Art Of Noise – Daft (1984)

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„Als ich Art Of Noise als Jugendlicher in den 80ern zum ersten Mal hörte, warf es mich um – was war das denn? Das hatte ich noch nie gehört, das mußte ich haben! So begann mein Interesse an The Art Of Noise…

„Daft“ (1984) war die erste CD-Veröfentlichung der genialen Sample-Innovatoren aus England. Noch etwas rauh und grob, aber mit dem Geist des musikalisch Neuen. Dabei handelt es sich aber um kein „eigenständiges Album“, sondern um eine Kompilation, eine Zusammenstellung von Tracks der 83er EP „Into Battle“, der ersten LP „Who’s Afraid Of…“ und der Maxisingle „Moments In Love“. Wobei man noch kurz anmerken muß, daß A.O.N. nie eine gewöhnliche „Album-Gruppe“ waren – einzelne Maxi-Tracks und -Remixe, teils bis heute nie auf CD veröffentlicht, waren für Art Of Noise die Norm. Sicher nicht nur, weil sie damals auf dem von Remixen überschäumenden Label ZTT veröffentlichten (Frankie Goes To Holylwood, Propaganda…), sondern weil sich ihre seltsame Geräusche-Musik für Variationen sehr gut eignet.

Doch komme ich nun zu den 14 fantastischen Tracks, die ich im einzelnen vorstelle:

Die Eröffnung „Love“ ist die Maxiversion von „Moments In Love“ und beginnt mit einem Klavier, das langsam ausklingt und in eine improvisierte, schöne Fassung des bekannten Titels mündet.

„A Time To Fear (Who’s Afraid)“ stellt nicht umsonst die indirekte Frage an den Hörer, ob er Angst habe, denn dieser Track ist tatsächlich Kunst des Lärmens! Industrielle Geräusche, rhythmisch abgehackt, mit eingestreuten, wirren Orchestersamples und Jazzeinlagen. Das alles bricht plötzlich ab, eine ambiente, leichte Melodie erklingt. Überraschungen und Unberechenbarkeit gehörten immer dazu, und das macht Spaß!

Eine störrische, aber abwechslungsreich programmierte Beatmaschine ist das tragende Element von „Beat Box (Diversion One)“, ursprünglich eine Maxisingl e von 1983. Taktvoll gesellen sich Geräusche dazu und springen wieder weg. Musique Concrète. Die minimale Melodie, aus Sprachfetzen gesamplet, wird im Laufe des Tracks immer dichter und verhallter, um am Schluß in ein leichtes Klavierspiel überzugehen, das von einem Fingerschnippen begleitet wird. Hat was!

Die Stücke „The Army Now“ und „Donna“ sind kurze, einfache, aber schöne Experimente aus der „Into Battle“-EP. Beim ersten Titel wird eine Rhythmusmaschine durch Echos gejagt, beim zweiten Titel begleitet ein schwingendes Pochen eine schöne Ambient-Melodie.

„Momento“, „How To Kill“ und „Realization“ sind ähnliche Experimente aus dem Schluß der „Who’s Afraid Of…“-LP. Auch hier wird der Hörer bewußt an frühe elektronische und konkrete Musik der 50er Jahre erinnert. Verfremdete „reale“ Geräusche sind der Kern dieser Stücke.

Kennt Ihr das Geräusch eines Lineals, wenn man es an der Tischkante festhält, mit dem Finger runterzieht und losläßt? In „Who’s Afraid (Of The Art Of Noise)“ dominiert genau dieses Geräusch im Vierteltakt, eine Frauenstimme ruft laut dazu und lacht wie irre – die Maschinen werden selbstständig und feiern Party!

Jetzt folgt die etwa 10 Minuten lange Albumfassung von „Moments In Love“, einem herrlichen, ruhigen Tanzstück zum Entspannen. Krach ist nicht nur rumpoltern, Krach kann auch sanft sein. „Moments In Love“ ist ohne Zweifel bis heute einer der besten A.O.N.-Titel überhaupt!

Ineinander über gehen die drei Titel „Bright Noise“, „Flesh In Armour“ und „Comes And Goes“. Diese sind wieder sehr heftig und experimentierfreudig: Schlürfende, maschinelle Klangstrukturen hämmern los, ein fast schon penetrantes Scratchen folgt Takt auf Takt, da bricht der Lärm unvermittelt ab. Ein Pochen, ein aus dem Takt gekommener Herzschlag. Aus dem Hintergrund versuchen Geräusc he, die wir vor einer Minute noch laut hörten, zu uns vorzudringen. Akustische, lebende Masse.

Eine sehr lustige Nummer ist „Snapshot“, das könnte Rummelplatzmusik sein! Auf der CD ist der Titel übrigens länger als auf der Vinyl-Version.

Ein Autoanlasser ist das Kennzeichen für den Anfang von „Close (To The Edit)“. Dieser Titel basiert auf Samples der Gruppe Yes, die damals auch von einigen Art Of Noise-Mitgliedern geremixt wurden. Das eingängige „Damm-Dadamm“ und das leiernde „Lalala“ bilden eine parodistische Melodie, viele taktvoll eingestreute Soundspielereien machen „Close (To The Edit)“ zu einer fantastischen, wenn auch ungewöhnlichen Elektropop-Nummer. Mit einer etwas längeren Laufzeit erschien „Close…“ zuerst als „Beat Box (Diversion Two)“, als Single-Remix wurde es in England ein großer Erfolg.

Zum Abschluß erklingt eine sehr langsame Varianten von „Moments In Love“ titels „(Three Fingers Of) Love“. Leider wurde sie für „Daft“ am Beginn um etwa eine Minute gekürzt, dennoch bildet diese zeitlupenartige Fassung einen schönen Abschluß.

Viele, die das Frühwerk von Art Of Noise nicht kennen, denken jetzt vielleicht: Du liebe Güte, die Musik ist sicher schwer verdaulich! Ich kann beruhigen – trotz der vielen experimentellen Einlagen sind die frühen Sachen von A.O.N. sehr bekömmlich. Das experimentelle Element lockert die Musik sogar auf, paßt sich an und wirkt keineswegs störend. Für mich immer noch ein absoluter Highlight elektronischer Musik.

Zwei Mankos: Die Spielzeit hätte es erlaubt, die CD um einige Titel reicher zu machen. So fehlen die erste Vinylfassung von „Beat Box“ oder auch ein schönes Reprise von „Moments In Love“ – warum hat man die weg gelassen? Außerdem gibt es einige Tippfehler bei den Tracks – nanu!

Vor einiger Zeit wurde „Daft“ günstig wiederveröffentlicht, sog ar im Digipak, und ich kann sie jedem EM-Interessierten empfehlen! Kunst der Geräusche lohnt!“ (http://www.dooyoo.de/musik-alben/daft-art-of-noise/803837/)

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