Schlagwort-Archive: Rock

65dayofstatic – The Fall Of Math (2004)

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Weil es so passend beschrieben ist, häng ich hier einfach nur das Zitat rein und genieße weiter das Album 🙂

„Die Scheibe rotiert in der Anlage, und plötzlich ist alles anders. Das sanfte Regenplätschern gegen die Fensterscheibe entschwindet aus der Wahrnehmung. Der frisch aufgegossene Tee erkaltet unbemerkt auf dem Nachttisch. Schon die ersten Klänge packen, bannen, magnetisieren und ziehen das Bewußtsein am Ohr in parallele Galaxien. Mit ihrem ersten Longplayer „The fall of math“ ist den vier jungen Hexenmeistern von 65daysofstatic ein futuristischer Instrumental-Trip mit hypnotischer Sogwirkung gelungen. Sie haben zwar der Mathematik abgeschworen, aber eine musikalische Formel entwickelt, die restlos aufgeht.“ (Quelle: http://www.plattentests.de/rezi.php?show=2875)

Portrait der Band auf laut.de

Joy Division – Unknown Pleasures (1979, remastered 2000)


Hörprobe

Und schon wieder geht es um Vergnügen, jetzt um die der Joy Division. Dass Ian Curtis Vergnügen unbekannt gewesen sein müssen, lässt nicht nur die Dunkelheit und Schwere dieses Albums deutlich werden, sondern auch sein früher selbstgewählter Gang von diesem Planeten. Für die Musikgeschichte hinterlies er ein schweres Erbe, welches nur zwei Alben beinhaltet, aber eine Neudefinition von moderner Musik mit sich brachte. „Unknown Pleasures“ ist der Erstling von 1979, dem im Gegensatz zu besser geschliffenen Diamanten „Closer“ von 1980 noch mehr der Punk anzuhören ist. Die Überbetonung des Schwarzen in Bass, Schlagzeug und Gesang stand sicherlich Pate für nachfolgende Gengres und wirkt bis heute hinein, wie Gruppen wie Interpol, Editors etc. belegen.

2000 wurde auch dieses Album einer akustischen Generalüberholung unterzogen und gleich noch eine Bonus-CD mit einem Konzertmitschnitt beigelegt.

Und ich hege den Verdacht, dass das Cover des Albums am meisten auf T-Shirts abgedruckt worden ist…

Wikipedia zu Joy Division

Velveteen – 27 (2010)

Hörprobe
„“Home waters“ hieß die Platte, und Death Cab For Cutie waren die Gelackmeierten. Die Geschichte ist kurz und schön: Ein amerikanischer Blogger stellte zum 1. April 2008 einen Leak zum sehnlich erwarteten „Narrow stairs“ bereit, worauf viele, viele Menschen ein Album aus den ungefähren Weiten luden, welches auf das erste Hören wie die mögliche neue Platte von Death Cab For Cutie klang. Die Stimmen überschlugen sich: Vielerorts war man sich sicher, es sei die bisher beste Platte des Quartetts aus Bellingham. Zwar klang die Musik nur formal nach Death Cab For Cutie, nur fiel das niemandem so wirklich auf. Der Blogger löste einige Stunden später sein Geheimnis: Aprilscherz. Und das amerikanische MTV hatte eine Story, um über die Frankfurter Indie-Institution zu berichten.

Die Verquickung dieser günstigen Umstände für die Band Velveteen liegt vor allem an einem wesentlichen Merkmal. Tatsächlich ähnelt Carsten Schrauffs Stimme derjenigen Benjamin Gibbards, doch greift der Vergleich im Hinblick auf die Komplexität der Musik von Velveteen viel zu kurz. Denn hier lässt sich der Einfluss von The Notwist ebenso deutlich ausmachen wie die Leichtigkeit von Grandaddy oder der Shoegaze von My Bloody Valentine und Ride. „27“ heißt die mittlerweile vierte Platte der Frankfurter, und sie ist mindestens so umarmend wie die Vorgänger.

Da braucht es nur eine kleine, sehnsüchtige Melodie, um „27“ in die richtige Ausgangsposition zu schicken: „Pictures & medications“ ist ein kleines Intro, das all die Traurigkeit der Welt auf seine Schultern lädt und aushält. Die selbstreflexive Thematik der Texte unterstreicht diese unüberwindbare Melancholie: eine Zerreißprobe zwischen Aufbruch, Fern- und Heimweh. Schrauff singt vom Ausbruch aus der Vertrautheit und vom Fliehen aus Gewohnheiten, beschwört den Sog der Heimat, die Zufriedenheit des Zuhauseseins. Holden Caulfield lässt grüßen.

Die große Stärke von Velveteen: Melodien für die Ewigkeit komponieren, Gitarrenwände zum Besteigen bauen, Effektschleifen zum Verlieren spinnen. „L.S.P. wars“ zeigt, wie das gemeint ist. Der Tischtennisball-Klicker-Beat von „Roockie of what?“ gerät dabei zum großen Leitmotiv, zieht damit dem mächtigen Intro des Songs sogar die Füße unter dem Boden weg. „Cars“ versteckt den größten Moment der Platte: Hier wird die größte Gitarrenfläche des Jahres heraufbeschwört, veredelt mit einer leichtfüßigen Melodie, die zu Tränen rührt. Das muss man erst einmal aushalten. Mit „27“ ist Velveteen ein großer Wurf gelungen. Eine Platte, die berührt, die tief schürft. Und in ihrer Größe kaum einzufangen ist. (Christian Preußer)“ (http://www.plattentests.de/rezi.php?show=7408)

Nick Cave & The Bad Seeds – Nocturama (2003)

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„Näher ans Licht

Kürzlich ließ Nick Cave sinngemäß verlauten, Songs zu schreiben sei für ihn wie ein normaler Job. Dazu brauche es Ruhe und eine Art Atelier, in das er sich zurückzieht, während Otto Normalbürger seine Akten wälzt. Eigentlich frustrierend, zu wissen, daß seine Songs bei Tag zwischen Papier und akkurat gespitztem Bleistift entstehen und nicht morgens um halb fünf zwischen übervollen Aschenbechern, wachsüberlaufenen Kerzenständern und umgekippten – natürlich leeren – Whiskey-Flaschen. Aber was macht das schon? Was zählt, ist das Ergebnis. Und das klingt definitiv nach durchzechten Nächten, nach Promille jenseits von Gut und Böse, nach ganz kurz vorm Delirium. Wäre der Titel „Man in black“ nicht schon an Johnny Cash vergeben, Nick Cave müßte ihn auf Lebenszeit an die Stirn getackert bekommen. Denn er lebt ihn. Schwärzer als die Nacht. Trockener als Wüstenboden. Und lustig wie ein Grab.

Daß sich an Nick Caves charakteristischem Sound auf „Nocturama“ etwas ändern würde, hätte im Vorfeld angesichts des Albumtitels niemand geglaubt. Und doch traut man Augen und Ohren nicht. Da blickt der schwarze Mann auf dem Cover doch tatsächlich mitten ins Licht. Nicht in eine Kerze, nicht in eine flackernde Tranfunzel, sondern in gleißende Helle mit Wattzahlen jenseits der Tausendermarke. Und auch in seiner Musik hat sich ein unerwarteter Silberstreif durch die Ritzen geschlichen und breit gemacht.

Die Singleauskopplung „Bring it on“ ist nur ein Beispiel: Die Zweitstimme von Chris Bailey (The Saints), die tiefsinnige Ironie, eine groovende Rhythmusabteilung und ein – tatsächlich – stadiontauglicher Refrain. Macht einen Song, der förmlich nach Tanzfläche schreien würde, wenn Schwarzkittelträger nicht durchweg notorische Phlegmatiker wären. Aber wer Nick Cave nach diesem Song noch Introvertiertheit vorwirft, könnte dringend eine Ohrenspülung gebrauchen. Auch in anderen Momenten geht Cave weit mehr aus sich heraus, als das noch auf dem sakralen „No more shall we part“ der Fall gewesen ist. Das furios rockende „Dead man in my bed“ ruft selige Birthday Party-Zeiten wach, und im 15-minütigen „Babe, I’m on fire“ (dessen beißender Text im Booklet ganze vier Seiten einnimmt) brennt endgültig die Hütte.

Aber natürlich kann der nunmehr 45jährige nicht aus seiner schwermütigen Haut und sucht immer wieder den bekannten Dialog mit seinem Piano. Der Opener „Wonderful life“ oder das entzückende „He wants you“ füllen den Raum mit jenem bedeutungsschwangeren Esprit, den man von Cave so schätzt. Und als ob die Kontraste zwischen Hell und Dunkel, zwischen Laut und Leise nicht schon genug wäre, platzen immer wieder ausgefallenere Stücke wie das im Dreivierteltakt schnurrende „Rock of Gibraltar“ in die traute Zweisamkeit, die „Nocturama“ allerdings leider etwas diffuser erscheinen lassen als seinen Vorgänger. (Armin Lindner)“ (http://plattentests.de/rezi.php?show=1353)

Pink Floyd – The Wall (2CD) (1979)

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Meilensteine der Musikgeschichte. Heute: The Wall

Die 1979 erschienene Platte „The Wall“ nimmt wohl unstrittig eine ganz besondere Stellung in der Geschichte der Rockmusik ein.
Bereits zehn Jahre zuvor hatten The Who eine vollkommen neue Art der Rockmusikinszenierung entworfen. Mit ihrem Werk „Tommy“ war es ihnen gelungen, ein Album auf den Markt zu bringen, dass wie aus einem Stück gegossen war. Es beschäftigte sich vom Anfang bis zum Ende mit EINER Handlung. Die Lieder wurden von einem Konzept zusammengehalten und bildeten gemeinsam EIN Werk. Es war das erste Mal, dass so etwas wie eine Rockoper entstanden war.
Genau dies, nämlich das Erschaffen einer Rockoper, gelang Pink Floyd, beziehungsweise Roger Waters, mit „The Wall“ in vollendeter Form. Auch hier wird sich thematisch mit dem Erzählen einer einzigen Geschichte befasst. Musikalisch sieht das Ganze dann so aus, dass ein Stück zumeist nahtlos in das nächste übergeht und nur dort Pausen entstehen, wo sie inhaltlich erforderlich sind – wie in einer richtigen Oper also. Dem Komponisten Roger Waters ist dies auf solch eindrucksvolle Art und Weise gelungen, dass ich persönlich selten Lust habe, mir nur ein spezielles Lied des Albums anzuhören, sondern vielmehr meistens das Bedürfnis verspüre, das komplette Werk zu genießen. Das führt dazu, dass ich „The Wall“ nicht sehr oft höre. Wenn ich es aber dann tue, dann ist dies mit einem besonders intensiven Erleben der Musik verbunden, welches sich auch nicht abzunutzen droht.
„The Wall“ steht in der Form, in der es entstanden ist, schon relativ einsam auf weiter Flur da. Es gibt nur wenige Alben, die solch eine Wirkung und auch Bedeutung für die Rockmusik haben. Es ist tatsächlich ein waschechter Meilenstein der Musikgeschichte, und jeder halbwegs Interessierte sollte dieses Album besitzen.“ (http://www.amazon.de/review/R87ZMJDZWNB4D/ref=cm_cr_rdp_perm)

Interessanterweise gibt es den Film zur LP mittlerweile auch gratis im Netz zum ansehen.

Phillip Boa – Lord Garbage (1998)

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„Der Voodoo-Club ist tot, es lebe Boa! Phillip Boa, Fürst der Finsternis, trug in früheren Zeiten den Titel „Arschloch der Nation“ wie ein Ehrenabzeichen. Mit seiner Lebensgefährtin Pia Lund produzierten Boa und der Voodoo-Club Alben voll großartiger Düsternis und Live-Shows voll alkoholgeschwängerter Egozentrik.
Doch Mitte der 90er zog Boa einen Schlußstrich und sich selbst nach Malta zurück, wo er Weihnachten 1996 die ersten Songs eines Albums schrieb, das zwei Jahre später erscheinen sollte. Als Partner holte er Gareth Jones ans Mischpult, der durch seine Arbeit für Depeche Mode bekannt geworden ist. Aber nicht der Name gab den Ausschlag, sondern Jones‘ Talent, analoge und digitale Seiten des Düster-Pop zu verbinden. Dancefloor meets Doomgitarren? So einfach macht es Boa weder sich noch dem Publikum, seine Musik ist zu kantig für den Club, zu melodienverliebt für die Gothic-Gemeinde. Refrains von überirdischer Größe dominieren die Songs, der Sound wird getragen von einer Vielzahl an fiependen, pluckernden Sequencer-Grooves, denen silbern-sägende Gitarren in den Rücken fallen. Über allem thront die Stimme Boas, die beweist, daß er viele Titel ablegen kann — nur eines wird Phillip Boa bis in alle Ewigkeiten bleiben: Der größte Nicht-Sänger der Nation. –Björn Döring“ (http://www.amazon.de/Lord-Garbage-Phillip-Boa/dp/B0000265TF)

Boa bei laut.deWikipedia und Indiepedia

Peaches – Fatherfucker (2003)

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Real wild child

Wie schreibt man über eine Platte, die einem gleich zu Beginn mit knapp 20 gebrüllten Fucks und fast ebensovielen Shits überrascht? Was sagt man über Musikvideos mit sich bis aufs Messer bekriegenden Frauen? Wie stellt man die Künstlerin vor, die sich auf Konzerten gern mal einen rosa Gummidildo umschnallt? Und wie vor allem macht man jemandem, der noch nie etwas von Peaches gehört, gesehen oder gelesen hat, begreiflich, daß die neue CD „Fatherfucker“ verdammt nochmal geil ist?

Man kann beispielsweise auf die lange Reihe von Peaches-Fans verweisen, die seit ihrer Debüt-EP „Lovertits“ aus dem Jahr 2000 ständig anwächst: Iggy Pop, Beck, Björk, Queens Of The Stone Age und The White Stripes finden sie toll. Karl Lagerfeld hat sie fotografiert. Sogar die FAZ lobte das neue Album. Nun ja. Oder man versucht die Musik zu beschreiben, die sich angeblich irgendwo hinter Schlagworten wie Elektro-Punk oder Porno-HipHop versteckt. Peaches jedenfalls macht genau eins: ihr eigenes Ding. Selbstbewußt, stark und sexy, wenn auch vielleicht auf Dauer etwas zu viel von allem. Egal.

Peaches, eigentlich Merrill Nisker, stammt aus Toronto, machte schon dort Musik und kam über ihren früheren Bandkollegen Gonzales erst nach Berlin und dann zum Label Kitty-Yo. Schon der erste Longplayer „Teaches of Peaches“ brachte diesen schnellen, schmutzigen, lauten Punk, aufgepeppt mit simplen Computerbeats, die explizit an die Achtziger erinnern. Kurze aber heftige Songs wie der Opener „I don’t give a…“ gehen sofort in die Beine. Und dazwischen. Damit sind auch die Texte gemeint, die sich um Sex und nichts anderes drehen. Schon der Albumtitel dreht das alte „Motherfucker“ einfach um: Warum müssen immer die Mütter dran glauben? Und auch „Shake yer dix“ geht in die gleiche, die richtige Richtung: Warum wackeln eigentlich immer nur die Frauen mit ihren Brüsten?“ (http://www.plattentests.de/rezi.php?show=1751)

Phillip Boa And The Voodooclub – Diamonds Fall (2009)

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„Lord Have Mercy With The 1-Eyed! Mit der Durchschlagskraft eines Morrissey-Songtitels empfängt uns Phillip Boa in guter Tradition exakt zwei Jahre nach dem Vorgängerwerk. So mechanisch die Veröffentlichungszeiträume, so vielgestaltig die Songideen Boas.

Ob er selbst der um Gnade winselnde Einäugige ist, lässt er wie gewohnt offen. Aus kreativer Sicht ist dies eher unwahrscheinlich. Seit sich der Dortmunder wieder mit Gesangspartnerin Pia Lund versöhnt hat, sind fünf Voodooclub-Studioalben in zehn Jahren erschienen und das vorliegende sechste dürfte die Messlatte für alles Kommende noch ein Stückchen höher setzen.

Seinem Händchen für Opener bleibt der mittlerweile 46-jährige Indie-König von Deutschland mit „Diamonds Fall“ unerbittlich treu. Ein schnörkellos groovy programmierter Elektro-Beat bildet das monotone Grundgerüst, worauf sich Gitarre, Bass, Schlagzeug, Keyboard und schließlich des Meisters unnachahmlicher Sprechgesang legen, bevor Lunds Engelsstimme dem schönsten Refrain des Albums wie so oft den güldenen Qualitätssiegel aufdrückt.

Um nicht unbemerkt zum Einäugigen zu mutieren, suchte sich Boa über die Jahre immer wieder neue Mitstreiter, die seinen Sound frisch halten. Mit Produzent und Klez.e-Mann Tobias Siebert reüssierte bereits beim letzten Album „Faking To Blend In“ ein junger Wilder, der seinem Idol als kreativer Widerpart wertvolle Dienste erwies.

Auf „Diamonds Fall“ erwächst das Duo zum Dream Team. Noch ausgeklügelter und aufs Filigrane reduziert klangen Boa-Songs vielleicht noch nie. Mit der Requirierung von Can-Drummer Jaki Liebezeit erfüllte sich Boa überdies einen Kindheitstraum. Dessen Trademarks, das akzentuierte und perkussive Spiel, verleiht rhythmischen Songs wie „Fiat Topolino“ und vor allem „DJ Baron Cabdriver“ einen besonderen Charme.

Seine kompositorischen Trümpfe spielt Phillip Boa bereits seit geraumer Zeit in melancholischen Midtempo-Stücken aus. Um ähnlich ergreifende Ergebnisse wie „Valerien“, „The Race Is Over“ oder die erwähnte, geradezu sakrale Single „Lord Have Mercy With The 1-Eyed“ zu finden, muss man in der Boa-Diskographie allerdings weit zurückblättern.

Obwohl Boas Sound-Rezeptur nach 24 Jahren einem klar nachvollziehbaren Muster folgt, ist es nach wie vor schwer, seine Magie zu entschlüsseln. „Zurückhaltung ist oft besser als etwas Falsches darzustellen“.

Ob die Lebensweisheit der 2007 verstorbenen Hollywood-Darstellerin Jane Wyman auch als Credo des gezähmten Kultrockers durchgeht, können wir nur vermuten. Was er sie gerne fragen würde, verrät uns Boa aber im gleichnamigen, ausnahmsweise leicht zu deutenden Song.“ (http://www.laut.de/lautstark/cd-reviews/b/boa_the_voodooclub_phillip/diamonds_fall/index.htm)

Peaches – Impeach My Bush (2006)

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Peaches, die man hier immer noch liebevoll und vereinnahmend als Berlin-Underground-Entdeckung ins Taschentuch eingeknüpft hat, ist international längst auf dem Superstar-Level angekommen. Dafür bürgt nicht nur ihre Zusammenarbeit fürs dritte Album mit QOTSAs Josh Homme, Hardrock-Godmother Joan Jett und Beck-Produzent Mickey Petralia und die Tatsache, dass Pink einen Track wollte (und bekam) und Britney anfragen ließ (und nichts kriegte). Sondern auch die von Merrill Nisker selbst ungläubig erzählte Geschichte, dass Kelis backstage “Fatherfucker” laufen ließ, und als die CD hängen blieb, die zufällig anwesende Björk prompt ihr Exemplar helfend aus der Handtasche zog.

Wer jetzt aber von “Impeach My Bush” eine Rundum-Erneuerung erwartet, dem ist mit dieser Platte leider nicht zu helfen: Peaches ist kein Novelty-Act, der sich jedes Mal neu erfinden muss, sondern sie beschreitet ihren damals noch in das längst vertrocknete Electroclash-Beet eingepflanzten Weg, der sich nicht um Unterscheidungen zwischen Cock Rock und Sleaze-Elektronik schert, konsequent weiter. “Powerhouse” ist die einzige Währung, die Peaches interessiert. Und natürlich die radikale Emanzipation von nervtötenden Rollenklischees. Wenn sie den Refrain ihres Stückes “Boys Wanna Be Her” brüllt, kann man fälschlich durchaus “Boys wanna beaver, girls wanna beaver” verstehen: Biber, nicht nur dieses halb-possierliche Nagetier, sondern auch ein amerikanischer Kosename für das flaumig bis drahtig behaarte weibliche Genital (wie natürlich auch “Bush”). Gar nicht so abwegig bei dem gerne als Sex-Fiend gehandelten kanadischen Exportartikel, aber dann doch die verkehrte Richtung. Denn was Peaches sehen will, ist (endlich) weniger Konzentration auf den weiblichen Körper als Erotik-Fetisch im Pop, sondern (endlich) Vortritt für die Männer. Was auf “Fatherfucker” mit “Shake Yer Dix” schon deutlich ausformuliert wurde, findet jetzt in Stücken wie “Two Guys For Every Girl” eine variantenreiche Fortsetzung: “I wanna see boys get down with each other” annonciert sie, und im Interview mit der Zeitschrift Bust winkt sie, angesprochen auf das Vorbild-Potenzial des inszenierten Britney/Madonna-Kusses, müde ab und entgegnet: “It’s about time Pharrell Williams and Justin Timberlake or Snoop Dogg and fuckin’ Ludacris suck each other’s dicks for everybody to see, and release a video.” Subtil ist das nicht, sondern schon eher sehr pragmatischer, symbolträchtiger “Hands-on-Feminismus”, wenn dieses schlüpfrige Wortspiel an dieser Stelle erlaubt sei – in entfesselt röhrender, kickender Ummantelung, die musikalisch nichts zu wünschen übrig lässt. Dass diese Kombi dabei so viel Breiten-Appeal entwickelt, ist so unglaublich, dass ich unser Glück gar nicht fassen kann.“ (https://www.intro.de/platten/kritiken/23036350/peaches_impeach_my_bush?inc=artikel/i2008.content.detail&category=platten&subcategory=kritiken&item=23036350&teaserlogic=ArtikelPlattenKritikenDetail&ivw=PlattenKrit<)

http://www.impeachmybush.com/ – Offizielle Webseite zur Platte

http://www.peachesrocks.com/ – Homepage von Peaches

Das nicht ganz unblutige Video „The Boys Wanne Be Her“ vom Album

Sigur Rós – Med Sud I Eyrum Vid Spilum End (2008)

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„Die alten Sigur Rós, sie sind noch nicht ganz verschwunden. In „Straumnes“ hört man sie beispielsweise, einer hübschen Instrumentalminiatur. Oder im neunminütigen „Ára Bátur“, das ausschließlich von Pianoklängen, Streichern und einer klagenden Stimme lebt. Insgesamt aber ist With A Buzz In Our Ears We Play Endlessly, so der englische Titel ihrer mit einem prächtigen Cover ausgestatteten neuen Platte, ein guter Anlass, den Begriff „Postrock“ im Zusammenhang mit den isländischen Melancholie-Spezialisten aus dem Beschreibungsvokabular zu streichen. Der Einstieg „Gobbledigook“ erinnert in seiner rhythmischen Verspieltheit an Animal Collective, „Inní Mér Syngur Vitleysingur“ klingt voll fideler Ausgelassenheit wie von Benni Hemm Hemm inspiriert, einem Landsmann und Freund der Band. Unglaublich auch der zweite Teil des zweiten Neunminüters der Platte, „Festival“: Mehrere Minuten sind nur klagend-ätherischer Gesang und eine sakrale Orgel (oder sind es Streicher?) zu hören, bis plötzlich ein Schlagzeug einsetzt und das gegen Ende hin konsequent anschwellende Lied in einen ekstatischen Freudentaumel treibt. Natürlich kommen Schwermut und Bombast auch ausgiebig zu ihrem Recht; manches ist filigran, anderes wieder mit reichlich Zierrat ausgestattet. Aber es scheint, als seien Sigur Rós so gut drauf wie nie zuvor. In der Tat: Sigur Rós müssen ja nicht gleich hinein ins Stadion, aber warum sollte neben Radiohead nicht auch noch Platz für weitere Pop-Avantgardisten mit Massenappeal sein?“ (http://www.now-on.at/kritiken.artikel.php?artikel=2715)