Antony & The Johnsons – I Am A Bird Now (2005)


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„Candy Darling On Her Deathbed“ betitelte der New Yorker Underground-Fotograf Peter Hujar sein 1974 aufgenommenes Schwarz-Weiß-Stillleben, das mit Vanitas-Verweisen nicht gerade geizt. Die Thematisierung von Vergänglichkeit auf dem Cover bildet die passende Verpackung für die zehn Songs von Antony And The Johnsons zweitem Album. In dunklen Tönen voll verzehrendem Schmerz, als hätten sie das Leben längst aufgegeben, präsentiert Antony seine Lieder.

Hoffnungslosigkeit strahlt der in New York wohnende Sänger dennoch nicht aus. Es ist ein sehr persönlicher Blick, den Antony für sein Albumcover ausgewählt hat. Man kann die intensive Bindung zwischen Fotograf und Motiv mit Händen greifen, spürt die tiefe Trauer, die es ausstrahlt, und hat in ihnen doch nichts mehr als einen Verweis auf eine bessere, spirituelle Welt. Man hüllt sich gerne in die tröstende Friedlichkeit, die aus dem Blick des Models spricht. Dieser Schwebezustand zwischen den Augenblicken prägt auch die zehn Songs auf „I Am A Bird Now“.Und er zieht sich nicht nur durch die Songs, sondern wird von Antony in den Status einer ästhetischen Grundbegrifflichkeit überführt. In Zwischenwelten hält sich die Kunstfigur Antony And The Johnsons ständig auf. Sein Äußeres verwehrt sich genau so einer eindeutigen Geschlechterzuordnung wie seine Stimme. Es ist genau jenes Zwitterhafte in Antony, das ihm und seiner Musik zu einer magischen Faszination verhilft. Hat diese erst einmal Besitz von einem ergriffen, will sie ständig gefüttert werden.Linderung versprechen in die Welt hinaus gerufene, von übergroßem Schauder getriebene Verzweiflungsschreie wie „Hope There’s Someone“ oder das im Brustton der Überzeugung vorgebrachte Mantra „For Today I Am A Boy“. Solche Momente der Sicherheit sind jedoch selten auf „I Am A Bird Now“. Zu viel Gewissheit ist der Feind der Kunst, dieser Maxime ist sich Antony stets bewusst, er durchzieht mit den zehn Songs des Albums seinen eigenen Erdkreis.Zumeist nur von sachte angeschlagenen Piano-Akkorden begleitet, setzt Antony seine Organ mit derart viel Soul in Szene, wie es sonst nur Otis Redding kann. Selbst hochkarätige Gastsänger wie Boy George oder sein Mentor Lou Reed verblassen neben der engelsgleichen Reinheit von Antonys Stimme.Nach dem Debütalbum von Antony auf David Tibets (Current 93) Durtro Label bringt er mit „I Am A Bird Now“ erneut unsere Herzen zum Schmelzen und schafft ein Meisterwerk, das sich Kategorisierungen entzieht und genau deshalb umso mehr fasziniert. Nicht umsonst werden Hermaphroditen in der Mythologie seit jeher als Bewahrer der Kultur und Schöpfer von Neuem verstanden. Antony ist ein Hermaphrodit unserer Tage.“ (http://www.laut.de/lautstark/cd-reviews/a/antony_the_johnsons/i_am_a_bird_now/)Weitere Kritik zum Album bei jazzthing.de

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