Alle Beiträge von Lars Kilian

Dead Can Dance – Spiritchaser (1996)

Quelle: Wikipedia

Ich muss Christian Arndt Recht geben, als er das Album „Spiritchaser“ vorstellte: Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schwärmen. Ich habe Spiritchaser schon viele Jahre in meiner Sammlung. Jüngst übermannte mich dieses Album jedoch (wieder). Auf dem Heimweg mit der Bahn von einer nicht gerade entspannten Arbeitswoche schaute ich in den Sonnenuntergang. Mein MP3 Player suchte per Zufall und sehr treffend Musik für mich aus und meinte es mehr als gut mit mir. So fuhr ich erst mit „The Spirit Of Eden“ von Talk Talk in den Sonnenuntergang und Richtung Herbst. Und Talk Talk gehören für mich zu einer der Gruppen, die sich musikalisch kontinuierlich verbesserten. Es wurde dunkler draußen, als das Album endete und ich ein wenig melancholisch durchatmete. Aber da erfüllten schon die ersten unverwechselbaren Töne von Spiritchaser den Bereich zwischen meinen Trommelfellen und lenkten meine Aufmerksamkeit auf dieses akustische Fest. Gänsehaut und WOW. Was für ein guter Sound – nicht nur – aber auch im technischen Sinne. Was Brendan Perry und Lisa Gerrard hier zusammenbastelten, ist eine Reise durch die musikalische und spirituelle Welt, die aber nicht an deren Grenzen endet. Sie führen mich weiter durch Raum und Zeit, hin zu den Geistern und Mythen, zu ungesehenen Orten und noch nicht erzählten Geschichten. Nie oder selten gehörte Instrumente (z.B. Bullroarer) treffen auf Bekanntes, gehen eine Symbiose ein und stehen doch für sich. Dazu der Gesang von Perry und Gerrard, deren Stimmen und Arten des Gesangs sich ja selbst trefflich unterscheiden. Es mag verrückt klingen, aber ich scheue mich, weitere Alben von Dead Can Dance zu kaufen. Ich besitze nicht alle. Bislang bin ich der Meinung, dass Dead Can Dance (wie Talk Talk) für mich mit jedem Album interessanter wurde. Was, wenn ich nun einen Nachfolger kaufe, welches abfällt? Besser geht es doch nicht mehr, oder? Aber was, wenn ich mich irre. Dann verpasse ich aber was!

Zum Album und zu der Eingangs beschriebenen Situation – das Fahren mit dem Zug in die Dunkelheit, aber auch zur Familie und ins Wochenende – erinnerte ich mich an ein Bild, welches ich vor Jahren aufnahm. Mein Album für Oktober 2022.

Lars Kilian (2015): Spiritchaser (CC BY SA 4.0)

Und hier noch zum Bild der Song of the Stars von Dead Can Dance.

Sade – Lovers Rock (2000)

Quelle: Discogs

Das bislang letztes Album von Sade – die Soldier of Love (2010) konnte mich bislang nicht überzeugen – soll auch mal wieder hervorgeholt werden. Zu einem Zeitpunkt, in dem die Welt auf so viele Arten aus den Fugen gerät: Krieg, Klimakatastrophe, Energie- und Lebensmittelkrisen. Passt da dieser sanfte Beat überhaupt? Sade, deren Musik sicher gern an den Lautsprechern der Bars und den Lounges der Welt gespielt wird, eben weil sie passt, sich in den Raum einfügt und unaufdringlich bleibt. Damit bleibt sich aber auf das erste Hören auch unverdächtig. Genau das ist jedoch eine Stärke von Sade, die sie sich meines Erachtens mit Künstlern wie Tracy Chapman oder Susan Vega teilt. Denn neben aller musikalischen Gefälligkeit und Unaufdringlichkeit liefern die Song auch Botschaften, haben eine Message, die gar nicht beliebig, zugleich aber gut verpackt ist. Und so unterwandert Sade mit dem einen oder anderen Titel die akustischen Türsteher und Kontrollzentren in Kaufhäusern, im Radio, an der Bar oder sonst wo und bekommen die Chance, zu Wirken und auf ihre Aussagen aufmerksam zu machen. Immer wieder fällt mir dies bei Sade auf. Ein bisschen wie ein musikalischer Guerilla (ich hoffe, ich erzeuge nun keine falschen Bilder in den Köpfen). Denn wenn sie erstmal an den Plätzen ist und gehört wird, werden ihre kritischen Songs wahrgenommen und können dazu beitragen, die Welt ein bisschen besser zu machen. Ob es klappt? Die Hoffnung stirbt zum Schluss…

Neben all dem Politischen sei aber auch anzumerken, dass es ein wirklich gutes sowie klassisches Sade Album ist, welches nach acht Jahren Ruhezeit veröffentlicht wurde. Ohne pompöse Gastauftritte bekommt man hier reine und klare Musik von Sade, voll von Wärme, Liebe und schwebendem Funk & Soul. Und dieser Sound passt immer. Insofern: Meine Empfehlung für den August 2022.

Eine eigene Bildassoziation zum Album, und hier insbesondere dem Titel „King Of Sorrow“ habe ich auch, denn die Musik von Sade hinterlässt bei mir stets ein paradoxes Gefühl von leichter Schwere und gelöster Trauer. Wie das Klingelschild, welches ich auf Reisen sah und das aus der Ferne traurig dreinblickt, aus der Nähe aber auch was skurriles hatte… Me

Lars Kilian „King Of Sorrow“ (2020), CC BY SA 4.0

Lemon Jelly – Lemonjelly.ky (2000)

Cover, Quelle Discogs

Lemon Jelly sind m.E. ziemlich unter dem Radar der Musikhörenden geblieben, was schade, aber nicht sonderlich verwunderlich ist. Keine Platzierung in den internationalen Charts… Tanzflächen- oder radiotauglich ist die Musik nicht, wobei sie sehr geschmeidig ist und durchaus beim Probehören der neuen Musikanlage beim Fachhändler des Vertrauens dabei sein könnte. Mit dem Album bauen Fred Deakin und Nick Franglen tolle musikalische Bühnen und schaffen sehr dichte, aber stets schwebende Atmosphären. Wunderbar, um darin abzutauchen, mit Kopfhörern in der Bahn zum Beispiel.

Das Erstlingsalbum von Lemon Jelly ist Ergebnis dreier EPs, die im Vorfeld aufgenommen wurden und von der Kritik sehr positiv aufgenommen wurden: The Bath, The Yellow und The Midnight. Auf Lemonjelly.ky wurden diese drei EPs schlichtweg zusammengefasst und bilden ein harmonisches Zusammenspiel, das bei mir den Eindruck erweckt, es wäre ein Konzeptalbum.

Diese Melanche aus sich langsam aufbauenden, groovenden, flächigen Sounds, Rhythmen, die da Bein wackeln lassen und vor allem die eingestreuten Samples mit An- und Aussagen aus irgendwelchen Uni- und Multiversen begeistern mich. Aber ich bin eh anfällig für derartige Soundkonstruktionen und mir fällt sofort Some More Crime ein, wobei Lemon Jelly deutlich gefälliger und schmeichelnder daherkommen.

Das Album nach 20 Jahren nochmal aufzugreifen und ihm hier einen Platz zu geben zeigt, dass es für mich zeitlos ist. Das teilt wohl auch eine Person, die auf Amazon eine kurze Rezension schrieb, die ich gut verstehe:

beim ersten hören war ich, wenn ich ehrlich bin, nicht sonderlich beeindruckt. Nichts wirklich fesselndes. ich konnte sie lediglich gut hören. so war’s das erste mal. doch beim wiederholten anhören
konnte ich nicht genug von diesem werk bekommen. vor allem track 4 und 6! unbeschreiblich..

Quelle: https://www.amazon.de/LemonJelly-KY-LEMON-JELLY/product-reviews/B00YZ79VRW/ref=cm_cr_dp_d_show_all_btm?ie=UTF8&reviewerType=all_reviews

Zeitlos ist ein gutes Stichwort. Ich hatte das Album im Ohr, als ich eine sehr beeindruckende Tutanchamun Ausstellung mit der Familie besuchte. Das Album begleitete uns vorher zufällig auf der Fahrt zur Ausstellung und hallte so in mir nach. Fand ich sehr passend, denn die Zeitlosigkeit der Kunst- und Kulturgegenstände der Ägypter zeigt sich in unserer Faszination. Und auf dem Titel „Page One“ lädt Lemon Jelly die Zuhörer dazu ein, sich vorzustellen, an den Anfang aller Anfänge zu reisen – eventuell die gleiche Reise, auf die die Pharaonen vorbereitet wurden? – „and than: Nothing.“

Lars Kilian „Page One“ 2022, CC BY-SA 4.0

Muslimgauze – Fedayeen (MP3 1998 / CD 2000 / FLAC 2020)

Quelle: discogs.com

Zugegeben: Das gesamte Album am Stück zu hören, ist für mich schon einer Herausforderung. Das ist dann doch eine Spur zu viel Repetition, etwas zu laut, etwas zu hektisch. Aaaaaber: Als ich den Track „Mustafas Cassette Market Marrakesh“ des Albums „Fedayeen“ zum ersten Mal hörte, war ich absolut begeistert. Dabei war es bei der Erstveröffentlichung nicht mal ein Album im herkömmlichen Sinne. 1998 wurde für jeweils für eine Woche ein Track des Albums kostenfrei im Netz zum Download bereitgestellt. In einer Zeit, als es noch kein Streaming gab, wirklich gewagt. Ich vermute, viele haben von dem Angebot nichts mitbekommen (mich eingeschlossen). Für die gab es dann 2000 noch das Album auf CD.

Und die anfängliche Begeisterung hält bis heute an. Hier lieferte Muslimgauze für mich fast schon einen Hit für die Tanzfläche ab. Diese Einfachheit in der Melodie, die Wiederholung und die trotzdem immer wieder eingebrachten Brüche gepaart mit diesem Drum’n’Bass Rhythmus, den fernöstlichen Nebengeräuschen, den Sprachfetzen bohrten sich sofort in meine Gehörgänge ein. Irgendwie ist dieser Titel für mich anders, als alle anderen Titel von Muslimgauze. Wobei, bei dem Output von Muslimgauze – allein bei Discogs sind aktuell knapp 150 Alben gelistet und ich denke, das sind nicht alle – gibt es vielleicht etwas Vergleichbares, aber mir nicht Bekanntes… Ist auch egal. Denn wenn mir mal nach „Disco“ bei Muslimgauze ist, genügen mir die ersten gut 10 Minuten des Albums „Fedayeen“.

Ein entsprechendes Foto zum hier empfohlenen Album fand sich auch schnell auf meiner Festplatte. Aufgenommen in den Souks von Marrakesch passt es doch zum Titel des Nr. 1 Hits des Albums 🙂

Lars Kilian (2012): Mustafas Cassette Market Marrakesh

Und wer mal länger reinhören will: Das gesamte Album ist kostenfrei im Netz zu hören, zum Beispiel bei YouTube

Dota Und Die Stadtpiraten – Bis Auf Den Grund (2010)

Bis auf den Grund – ein passender Titel für das Album. Longplayer Nr. Sieben ist wieder voller kurzweiligem, poetischem und assoziativem Songwriter-Pop, ganz ohne den kitschigen Beigeschmack des Lagerfeuers – wenngleich die Band doch dort auch gut hinpassen würde. Dreizehn wunderbare Songwriter-Tracks warten nur darauf, sich in die Gehörgänge zu schmiegen mit  Bossa Nova, Swing, Reggae und Pop. Ausgezeichnet beobachtet und in Texte gegossene Perspektiven von Innen- und Außenwelt lässt die Zuhörenden durch die Augen der Sängerin auf Alltägliches schauen und das Nichtalltägliche miterleben, indem sie den Dingen „bis auf den Grund“ geht.  Politisch und korrekt  ohne langweilig zu werden oder auch emotional , ohne kitschig zu werden – muss man können, Frau kann es. Und so ist Dota massenkompatibel im besten Sinne. Denn sie transportiert gute, richtige und wichtige Nachricht, die doch viele hören sollten. 

Mein Bild dazu ist ein in Bewegung aufgenommenes Foto. Unterwegs in die grüne Flut, der Wunsch auf Neues, auf Entdeckungen, auf Bewegung und das Unbekannte – jedoch den Stau hinter jeder Ecke als eine unerwünschte Option. Das nehme ich gern als eine Assoziation zu diesem Album von Dota, die mir die Grenzen im Großen und zugleich die Grenzenlosigkeit im Kleinen zeigen kann. Und irgendwie passt das Lied ja auch zum Song „Tempomat“ vom Album…

Langzeitbelichtung auf der Straße
Tempomat by Lars Kilian (2012) CC BY SA 4.0

Da fand ich bei meiner Suche auch gleich noch ein Live-Mitschnitt von „Tempomat“ beim Tanz- und FolkFest in Rudolstadt, meiner Geburtsstadt. Wie schön 🙂

PeterLicht – Lieder Vom Ende Des Kapitalismus (2006)

Quelle: https://i.discogs.com/0wQniS8YULT2AbP4N1L4ygivnEWp6wmREAjVPDHz83A/rs:fit/g:sm/q:40/h:300/w:300/czM6Ly9kaXNjb2dz/LWRhdGFiYXNlLWlt/YWdlcy9SLTcyNjkx/OS0xNjQ5NjY3NTMy/LTM0OTguanBlZw.jpeg

Vor über zehn Jahren hab ich das Album schon einmal hier vorgestellt. Und muss es doch nochmal tun. Denn in den letzten 15 Jahren, in denen diese Platte hin und wieder meine Ohren erreicht, erfreut und begeistert sie mich stets aufs Neue. Nicht nur der allein schon vielversprechende Titel macht Lust, wieder mal reinzuhören. Auch die einzelnen Titel berühren mich stets aufs Neue. Trotz seiner vordergründigen Leichtigkeit fordert es mit seinen bittersüßen Texten nicht nur zum mitsummen und -singen, sondern berührt mich auch stets emotionale. Die Lyrik von PeterLicht spendet Licht im Schatten, gibt Wärme in der Kälte und macht Hoffnung, wo keine mehr ist. So besingt er das größte Glück, als allerletzter Mensch am Rande zu stehen und den Wind, der uns bleibt, wenn alles andere nicht mehr ist. Es gibt den Abgesang auf den Kapitalismus und gibt sich kämpferisch, wenn zu hören ist, dass wir siegen werden. Davor, danach, dazwischen – überall gibt es was zu entdecken. Was nach einer Albumlänge zurückbleibt, ist eine ambivalente Mischung aus Melancholie, Zuversicht und Resignation. War das so gewollt, @PeterLicht?

Insgesamt mehr als gelungen und eins der Highlights im Werk von PeterLicht. Es erreicht mich mehr als manche spätere Veröffentlichung.

Da ich versuche, zu meinem kleinen Besprechungen ein selbst fotografiertes, passendes Bild zu suchen, will ich es auch hier probieren. Lag mir erst ein Bild in den Händen, welches das Glück sehr verklärt darstellte, merkte ich beim Hören, dass es doch nicht passt. Weniger plakativ statt dessen ein alter Bahnhof in Thüringen. Wer hier auf den Zug wartet, kann sich nicht sicher sein, ob dieser überhaupt noch kommt. Ist der Bahnhof bereits still gelegt? Ist er der Deutschen Bahn noch bekannt? Oder bleibt nur die Hoffnung, irgendwann von da weg zu kommen? Und so wartet man wie „bestellt und nicht abgeholt“. Klar, man könnte Bewohner der Region fragen, aber als allerletzter Mensch dieser Welt ist das dann doch schwer, wie man beim wiederholten Blick auf die Uhr feststellt. Aber vielleicht hat man Glück und die Bahn kommt doch noch? Dann hat man freie Sitzplatzauswahl, weil man als einzige Person den Zug für die Reise weg von hier betreten hat.

„Das absolute Glück“ by Lars Kilian (2020)

Und hier noch das passende Video

Kulturelle Bildung in der beruflichen Weiterbildung

Lars Kilian, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

Im 17. Podcast potenziaLLL sprechen ich im Rahmen meiner Arbeit für das Portal wb-web mit Professorin Dr. Ulrike Gerdiken über Kulturelle Bildung in der beruflichen Weiterbildung. Mitnichten handelt es sich bei Kultureller Bildung „nur“ um einen Museumsbesuch oder musikalischen Ausdruck, erklärt Frau Gerdiken. Vielmehr kann die begleitete Rezeption und Produktion von Kulturgut das eigene Erleben, die Sicht auf die Dinge, Schlüsselkompetenzen und Kreativität fordern und fördern und damit Menschen in ihrem beruflichen Alltag einen enormen Mehrwert bieten.

auf wb-web reinhören…

(Selbst-)Professionalisierung von Erwachsenenbildner*innen auf Distanz.
Einblicke in die Zugriffszahlen und Themenwahlen auf wb-web im „Coronajahr“ 2020

Cover Magazin Erwachsenenbildung.at

Meine Kollegin Carmen Biel und ich können auf eine neue Veröffentlichung im Magazin Erwachsenenbildung.at verweisen.

In der Kurzzusammenfassung der Redaktion heißt es zum Beitrag:

„Das Portal wb-web und der darin eingebundene EULE Lernbereich sollen Lehrende in der Erwachsenen- und Weiterbildung durch (Selbst-)Professionalisierungsangebote beim Kompetenzaufbau unterstützen. Haben Erwachsenenbildnerinnen diese digitalen Angebote im Zuge des ersten coronabedingten Lockdowns im Jahr 2020 verstärkt genutzt, um ihre erwachsenenpädagogischen Handlungskompetenzen selbstgesteuert zu erweitern? Die statistische Analyse der Autorinnen legt nahe, dass dem so ist. So haben in der Zeit des ersten Lockdowns mehr Personen als im Vergleichszeitraum 2019 auf das Portal wb-web sowie den EULE Lernbereich zugegriffen. Noch stärker als bisher waren dabei Themen rund um die digitale Gestaltung von Lehr-/Lernsettings von Interesse. Dies verdeutlicht, dass es seitens der Nutzenden verstärkte Bedarfe an digitalen Informationsangeboten zu erwachsenenpädagogischen Themen zu Beginn der Corona-Krise und darüber hinaus gab.“

Das Magazin steht als Open Access zum freien Download zur Verfügung: https://erwachsenenbildung.at/magazin/ausgabe-44-45/

Dub Taylor – Detect (2001)

Bildquelle: Discogs

Clubzeit ist angesagt! Mein Album für den April bringt Schwung in die Hüfte. Mittlerweile 20 Jahre alt, rotiert es schon seit langer Zeit in meinem CD Player und erfreut mich stets aufs Neue. Man hört noch, dass Alex Krüger aka Dub Taylor vom Dub Techno kommt, aber diesen nun mit luftigstem House würzt. Da zuckt das Tanzbein und freut sich auf den Tanz in den Mai.

Spannend an der Musik ist dieser gekonnte Mix von Minimaltechno mit der atmosphärisch dichten und warmen Klängen, zum Teil gepaart mit leichtem Gesang. So wirken die Sounds zwar einerseits sehr abstrakt-mathematisch, bekommen auf der anderen Seite etwas beseelt-individuelles. Party on!

Wenn ich dieses Album höre und versuche, es mit eigenen Fotos zu assoziieren, denke ich oft an Bilder, die Farb- und Flächenstrukturen zeigen. Irgendwie ähnlich dem Cover des Albums, wir mir jetzt erst auffällt. Aber irgendwie genügt das nicht. Es braucht mehr Leben auf so einem Foto. Und so fiel mir ein Schnappschuss ein, den ich in Warschau machte. Ein Werbeplakat mit irgendeinem austauschbaren Supermodel, das für irgendwas ebenso Austauschbares warb. Mich erfreute an diesem Motiv der dicke fette Kussmund, den irgendjemand diesem 0815-Model-Foto auf die Stirn drückte. Zusammen mit den Reflexionen der Lampen und des Screens auf dem Glas der Werbung drückt es das aus, was ich mit dem Sound des Albums verbinde. Passt – doppelt. Gerade weil es den smoothen Titel „Sweet Lips“ auf dem Album „Detect“ gibt

„Sweet Lips“ (C) by Lars Kilian 2022

Eagle Seagull – The Year Of How-To Books (2010)

Da fiel mir doch erst relativ spät dieses Album vor ein/zwei Jahren in die Hände und ließ mich seither nicht los. Klang schon das Erstlingswert von Eagle Seagull vielversprechend, schmiegt sich dieses Album in meine Gehörgänge, vom ersten bis zum letzten Ton. Opulente Songs und hymnenhafte Melodien, pulsierende Refrains und weinerlicher Gesang. Das alles gespickt mit Breaks in der Songstruktur, die keine Langeweile aufkommen lassen und angereichert mit Klavier und einem Himmel voller Violine(n), die oppulent dieses Popwerk schmücken. Tatsächlich fesselt mich dieses trotz allem spröde Album deutlich mehr als der Vorgänger, auch wenn die Kritiker im Netz nicht unbedingt meine Meinung teilen. Müssen sie ja auch nicht! Assoziationen Anderer mit Arcade Fire oder der Stimme von Robert Smith kann ich hingegen gut folgen. Diese Songs, die hoch hinaus tragen, luftig und leicht und sich dabei gegenseitig über Albenlänge jagen, machen jeden Tag etwas bunter. Wie schreibt passend Britta Helm auf Visions: „Das alles so schmissig wie die Briten, so leidenschaftlich instrumentiert wie die Kanadier und dabei flüchtiger als eine Katze im Regen. Nacherzählen lässt sich so etwas nicht, so tragisch und kunstvoll und faszinierend es auch währenddessen flimmert.“

Und so kann ich für mich gar keinen Lieblingssong auf dem Album deklarieren. Allein der Opener „You’re The Reason Why I’m Afraid To Die“ lässt mein Herz höher schlagen und ich kann beim Text zustimmend nicken, während mein Fuß zum Rhythmus wippt. Der Song macht in Gänze das klar, was mich tatsächlich mit einer Todesangst befällt: Nicht mehr für meine Kinder da sein zu können. Wer kennt das nicht mit Blick auf die eigenen Kinder? Sind sie doch, so klein sie noch sind, das Wichtigste, was Eltern haben. Und so wähle ich für das Album auch mal ein sehr persönliches Bild aus. Ein Halbportrait meiner ersten Tochter…

Bild mit Kind im Tragetuch
(C) Lars Kilian 2016 You’re the reason why I’m afraid to die

Leider fand ich kein „echtes“ Video zum Song, dem ich dieses Bild zuschreibe. Daher nur die Musik ohne Bewegtbild an dieser Stelle