grat zwischen Song und Track, allerdings mit dem originellen Ansatz, diesen Grat innerhalb jedes Songs/Tracks schmal zu halten, statt auf eine vergleichsweise simplere Abwechslungsdramaturgie zu setzen. Gerade im Vergleich mit dem Vorgängeralbum „Tridecoder“ erscheint das neue viel organischer und löst das Versprechen eines eigenständigen Popkonzepts (PR-Info) tatsächlich ein. Dabei ist auch dieses Album eher zurückhaltend, ist kein Ereignis mit großen Gesten (wie etwa die Strokes oder Zoot Woman), sondern vertraut auf die Kraft des Kleinteiligen, das auch aus der Not eine Tugend zu machen versteht. Valerie Trebeljahrs Gesang käme bei konventionelleren Arrangements vielleicht allzu gefällig daher. Im Ensemble jedoch geschieht fast schon Alchemistisches: man hört die Töne, die sich plötzlich zu den schönsten, einnehmendsten Melodien entfalten, obwohl sie, Schicht für Schicht isoliert betrachtet, durchaus monoton sind. Geheimnisvolle Spannungen in der Tiefenstruktur. Alles wunderbar, klingt in seiner Reduziertheit wie ein absolut zeitgemäßes Update von „Colossal Youth“: Man kann die Platte für melancholisch halten, bis man feststellt, dass sie die Gleichgültigkeit eines Unsterblichen ausstrahlt. Aber dann hört man den Zorn eines kleinen Mädchens … „Suit or revolt, it’s up to you.“ (http://www.intro.de/platten/kritiken/23028430/lali-puna-scary-world-theory)

Video zu middle curse

Sweet Exorcist – C.C.C.D. (1991)

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„A well-balanced mixture of more traditional techno and experimental electronic, both danceable and listenable. ~ Sean Cooper“  (http://www.showmehowtoplay.com/artist/Parrot/albums/?key=&album_id=R000235811)

„Sweet Exorcist is a collaborative project between Richard H. Kirk (Cabaret Voltaire, Sandoz, Electronic Eye) and Sheffield colleague DJ Parrot. Although they’ve recorded together only sporadically since their critically lauded 1990 Warp debut, the pair have been dancefloor mainstays since the U.K. techno second wave of the early ’90s. Their works have been collected on numerous Warp compilations — including the Artificial Intelligence series and the Blech mixtape — thereby tagging them as techno-based listening music, but the group remain equally popular among the DJ set. Kirk and Parrot have also released, solo and in combination, a slew of EPs on the Alphaphone label under names such as Robots and Humanoids and Code Warrior, among others. ~ Sean Cooper, All Music Guide“ (http://www.artistdirect.com/artist/bio/sweet-exorcist/499289)

SND – Tender Love (2002)

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„17 tracks wide, no track titles, no mistakes, nothing but the good stuff. Inspecting the ‘less is more’ aesthetic and proving that sound analysis and precise rhythm construction do not have to mean heartless analyticism, Mat and Mark have taken the formula one step further and have produced a third album that must surely count as their best work to date. Diving straight into the CD – track 4 – and you’ll discover that the micro-beat has been mutated into what you must deliciously call micro-2 step! The groove is delicious, precise sparkling keys and a sharp allignment of clicks and bass kicks that will ensure that even the most bearded Wire reader will stop analysing and will start to shuffle. Devestating stuff. Following on from there – the reduced aesthetic mutated once again – strictly controlled components – lots of delicate unravelling and heart-moving tones, always placing the rhythmic at the forefront and giving those nice people in Cologne and Montreal something to think about with a template for the future of all things Micro. It’s hard to think of any artists working within the electronic field that have managed to create a sound of their own so thoroughly – concluding that despite relentless efforts from a host of admirers, nothing has ever really managed to sound quite like this, and nothing ever will. Fabulous.“ (http://www.boomkat.com/item.cfm?id=6409)

Autechre – Envane (1997)

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„It begins with a chirping beat and a smooth, deep bass pulse. Then brassy stabs of melody cut in with more staticky rhythm. Shadowy voices sing until the choppy scratching of a rap vocal swirls into the mix. Gradually a roving piano melody ups the complexity. It’s “Goz Quarter,” the first track on the Envane EP by Autechre. This is another gorgeous Ae release that never saw the light of day in the States. Subtle chords, heavy beats, and rattling clicks combine into industrial plant melodies. It’s a shame this one hasn’t been released in the US, because it’s classic Chiastic Slide-era Autechre and one of my favorites.“ (http://www.gridface.com/reviews/envane.html)

Wikipedia über Autechre

Kim Hiorthoy – Melke (2002)

Die Musik des norwegischen Multitalents Kim Hiorthoy ist scheint mir nach der Suche des Vergangenen in der Zukunft zu sein. Mittels digitaler Instrumente schafft er verrauschte, irgendwie analog klingende Geschichten zu erzählen, die so klingen, als kämen sie direkt aus der Vergangenheit. Mich erinnern sie an Laurie Andersons Projekt der paranormalen Tonbanstimmen oder an die Szene(n) im Film Poltergeist, als mit Mary Ann über das TV in Kontakt getreten wird. Hall, Verzerrungen, vernuschelte Stimmfragmente und allerlei andere Artefakte, die Hiorthoy hier verdichtet. Er selbst gibt an, dass ihn seine Jugendliebe zu HipHop und später zu Mo’Wax, DJ Shadow und Krush aber auch Freejazz zu dieser Musik führte: „Man hat all diese Musik im Kopf und dann kopiert man.“ (http://de-bug.de/mag/3270.html).

Oder wie es bei gleicher Quelle so passend zusammengefasst wird: „Kopierkultur von der Basis der Erinnerung aus gedacht, mit einem frischen Interface, das die eigene Sperrigkeit bewahrt und dennoch für Ideen durchlässig macht.“

Evil House, Evil Day

Meine Bildassoziation zum Song „Evil House, Evil Day“

Telefon Tel Aviv – Remixes Compiled (2007)

Reinhören

„…Joshua Eustis und Charlie Cooper sind zwei Studio-Freaks. Ihr Spielplatz sind die unzähligen Sounds und Klänge in ihrem Studio. Hört man sich die über die letzten sieben Jahre entstandenen Remixe an, dann kommt man nicht umhin, Telefon Tel Aviv mit The Notwist zu vergleichen. Aus den Tracks von „Remixes Compiled“ spricht eine ähnliche Besessenheit, ein vergleichbarer Perfektionismus, wie aus den Produktionen der Weilheimer.

Beim Remix des Apparat-Stückes „Komponent“ nähern sich die beiden Bands vielleicht am deutlichsten an. Ungewöhnliche Popmelodien treffen auf detailversessenes Sounddesign. Kein Wunder, dass ein anderer Klangkünstler den eben frisch formierten Telefon Tel Aviv sein Studio für deren erste Produktion überlassen hat. Der Ort waren die Nothing Studios in New Orleans, der Klangkünstler Trent Reznor, das erste Telefon Tel Aviv-Stück ein Remix von Reznors Band Nine Inch Nails.

Wovon andere Musiker ein Leben lang träumen, ist für Eustis und Cooper lediglich der Gründungsmythos ihres Bandprojekts. Seither haben sich Telefon Tel Aviv als virtuose Produzenten einen Namen gemacht und mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen gearbeitet, immer bemüht ihre klanglichen Fähigkeiten weiter zu verfeinern. Ein Streicher-Arrangement des Loyola University Chamber Orchestra hat seinen Weg in den Remix des Oliver Nelson-Tracks „Stolen Moments“ gefunden.

Bei der klanglichen Verfeinerung des Ammoncontact-Stücks „BBQ Plate“ haben sich Telefon Tel Aviv das Studio mit John Herndon geteilt, der sich als Mitglied von Tortoise im amerikanischen Underground einen Namen gemacht hat. Dort fühlen sich auch Telefon Tel Aviv am Wohlsten, wie „Remixes Compiled“ zeigt. Hier brauchen sie sich keine Beschränkungen auferlegen und können ihre Studioqualitäten voll ausleben.“ (http://www.laut.de/lautstark/cd-reviews/t/telefon_tel_aviv/remixes_compiled/index.htm)