Figurines – When the Deer Wore Blue (2007)

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Im Nebel

Selig sind die Toten. Erst recht, wenn sie der Welt ein Erbe hinterlassen haben, welches die Erdachse in ihrem Estrich zum Wackeln bringt. Betrachtet man beispielsweise das weite Feld der Popmusik und fährt den Blick am Zeitstrahl entlang: Da hält man im frühen 20. Jahrhundert an, staunt bei den Dreißigern, gerät bei den Fünfzigern ins Stottern und bricht während des Sogs der Sechziger in Tränen aus. Um dem ganzen emotionalen Druck wie eine Wand entgegenhalten zu können, muss man schon ein gestandener Albert Koch sein. Oder ein mutiger Christian Hjelm.

Dessen Band Figurines hat man bisweilen in die Neunziger gemogelt. Zwischen die Socken von Modest Mouse, Built To Spill und Pavement. Eben zu diesen Bands, die dem Grunge den Sargnagel überreichten, die ihr Glück mit Sarkasmus, Minimalismus und anderen unlauteren Mitteln suchten. Zwar gehörten Die Figurines nie zu den Szenematadoren, doch mindestens zu den geachtetsten Mitstreitern. Nach dem großartigen „Shake a mountain“ und dem guten „Skeleton“ war es für das dänische Quartett nun an der Zeit, durchzulüften und sich danach umzusehen, welchen Weg der gelegte Nebel offenbaren würde.

Noch während die letzten Töne des „When the deer wore blue“-Openers „Childhood verse“ in der Luft hängen und sich langsam auflösen, setzt man an zum schrillen Jubelschrei: Hier bahnt sich Großes an. Die Figurines gehen den Weg von heute nach Vorgestern. Schleichen sich ins Herz der Sechziger, packen vor allem die Frühwerke von Pink Floyd an, paaren sich lustvoll mit den weißen Beatles und dem allein im Studio werkelnden Brian Wilson. Schnappen sich Orgel, Xylophon und diverse Alltagsgegenstände, verweben psychedelische Gitarrenklänge mit zuckersüßen Popmotiven.

Das umwerfende „Good old friends“ ist einer dieser Songs, die einem mit einer einfachen Gesangsmelodie eine Gänsehaut durch Mark und Bein jagen, die die Luft anhalten und immer wieder ungläubig hinhorchen lassen. Passiert da wirklich nichts? Wo ist hier der Haken? Das tragisch-komische „Angels of the Bayou“ beginnt wie der beste aller The-Velvet-Underground-Songs und reizt das musikalische Thema bis zur großen Explosion aus. Das zynische, ständig variierende „Lips of the soldier“ ist mehr als der erhoffte Ausklang, die Einladung zum erneuten Durchhören.

Zu einem schelmischen Streich gerät „When the deer wore blue“, richtet man den Blick auf die kauzigen, liebevollen Texte von Hjelm. Immer wieder zerbricht die Sehnsucht an der eigenen Unvollkommenheit, bleibt der eigene Verstand der Verlierer im Kampf der Geschlechter. Kennt man das nicht? Möchte man das nicht täglich lauthals aus sich herausschreien? Es ist nur ein weiterer Grund, dem winzigen Wahnsinn auf „When the deer wore blue“ zu danken, einer Platte, die oftmals mit Worten nur unzureichend zu beschreiben ist. „Can you feel in the air / that you never belonged?“ Wer tut das schon? Wer hält das aus?“ (Christian Preußer) (http://www.plattentests.de/rezi.php?show=5104)

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