Schlagwort-Archive: Spoken Word

Max Goldt – Die Majestätische Unruhe Des Anorganischen (1984, 1990)


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„1984 erschien eine Langspielplatte namens MAX GOLDT  DIE MAJESTÄTISCHE RUHE DES ANORGANISCHEN. 1990 wiederholte sich dieses Schauspiel“ So erklärt sich das Album selbst bereits auf dem Cover.

Eine Sammlung geheimnisvoller Sound- und Textcollagen aus dem Goldtschen Universum. Tief- oder abgründig, trivial, grotesk, melancholisch oder untersam. Je nach eigener Stimmungslage kann man sich aus den Erfahrungen, Ein-, Aus- und Weltsichten, Weisheiten die entsprechenden Fragmente heraussuchen und durch den Tag tragen. Das klappt so gut, dass ich mich seit 20 Jahren zu Alltagssituationen immer wieder dabei ertappe, ein kurzes Zitat vom Album beizutagen. Irgendwie haben sich diese Skizzen wie  nach und nach in die Hirnrinde eingebrannt. Der Monolog der alten Diva, die von längst vergangenen Zeiten mit ihrem Mann Franz, „dem Mechtersheimer, Hilde Holm und dem Faustmann“ träumt. Der mahnende Eimer Erbsen mittelfein, oder der Minister Streifchen, über dessen Handeln sich die Kinder der Straße amüsieren. Die Betrachtungen eines Maurers aus gut bürgerlichem Haus, der sich in existenziell philosophischen Gedanken verirrt und sich damit das Leben selbst sehr schwer macht. Das kranke Kind und die Nachbarin, die sich in ihren Symbolen verliert („Mein Mann ist ja nur ein Symbol für die Stahlkrise im Saarland“). Den Mythos der Müdigkeit oder der Fahrt in die Heimat „denn dort wo unsere Wiege steht, dort wollen wir auch begraben sein.“

Auch nach 30 Jahren eine akustische Bereicherung…

Wikipedia über Max Goldt

Andreas Ammer & F.M. Einheit – Crashing Aeroplanes (2001/2002)

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Andreas Ammer findet für seine Hörspiele Themen, die Abseits des Mainstreams liegen. Sei es die Vertonung der Insektenwelten (Bugs & Beats & Beasts), eine Hommage an Walter Benjamin (Loopspool) oder das Projekt „On ‚The Tracks„, bei welchem Personen in verschiedenen Städten der Welt andere Menschen verfolgen und dabei beschreiben, was sie beobachten. Die Liebe zu Details bringt eine sehr persönliche Ebene in die Hörspiele hinein, die das Hörerlebnis noch lebendiger und intimer werden lassen und durch die Wahl geeigneter Musiker (z.B. Console) werden die Grenzen vom Hörspiel zur Konzeptmusik fluid. „Crashing Aeroplanes“ tanzt da nicht aus der Reihe, wenngleich das Thema eine gewissen Brisanz besitzt. Die Texte für das Hörspiel stammen von den Cockpit Voice Recordern, die „anders, als die Piloten, jeden Absturz überstehen.“ (Zitat aus dem Hörpsiel) Ammer widmete sich diesen letzten Minuten von verschiedenen Cockpit Voice Recordern und erstelle eine Collage, die auf ihre Art sachlich und fast schon nüchtern die letzten Sekunden im Cockpit von Flugzeugen dokumentiert, wenn die Technik versagt hat. Musikalisch begleitet dieses Vorhaben F.M. Einheit (Ex-Einstürzende Neubauten), der dezent elektronische Sounds unter die Textfragmente mischt und mit üblichen, aus dem Fliegen bekannten Geräuschen (z.B. das „Bling“, wenn die Anschnallzeichen erstrahlen) anreichert. Brisant war auch, dass die CD im September 2001 veröffentlicht werden sollte, aber aufgrund des damaligen tragischen Zwischenfalls verschoben wurde.  Zu Recht wurde das Werk mit der höchsten deutschen Auszeichnung für Hörspiele, dem Hörspielpreis der Kriegsblinden, 2002 geehrt. Ammer und Einheit schaffen es, das Thema Technikversagen am Beispiel von Flugzeugabstürzen, welches durchaus Potential für eine morbide oder sensationsträchtige Herangehensweise bietet, neutral aufzuarbeiten und machen deutlich, dass Sicherheit in der technisierten Welt fragil ist und nie abschließend gegeben ist. Mir stellt sich beim Anhören die Frage, ob Piloten in diesem wohl schlimmsten Fall tatsächlich so entspannt bleiben, wie es auf der CD zu hören ist, oder hier eine geschickte Auswahl an O-Ton Dokumenten den sachlichen Blick auf das Thema nicht versperren soll.

Biografische Informationen zu Andreas Ammer bei laut.de

PeterLicht – Das Ende der Beschwerde (2011)

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Das ist es also, das Ende der Beschwerde. Sie hilft auch wenig, da sie nichts ändert. Und so kann man, PeterLicht folgend, zwischen den Polen entscheiden: „Du, du, du, du und dein Leben, ihr beide müsst dein Leben ändern“ oder „Schaffen wir uns ab“. Und es ist egal, Hauptsache, wir machen was. Wie so oft schafft es PeterLicht, einen textlichen Kosmos zu bilden, in dem man sich philosophisch tief versinken kann oder einfach bei einer Fahrt im Cabrio vor sich hinsummen kann. Dabei wirkt das Ende der Beschwerde durchaus experimenteller und zugleich gesetzter. Wirken die Spoken-Words-Stücke sehr sperrig, sind viele andere fast schon klassisch instrumentiert und machen einen auf Liedermacher. Und auch textlich geht die Reise und hebt in Metaebenen ab, die bereits bei den Liedern vom Ende des Kapitalismus und der Melancholie und Gesellschaft auszumachen waren.
Insgesamt aber ein angenehm einnehmendes Album. Und irgendwie anders. Und somit wie immer: ein echter PeterLicht 🙂 Anhören! Hinhören!

„Das Internet ist schon scheiße“ – Interview der Süddeutschen Zeitung mit PeterLicht

Ammer & Console – Have You Ever Heard Of Wilhelm Reich? (2009)

Have You Ever Heard of Wilhelm Reich? bei Amazon
„Am Ende glaubte er, der Schüler von Freud und Freund von Einstein, ein Abkömmling einer himmlischen Rasse zu sein. Da hatte Wilhelm Reich bereits alle Probleme der Menschheit gelöst. Egal, ob früh als genialer österreichischer Psychiater (Die sexuelle Revolution), später als hellsichtiger Analyst der Weltkrise (Die Massenpsychologie des Faschismus), dann als Kommunist und Sexualpolitiker (Sexpol) oder am Ende nach seiner kryptischen Entdeckung der Orgonenergie als Krebsheiler und Regenmacher in der amerikanischen Wüste (Das ORANUR-Experiment). Wilhelm Reich hat alle Rätsel der Welt und auch die des Weltraums gelöst.Als Mitarbeiter von Wilhelm Reich der US-Regierung mitteilten, dass dieser das Geheimnis des Lebens entdeckt habe, antworteten die Behörden, dass ein solches ihrer Meinung nach nicht existiere. Im Gegenteil: Den Mächtigen musste so viel Wissen unheimlich sein. Have You Ever Heard Of Wilhelm Reich?, ist eine der Fragen mit denen das FBI in den fünfziger Jahren systematisch dem Universalgelehrten Wilhelm Reich hinterher spionierte. Der Geheimdienst suchte fieberhaft nach Gründen, den einstmals gefeierten Psychiater das Handwerk als Quacksalber zu legen. Reich hingegen warnte das FBI im Gegenzug vor den roten Faschisten, vor der Emotionalen Pest (kurz: EP) oder den UFOs, die Amerika ja schwerlich ohne seine Hilfe besiegen könne.Das FBI verbrannte seine Bücher. Wilhelm Reich starb 1957 in einem amerikanischen Gefängnis. Seine größten Erfolge hatte er da erst noch vor sich: Allerdings kehrte er nicht so wie er es sich erträumt hatte und Patti Smith es später besang (Birdland) in einem Raumschiff auf die Erde zurück, sondern posthum als Prophet der Studentenbewegung. Diese machte sich Reichs Slogan von der sexuellen Revolution zu eigen. Der Beat-Poet W.S. Burroughs verbrachte zur Inspiration Stunden in Reichs Orgon-Accumulatoren und Hippies sangen Hymnen auf Reichs Erfindungen.In Andenken an das Universalgenie Wilhelm Reich haben Andreas Ammer & Console aus geheimen Akten des FBI, aus der öffentlichen Geschichte der Pop-Musik und aus anderen obskuren Archiven erbitterte Tracks erschaffen. Have You Ever Heard Of Wilhelm Reich? funktioniert wie ein Musical des Weltgeists oder ein akustischer Orgon-Accumulator. Ein Reichscher Orgon-Accumulator (kurz: ORAC; Bauanleitung liegt bei) ist eine Holzkiste mit stählerner Innenwand, dessen Wirkungsweise die Space-Rock-Band Hawkwind einstmals folgendermaßen besang: I’ve got an Orgone Accumulator / It makes me feel greater (…) Its a back brain stimulator / Its a cerebral vibrator. Dem folgt und davon singt dieses Hörspiel. (Auch live in Ihrer Stadt oder als DVD in Ihrem Recorder)“ (https://www.libri.de/shop/action/productDetails/9346115/andreas_ammer_console_have_you_ever_heard_of_wilhelm_reich_3939444707.html)

Wikipedia zu Console

Das gesamte Hörspiel gibt es auch im Netz als Podcast bei Bayern 2

Max Goldt – Die Radiotrinkerin & Die Letzte Legendäre Zigarette (1990)


Hörprobe

„Was ist das eigentlich hier?“, fragt sich Vera in einem Mittschnitt ihrer umstrittenen Radiosendung. Max Goldt ist ja gemeinhin bekannt als Buchautor sowie Kolumnist in der Titanic. Nebenher betreibt er noch Musik, zusammen mit Gerd Pasemann bei Foyer des Arts. Hier liegen zwei Hörstücke vor, die auf dem gleichnamigen Buch von Max Goldt basieren.

Die Hörstücke zeichnen sich natürlich durch ihre Grotesken aus, die irgendwie knapp am Glaubhaften vorbeischrammeln. Das nicht nur wegen des Inhalts. Zum einen Vera, die Radiotrinkerin, die eindrücklich von ihrer Radiosendung berichtet, in welcher sie sich wöchentlich ordentlich betrinkt. Zum anderen die Spandauerin Daniela Fricke, die ebenfalls in einem Interview von ihrem Arbeitsalltag als Hinrichtungshostess berichtet. Unter anderem davon, wie sie den Hinzurichtenden die legendäre letzte Zigarette – bei Nichtrauchern auch einen Schokoriegel – anbietet.

Die Hörstücke sind wunderbar produziert und die Personen werden in Form von Studio-/Radiointerviews vorgestellt.

Wer nicht hören mag, kann aber auch lesen

Wikipedia über Max Goldt

Ammer & Haage – 7 Dances Of The Holy Ghost (2005)


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„Aus Leidenschaft für das Phänomen der allgegenwärtigen Verehrung von Schutzheiligen, aus der Lust, das Heilige aus seinen Restbeständen zu rekonstruieren und daraus eine eigene Hörspiel-Oper zu entwickeln, haben sich die beiden Autoren zusammengetan, um von den endlosen Martern und der immerwährenden Verehrung der Heiligen auf eine fast erotische Weise und in vielen Zungen zu erzählen. Jahr 2000, das Heilige Jahr. Angst vor der Apokalypse, dem Jüngsten Gericht? Papst Johannes Paul II reagiert auf seine Weise: mit einer wahren Heiligenflut. 280 Frauen und Männer hat er seit 1978 heilig gesprochen, 805 zu Seligen erklärt. Mehr haben selbst seine Vorgänger seit 1592 nicht dazu erkoren. Woraus besteht das heilige Wesen? Aus Licht? Gas? Klang? Welche Sprache spricht es? Und zu wem? „7 dances of the holy ghost“ – eine Hörspieloper von Andreas Ammer (Text) und Ulrike Haage (Musik) begibt sich auf Spurensuche. Sie finden zahlreiche Geschichten voll Qualen und Wunder. Das Ränkespiel von Politik und Kirche, einen unerbittlichen Geschlechterkampf, vor allem aber den durch nichts zu erschütternden Mut Einzelner, nicht nach dem Leben zu hungern, sondern nach göttlicher Gerechtigkeit. Ammer und Haage suchen den Anfang. Als das Nichts nicht war, kein namenloses Chaos. Sondern der Eine, umgeben vom Geheul seiner „gottlichen Geister“. Heidnische Schutzgötter – zu Heiligen gezähmt, Helfer gegen die Angst, Hoffnungsspender auf das Sein nach der ganzen Plackerei. „Hör uns heiliger Johannes, heiliger Paulus…“ In Zwiesprache versunken, Gläubige auf ihrem Umweg zum Gehörgang Gottes. Sie brauchen Fürbitter für jede Krankheit, jede Verrichtung, jeden Schmerz, Paten für jeden Tag im Jahr. Doch es geht auch anders: „Hört uns: We´re not afraid to die“. „Ich bin der Mann – eine Wüste, ein Grab.“ Die Lebensstationen der Anwärter auf die Heiligkeit sind reich an Versuchung. Die Geschichte des Heiligen Antonius ist bekannt, jenes Einsiedlers aus der Wüste Ägyptens, durch Schweigen von der Welt getrennt. Er widerstand allem, wurde zum Patron für Korbflechter, Schweinehirten, Nothelfer bei Pest, Lepra und Syphilis. Schlimmeres hatte die Heilige Cäcilia zu erleiden, lange vor ihrer Berufung zur Patronin der Kirchenmusik: ein Bad in kochendheißem Wasser, dem sie unverbrüht entstieg. Danach die Enthauptung, drei Mal schlug sie fehl. Erst drei Tage später starb Cäcilia an ihren Wunden. Das nur, weil sie sich taufen ließ. „Mehr war da nicht.“ „Sie sei heilig“. Die Heiligsprechung, der Mythos um Märtyrer und Musterwesen: Höhepunkt der römisch-katholischen Kirche, besiegelt durch einen bürokratischen Akt auf dem Petersplatz. Würdenträger im prunkvollen Ornat, die alte Heiligenlitanei, der Eintrag des neuen „Diener Gottes“ in das Heiligenverzeichnis – „Decernimus – wir beschließen es“. Und Schnitt. Die Live-Übertragung im Radio, weltweit. Vielsprachig über „Radio-Maria“: Spitzlippiges Latein, Deutsch, Englisch, Portugiesisch, die Hysterie amerikanischer TV-Prediger. Gläubige im Wahn. Und ganz verschämt, die lüsternen Seufzer angesichts aller Tortur. Unheimlich. Ungeheuerlich. So fremd und nicht von dieser Welt. Doch allgegenwärtig der Breakbeat der Moral, die ätherischen Klänge des Glaubens und Staunens. „7 dances of the holy ghost“ – ein Soundtrack vom deus ex machina dirigiert. Klang werden die Kälte der Kirchen, die Einsamkeit der Wüste, das Fallbeil der Bürokratie, das Verbrennen reiner Seelen, sinnlich, nicht gelehrt. Zerhackt, zerkratzt, zerfetzt vom Echo der Moderne. Sprache dazu, Gesang und Flüstern. Von Knabenchören, Katharina Franck und Ben Becker. Über allem, einem Urklang gleich, die Stimme von Phil Minton -verlorenem Gewisper und anderen Wesen auf der Spur.“ (http://www.amazon.de/DANCES-GHOST-Produktion-H%C3%B6rspiel-Medienkunst/dp/3880300348)