Schlagwort-Archive: Synth-pop

Depeche Mode – Black Celebration (1986)

Quelle: https://img.discogs.com/j3vnVOE0u-BWz1gcaju-dWmG-Ms=/fit-in/600×601/filters:strip_icc():format(jpeg):mode_rgb():quality(90)/discogs-images/R-65449-1319726932.jpeg.jpg

Vor nun fast 35 Jahren (!!) veröffentlichte Depeche Mode dieses Album. Musikalisch in eine spannende Zeit geworfen: Weg vom Rock und seinen Ablegern, die aber immer noch nachwirkten, inmitten des Aufbruchs ins Digitale und des Pop, der durchaus dem Dark Wave verbunden sein durfte. So ist dieses Album der Zukunft irgendwie zugewandt und an ihr interessiert, will aber mit seinem dunklen Anstrich dort gar nicht ankommen. Hier feiert Depeche Mode die schwarze Messe der 80er und lädt mit großer Geste ein.

Das Arrangement gefällt mir u.a. deshalb, weil es musikalisch aufgrund der fließenden Übergänge ein Konzeptalbum sein könnte (oder ist?). Funktionieren derartige Kompositionen noch auf Medien wie Spotify? Hört man sich auf Streaming-Diensten noch ganze Alben an?

Es war für die damalige Zeit technisch aufwändig produziert. Ich erinnere mich noch an Besprechungen, wo Details wie den digital akustischen „Nachbau“ des anspringenden Motors eines Sportwagens diskutiert wurden. Offenbar einmalig für die damalige Zeit. Ich denke, hier lohnt sich tatsächlich ein Nachkauf der remasterten Version von 2017, die sicher den Sound der 80er nochmals überflügelt. Darüber hinaus war dieser mutige Schritt der vier jungen Musiker äußerst erfolgreich. Alle Singles kamen in Deutschland in die Top 10 und das Album sogar im März 86 auf Platz 2.

Die Riesenerfolge, etwa mit „Personal Jesus“ und „I Feel You“ würden ja noch ausstehen. Aber während zum Beispiel „Never Let Me Down Again“ aus dem Albumnachfolger „Music For The Masses“ (1987) schon so klang, als machen sich Depeche Mode fürs Stadion warm, war „Black Celebration“ sich selbst genügend, ein kleiner funkelnder Diamant, der aus der Hosentasche lugt.

https://www.rollingstone.de/reviews/depeche-mode-black-celebration-review/

Das das Album hier und heute nochmal „ausgegraben“ wird, hat einen guten Grund. Ich sah vor einiger Zeit in Italien die abgestellten Vespas, Mopeds oder Motorräder mit ihren großen Frontscheiben. Sie bildeten in Summe einen milchigen Blick auf die Straßenszenarie im Hintergrund und ich dachte dabei an den Song „Fly On The Windscreen“ von Depeche Mode. Daher mein Bild zum Album.

(C) Lars Kilian: Fly On The Windscreen

Zum Album (und Foto) gibt es sogar noch ein offizielles Video, dass aber für mich irgendwie im Gegensatz zur Musikwahrnehmung steht. Augen zu und durch!

Yello – The Eye (2003)

Bildquelle: https://img.discogs.com/y1KY-Jq-NcAuXlHYDS7qKFhH1ec=/fit-in/600×539/filters:strip_icc():format(jpeg):mode_rgb():quality(90)/discogs-images/R-210616-1178713318.jpeg.jpg

Sie können es noch immer. Dieter Meier und Boris Blank, angekommen im 21 Jahrhundert, zeigen wie elektronische Musik abseits des Mainstream klingen kann, ohne abzuheben oder die Gehörgänge mit Abwegigen zu strapazieren. Dancefloor-Rhythmen, Salsa, Bombast, BigBeat von Boris Blank und die seit 25 Jahren typische Bassstimme von Dieter Meier zeichnen das Album aus. Dazu eine gehörige Portion Spaß an Musik, am Erkunden und Entdecken, am Spiel und jede Menge Ironie und Coolness. Es ist ein Schritt zurück zu den Wurzeln von Yello, ohne ein Rückschritt zu sein. Um dem gerecht zu werden, haben sich die Schweizer dieses Mal die Vocalistin Jade Davis ins Studio geladen, die durchaus einen angenehm frischen aber warmen Wind über das Album fegen lässt. Fein fein. Frage: Lieferten Yello schonmal einen Soundtrack für einen James Bond Film? Falls nein, warum eigentlich nicht?

Zu diesem Album assoziierte ich ein Bild, welches ich auf Ferropolis, der Stadt aus Eisen aufgenommen hab. Es zog mich die letzten 15 Jahre dort immer wieder zum MELT! Festival. Die atemberaubende Kulisse inmitten der gigantischen Braunkohlebagger, die viele Musik, die feierfreundlichen Menschen. Das, so dachte ich, passt doch irgendwie zum Song „Planet Dada“ des Albums – wobei der Song aus den allgemeinen Kanon irgendwie ausbricht – wenngleich er so typisch für Yello ist. Das Bild selbst entstand nicht während des Festivals, sondern zu einer extra Visite das Geländes jenseits des wilden Treibens….

Little Planet MELT
(C) Lars Kilian „Planet Dada“

Grimes – Visions (2012)

Reinhören

Das Cover schreckt potentielle Hörer schonmal ab. Oder erzeugt es doch eher Aufmerksamkeit? Meine erste Assoziation war: ein Japan-Reimport 🙂 Crimes schafft es, mit ihrem dritten Album Grenzen aufzuheben und Gegensätze zu verschmelzen. Ein Gengreclash, den die Leute bei plattentest.de als „Electro-Album für Urban-Outfitters-Mädchen“ bezeichnen. Zentral ist ein schwebender Elektro-Pop, der von fast schon elfenhaften Gesängen Cocteau Twins & Co.  ummantelt wird. Passt auch irgendwie zum Plattenlabel 4AD. Damit wird es gleichsam unspektakulär oder auch scheinbar beliebig. Aber man sollte Grimes die Aufmerksamkeit widmen, die sie verdient. Dann offenbart sich das feine Geflecht der Sounds, die dieses Album auszeichnen. Für diejenigen, die keine Zeit und Ruhe dafür finden,  bleibt noch das cover als Tatoo-Vorlage 🙂

Offizielle Webseite von Grimes


Psapp – Tiger, My Friend (2004)

Reinhören

Quietschentchen und Fahradklingeln oder andere Dinge unserer Umwelt als Instrumente einzusetzen, ist nicht neu. Aber nicht jedem gelingt es, aus diesen Versatzstücken kleine Geschichten zu stricken. Psapp gelingt das ausgezeichnet. Mit einem akribischen Spieltrieb konstruieren sie mit diesem Erstlingswerk Hörwelten, die viel Platz zum Entdecken und interpretieren geben. Ein Gengre ist ihnen genauso fremd wie die Abgrenzung irgendwelcher musikalischen Mittel. Eine zauberhafte Märchenwelt, die sie hier präsentieren. Freunde von CocoRosie dürften sich freuen…

Goose – Bring It On (2006)

Reinhören

Es geschehen doch immer mal wieder Wunder. Die belgischen Goose starteten als ACDC- Coverband (!), bevor sie irgendwann anfingen, ihren Stil zu entwickeln. Vielleicht war das Vorspiel aber auch gut für die richtigen Fingerübungen, denn gerockt wird immer noch. Nur auf einem Niveau, auf dem nicht bloß heiß gegessen , sondern immer noch gekocht wird. In ihrem Schmelztiegel wird alles zusammengeworfen, was wirklich würzig ist. Dicke Gitarre, prägnante Drums, Synthesizer (scheinbar mit den Ellenbogen gespielt) und Texten, die sich direkt ins Ohr bohren. Eine perfekte Mischung aus Pop und Rock, Elektro und Akustik, Träumen und Springen. Und so passt auch die wiederholte Textzeile in „British Mode“, wenn sie mehr schreien als singen „Give me a reason to cool you down…“ Auf dem Album jedenfalls fanden Goose keinen Grund, irgendwas abkühlen zu lassen. Bestimmt die Lieblingsband von Chuck Norris. Großartig und schön. Dass es jetzt eine ACDC Coverband weniger auf der Welt gibt, ist dabei mehr als verzeihlich 🙂 Das Video passt in seiner optischen Verdrehtheit zum Album!

Offizielle Webseite von Goose

Goose bei Wikipedia

New Order – Substance (1987)


Reinhören

Nach dem überraschenden Ableben von Ian Curtis und dem damit verbundenen Ende von Joy Division brach die Zeit von „New Order“ an und brachte so manche Synth-Pop-Perle zu Tage. Regelmäßig veröffentlichte die Band  seit den 80ern (bis heute) Alben, die diesen typischen Sound haben und doch auch immer wieder dem Zeitgeist entsprachen, ohne sich ihm zu unterwerfern. Dazwischen gab es regelmäßig Singels, die oft die eigentlichen „Hits“ enthielten. Substance stellt die erste Compilation von New Order dar, die 1987 auf den Markt kam und eben diese Singels plus B-Seiten und weiteren Remixes aus den Vorjahren vereinte. Eigentlich kann ich dem BBC Review zu diesem Doppelalbum nur zustimmen: „Still the best album the band never made…“ Insofern für alle Neu-Entdecker der Band ein mehr als gelungener Einstieg in diesees Universium und für alle Nerds sowieso ein must have!

Anbei noch der Chartbreaker „Blue Monday“

NEW ORDER – Blue Monday [Official Video] HQ from DAS BUNKER ENTERTAINMENT on Vimeo.

 

Neoangin – Say Hi To Your Neighborhood (2010)

Reinhören
„Wie lässt sich Neoangin musikalisch einordnen? Musikideologisches Abgrenzen ist Avignons Sache nicht. Er sieht sich eher als passionierter Chronist und Mitgestalter einer sich permanent erneuernden Popkultur. Aus Bubblegum-Singalongs, DIY-Disco, verspielter Elektronik, obskuren New Wave Sounds, wundersamsten Keyboardmelodien und kratzenden Gitarren, collagiert Avignon hinreissende Pop-Perlen, ohne dabei jemals seinen Lo-Fi Charme aufzugeben. Die zugänglichen Melodien und Harmonien machen sie zu unwiderstehlichen Ohrwürmern. Hätte Jim Avignon vor ein paar Jahren beschlossen, statt in Berlin und New York einen Hauptwohnsitz in London einzurichten, er würde heute vielleicht am
aktuellen Hype um „Wonky Pop“ mitnaschen.

„Say Hi To Your Neighborhood“ ist bereits das neunte Neoangin-Album, doch aus den Pop-Minitaturen der Vorgängeralben sind nun richtige kleine Pop-Hymnen geworden. Die Songs erzählen kleine und grosse Dramen, sind Kurzmitteilungen aus der “Middle Class Hell”. “Avignon vertont die gleichnamige Novelle Melvilles über den Kommunikationsverweigerer Bartleby, in “No More Egotrippin” wird den Karrieristen die Freundschaft gekündigt, und “Big Bailout Burlesque” beschreibt das komis–che Potential der letzten Weltwirtschaftskrise. Das Album wurde von Chris Imler produziert, und von Norman
Nitzsche (der zuletzt bei The Witest Boy Alive an den Reglern sass) in Masha Qrella´s Villa Kurella in Berlin aufgenommen und gemischt. Jens Friebe steuerte eine Gitarre bei, Produzent Imler spielte diverse Liveschlagzeuge ein und auf „Small Talk World“ gibt’s ein wunderbare Duett mit Kim Boekbinder. Zu den vertrauten Keyboardsounds und Jims unverwechselbarer Stimme markieren ein auf Ebay ersteigertes Omnichord aus den frühen 70ern und ein auf dem russischen Schwarzmarkt erstandener Kaossilator die klanglichen Gegenpole
dieser Produktion.

Cover und Booklet sind, wie bei Neoangin nicht anders zu erwarten, aufwendig und charmant gestaltet. Animationslegende Alex Budovsky, der zuletzt den Preis für das beste Animationsvideo beim Sundance Festival mitnehmen durfte, hat Jims Figuren im Video zu “Middle Class Hell” auf kongeniale Weise zum Leben erweckt. Für das Video zu “Melancholy Pays My Rent”. hat sich Jim zusammen mit Kollege Jon Burgerman (mit dem er das Performanceduo Anxieteam gründete) ins renommierte Waldorf Astoria Hotel eingeschmuggelt und dort heimlich eine Kissenschlacht gefilmt.“ (http://www.anost.net/Musik/CD/CD/Neoangin-Say-Hi-To-Your-Neighborhood.html)

Foyer Des Arts – Ein Kuss In der Irrtumstaverne (1988)

Reinhören

„Die schönste Zeit im Leben, ist morgens zwischen sechs und sieben, in einem Kuckucksuhrengeschäft…“

Eine der vielen lustigen und/oder fraglichen und auf jeden Fall erinnerungswürdigen Textzeilen der Albums aus der Post-NDW Zeit. Max Goldt liefert wieder skurile Texte, die manchesmal tiefsinnig wirken (Könnten Bienen fliegen, Eingecremter Arbeiter) – ob sie es sind, soll einfach jeder selbst entscheiden – manchesmal erheitern (Familie, Pubertät und Haarwuchs, Senf drauf!). Dazu Musik von Gerd Pasemann, die wie immer aus allen Stilrichtungen das zusammenträgt, was gerade geeignet scheint. Hörenswert an ruhigen Sonntagnachmittagen – also heute!

„Das Peinlichste am Schwabenland, mal von der Landschaft abgesehen, sind doch sicherlich die Schwaben“

Wikipedia über Foyer Des Arts

Junior Boys – So This Is Goodbye (2006)

Hörprobe
Klingt so der Abschied? Die kanadischen Junior Boys liefern auf diesem Album verträumt, vertrackte Elektro-Pop Nummern, die tatsächlich irgendwie einen Abschied in sich tragen, ohne melancholisch zu werden.Vielmehr ist es ein Abschied zum Aufbrauch, treiben die deutlichen aber nicht aufdringlichen House Einflüsse doch jeden Song mit gehobehen Blick nach vorn, ohne den verträumten Pop aus den Augen zu lassen. Passt wunderbar zu dieser Jahreszeit (wie oft schreib ich das eigentlich bei Musikvorstellungen?), denn einerseits neigt es sich rasch und sicher dem Ende entgegen, andererseits ist – wenn ich richtig informiert bin – gestern die längste Nacht des Jahres gewesen. Es geht aufwärts und der Frühling kann kommen. Amazon hat einen schönen Satz in der Kurzkritik, den ich hier unbedingt mit aufnehmen muss: „SO THIS IS GOODBYE ist also die richtige Musik für postglobalisierte Menschen, die überall und ständig miteinander verbunden und zuhause sind, allerdings viel zu oft allein.“ (http://www.amazon.de/So-This-Goodbye-Junior-Boys/dp/B000FBFZU4)

http://juniorboys.net/ – Offizielle Homepage

Sergej Auto – Musik, OK! (2002)

Hörprobe

„Gleich vorweg: the show must go on. Das Offenbacher Künstlerkollektiv SaasFee verkauft Illusionen, sei es mit seinen virtuellen Landschaften, 3D–Räumen und Animationen oder auch mit dem dazugehörigen Label (Superpop, Milch, Pink Elln). Die Vortäuschung von Raum und Materie erfolgt in einer Stringenz, die das moderne Gesetz der Virtualität verlangt. Aber dennoch: Klasse statt Masse. Sehr klasse ist auch das zweite Album des Schein-Tschechen Sergej Auto, der, rein hypothetisch, einen perfekten Soundtrack zu bekannten ostigen Trickfilmen hinlegen könnte, in mottigen Anzügen, schräg gestriegelt, plaziert in gedeckten Farben. Könnte.

Denn all das ist natürlich nur schöne Fantasie. Sergej heißt Malte und schwingt auf dem Cover des neuen Albums “Musik, Ok!” Pan-Tau-gleich den Regenschirm, nicht weil seine Natur es ihm gebietet, sondern weil’s der Musik gut zu Gesicht steht. Und die flirtet nebst Trickfilmmusik auch mit Techno, und zwar nicht unbedingt hintenrum… “Musik, Ok!” und “Bravo! Kta-3000” sind Hits und keine Retroismen, vielmehr geschickt modulierte Ahnungen von einer Zeit, die vielleicht schön war, von Orten, die schön sein könnten. Nassau oder Brno. Ist es da schön? Es könnte sein.“ (http://www.intro.de/platten/kritiken/23029339/sergej-auto-musik-ok)

http://www.sergejauto.com/ – Offizielle Homepage von Sergej Auto