Jan Jelinek Avec The Exposures – La Nouvelle Pauvreté (2003)


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Mode und Verzweiflung

Der Berliner Produzent Jan Jelinek stiftete bisher Verwirrung, indem er seine elektronische Musik unter drei verschiedenen Namen, nämlich als «Farben», «Gramm» und eben als Jan Jelinek, veröffentlichte. Sein zweites Album unter bürgerlichem Namen legt gleich mehrere falsche Fährten: Die Begleitband, The Exposures, ist musikalische Fiktion, und auch die frankophone Verheissung lockt ins Leere: Auf «La nouvelle pauvreté» ertönt weder existenzialistischer Jazz noch zeitgenössisches Chanson. Auch Filterhouse à la Daft Punk kommt nicht vor. Das Projekt ist ein anderes: Jan Jelinek kontert die längst fleischlos gewordene Formalästhetik der minimalistischen Powerbook-Musiker (zu denen Jelinek selbst zu zählen ist) mit Geschichte und Gesang, mit Referenzen und Reverenzen.

Erstmals ist Jelineks eigene Stimme zu hören, allerdings nicht als Ausdrucksmedium im klassischen Sinne, sondern eher als verwischte Spur: Wie ein unbeteiligter Musikgeschichtenerzähler hat Jelinek einzelne Phrasen aus bekannten und weniger bekannten Songs eingesungen. So intoniert er Passagen aus dem Stevie-Wonder-Song «Do I love her» oder aus «A Waste Land» von Bryan Ferry. Eine seltsam unpersönliche Wirkung entsteht, weil Jelinek die eigene, in fremden Zungen singende Stimme wie ein Sample unter anderen bearbeitet und retuschiert. Zwischendurch finden sich immer wieder subtile Irritationen und ironische Einlassungen, etwa der von einer Live- Jazzplatte geklaute Applaus. Auch die Hitzegrade einer Klubnacht werden durch sporadische House-Beats sehnsuchtsvoll angedeutet. Im Vergleich zu anderen Jelinek-Publikationen klingt «La nouvelle pauvreté» aber erstaunlich sperrig, schwer und düster. Es scheint, als lauere in den verästelten Klangmustern und knisternden Mikrosounds Mysteriöses und Abgründiges.

Dennoch ist der Musik Pop-Appeal nicht abzusprechen. Vielleicht lässt sich diese Mischung aus Mode und Verzweiflung am ehesten mit dem Ansatz von Roxy Music vergleichen: Wie hinter Bryan Ferrys Glitzergesten verbergen sich auch unter Jelineks sanften Soundoberflächen stets dunkel-desolate Atmosphären, emotional verwüstete Waste Lands. Endlos liesse sich über diese schlichte und doch so dichte Platte nachdenken – nur so viel noch: Jan Jelinek umkurvt elegant die Fallen des Genres «Elektronischer Minimalismus», weil er weder ein Konzept zum Selbstzweck erklärt noch eine beliebige Sample-Orgie anzettelt. Auf «La nouvelle pauvreté» tut sich gleichsam eine utopische Lücke zwischen Übertreibung und Untertreibung, zwischen Luxus und Armut auf. Ein angemessener Name für das beeindruckende ästhetische Resultat wäre noch zu erfinden.“ (http://www.nzz.ch/2003/02/13/fe/article8NROJ.html)

Jan Jelinek bei Wikipedia

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