Fanfare Ciocarlia – Radio Pascani (1998)

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„Im Laufe der Jahrzehnte haben sie ihren Glanz verloren und eine eigene Patina gewonnen, sie haben unzählige Narben und Beulen und sie sind aus Blech – die Instrumente der Gypsy Brassband Fanfare Ciocarlia. Die elf Roma aus dem Dorf „Zece Prajini“ im Nordosten Rumäniens spielen in enormem Tempo und mit einem unglaublichem Sinn für rasante Rhythmik, traditionelle Tänze und Melodien, wie Sîrba, Hora und Brîu auf Blasinstrumenten – fernab des hierzulande existierenden Schrebergartenklischees.
Das Repertoire von Fanfare Ciocarlia besteht aus einer schier endlosen Menge an Stücken, deren Wurzeln in der Volksmusik des Landes und der Balkanregion liegen und gleichzeitig eine Musiktradition der Roma repräsentieren. Das Vibrato der Trompeten, die mächtige Basssektion, treibende Paukenschläge, die schreienden Saxophon- und wilden Klarinettenklänge lassen uns eindringen in den Sog der langen Partys, die man in ihrer Heimat noch zu feiern versteht. Noten sind den Musikern zwischen 22 und 60 Jahren fremd – die Kunst des Musizierens wurde und wird seit ewigen Zeiten vom Vater zum Sohn weitergegeben. Die Musik der „Fanfaren“ – so bezeichnen die in Rumänien lebenden Roma ihre Blaskapellen, begleiten das rituelle Leben des nördlichen Teils von Rumänien. Ob Geburten, Taufen, Hochzeiten oder andere Feste – überall sind die Fanfaren fester Bestandteil. Die Musiker selbst sagen stolz über ihr Orchester:

„Wir sind eine der letzten Tzigani-Kapellen dieser Art in Rumänien, mit alter Tradition, reichem Repertoire und – wir sind die schnellsten…!“

Sie meinen es ernst damit: hat man bei der Dorfhymne „Sîrba de la Zece Prajini“ noch die Möglichkeit, den Takt mit dem Fuß mitzuhalten, ist die Gefahr groß, bei der „Bâtuta la rînd“ den Boden unter den Füßen zu verlieren.
Es gleicht einem Wunder, wenn sich die Musikerzahl für einige Melodien auf nur vier reduziert und langsame Stücke erklingen, in denen filigrane Klangmuster und poetische Melodien gezaubert werden. Beeindruckend ist auch die außergewöhnliche Besetzung dieses zeitweiligen Quartetts: Basstuba, Baritonhorn, Trompete und Saxophon. In akrobatischer und zartfühliger Weise lassen sie uns für einige Minuten vom Sturm der Hörner verschnaufen. Die auf dem Balkan angesiedelten Gypsy Brassbands unterscheiden sich in origineller Weise von dem statischen Stil der uns bekannten Blasmusik. Ursprung sind die im 19. Jahrhundert entstandenen türkischen Militärblaskapellen. Die damalige osmanische Okkupation des Balkans beeinflusste auch die Musik. Ob in Bulgarien, Makedonien, Serbien oder Rumänien – überall sind die orientalischen Einflüsse hörbar.
Fanfare Ciocarlia beschränken sich nicht auf ein bestimmtes Publikum und lassen sich nicht leichtfertig in eine der herkömmlichen Musikschubladen ablegen.
Wenn sich Baritonspieler Constantin in dem Stück „Dansul lui Sulo“ per Stimme mit dem Orchester misst, wird man leicht an Rap-Phrasen oder Reggae-Toasts erinnert. Die faszinierende Mischung musikalischer Elemente und Kulturen, die die Roma auf ihrem Weg nach Europa adaptierten, der orientalische Einfluss und das spielerische Temperament der Musiker machen diese Art von Blasmusik so einzigartig. Trotzdem werden Zeitgeist-Bands mit elektronischen Instrumenten und kleiner, westlich orientierter Besetzung in Rumänien immer gefragter und lassen die Erwerbsquelle der traditionellen Blasorchester langsam versiegen. Mit tragikomischer Melancholie reagieren Fanfare Ciocarlia auf diese Entwicklung und lassen Welthits wie „One way ticket…“ von den umliegenden Bergen des Dorfes widerhallen. Sie sind noch von der alten Spielwut ihrer Väter beseelt und so werden sie mit Trompeten, Hörnern, Klarinetten und ihrer Pauke – Derwischen gleich – immer wieder auf Asphalt-Tango-Tour gehen, um ihr Repertoire auch außerhalb ihrer Heimat zu präsentieren.“ (http://www.amazon.de/Radio-Pascani-Fanfare-Ciocarlia/dp/B000025ERC)

Wikipedia zu Fanfare Ciacarlia (en)

Biografie bei laut.de

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