Tool – 10,000 Days (2006)

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„10000 Tage sind die Einheit für die gefühlte Zeitspanne zwischen zwei Tool-Alben. Der enorme Hunger der Fans war auch nach der Veröffentlichung der DVD-Appetizer „Shism“ und „Parabola“ nicht gestillt. Doch nun lassen Keenan und Jones mit „Vicarious“ ordentlich die Muskeln spielen und signalisieren das Ende des langen Ausharrens. Seinem Titel gemäß steht er für die mit Steroiden getränkte Hitqualität dieser Platte.

Ein weiteres Mal bescheren uns Tool ein Konzeptalbum, das vom Hörer aus wie ein Puzzle in unterschiedlichen Formen zusammengesetzt und interpretiert werden kann. Es fehlt nicht an monumentalen Epen wie „Wings For Marie (Part 1)“oder „10,000 Days (Wings Part 2)“. Diese leuchten in die dunklen Untiefen der Band hinab und eröffnen einen gefühlvollen Blick auf ihre fragilen Seiten.

Trotzdem brennen sie genauso lodernd wie die eingängigeren Stücke. Es ist, als würde eine unsichtbare Hand den Taktstock schwingen, um zwei Naturgewalten zähmend zu dirigieren. Dort, wo eine wunderbar leichtfüßige Stimme in einen verstörenden Rock-Rosenkranz dahin mäandert. Getragen von Gewitter- und Regeneffekten, die synchron mit dem mächtigen Gitarrenmantra in einen furiosen Tornado münden. Ein opernhaftes Musikdrama, ein wagnereskes Entzücken!

Auch dieses Album kommt wieder nicht ohne ein sattes Effektfeuerwerk aus und bedient sich diverser Spielereien akustischer, lyrischer und konspirativer Art. Da wären beispielsweise die indianische Geisterbeschwörung eines südtexanischen Apachenstammes („Lipan Conjuring“). Oder „Right In Two“, das mit indischer Tabla-Percussion arbeitet. Produzent Joe Barresi ist ein Meister der Soundgadgets. Unter anderem bei „Rosetta Stoned“ hüllt er Maynards Vocals in diverse surreale Effekte und unheimliche Filter, so dass es klingt, als hätte der Tool-Frontmann eine Hand voll Zwillingsbrüder und würde mit ihnen zusammen aus einem Abflussrohr heraus singen.

Und natürlich gibt es wieder Querverweise zu Verschwörungstheorien und Anspielungen auf halluzinogene Drogenromantik. „Lost Keys (Blame Hofmann)“ zum Beispiel, das offenbar auf die verlorenen Schlüssel zu den Pforten der Wahrnehmung – die einst Albert Hofmann öffnete – anspielt. Oder der Closer „Viginti Tres“ (lateinisch für „23“), der wie die kaputten Heizkörper aus David Lynch-Filmen klingt. All dies hüllt das Album in einen geheimnisvollen Schleier, der zur Verwirrung des Hörers beitragen soll. Mit der gebührlichen Hingabe verfällt er alsbald in eine sanfte Trance, aus der ihn nur Adam Jones Gitarre oder Justin Chancellors Bass erwecken können.

Letztlich waren es nur 1811 Tage von „Lateralus“ bis heute. Genug Zeit, um an neuem Material zu arbeiten. Wurde diese Zeit ausgiebig genutzt? Nun, Tool erfinden sich nicht neu und sollen es auch nicht. Sie legen ein Album vor, das erst mit mehrmaligem Genuss reift und seinen kompletten Facettenreichtum nach einiger Zeit offenbart. Sie erweitern damit lediglich ihre Präsenz in der Rockgeschichte um einen weiteren Blickwinkel, ein solides Statement. (Martin Mengele)“ (http://www.laut.de/Tool/10,000-Days-%28Album%29)

http://www.toolband.com/ – Offizielle Webseite

Das Album bei Wikipedia


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