Schlagwort-Archive: Rock

Tunng – Good Arrows (2007)

Gute Pfeile gibt es immer mal wieder. Sei es bei Robin Hood, der sie für die Gerechtigkeit verschießt oder bei Amor im Auftrag der Liebe. Auch Tunng haben sie in ihrem Köcher bzw. auf ihrem dritten und vielfältigen Album nachgelegt, die man bei jedem Hören aufs Neue zu spüren bekommt . Sie verbreiten gute Laune, Leichtigkeit und Gelassenheit. Und bei jedem ihrer Songs glaubt man  Tunng sofort, dass sie die Guten sind. Aber wo viel Licht, da viel Schatten. Irgendwo in ihren bunten Arrangements des Folktronica verstecken Tunng „das Dunkel“, dass nur darauf lauert, den Hörer im heitersten und unachtsamsten Moment zu erschrecken. Also vorsicht!

„Ein bisschen Paul Simon und ein bisschen Bright Eyes, ohne altmodisch oder künstlich zu klingen – auf ihrem dritten Album haben Tunng den goldenen Schnitt zwischen poppigen Melodien, elektronischen Basteleien und folkig-melancholischen Stimmungen entdeckt. „Good Arrows“ ist ein Album, das bei jedem Anhören neue Facetten gewinnt. Zwischen den Wänden eines engen Kellers erschufen die Briten weite, verführerische Klangwelten.“ (Quelle: http://www.laut.de/Tunng/Alben/Good-Arrows-22068)

The Wedding Present – Valentina (2012, 2015)

Mit Valentina legen The Wedding Present das immerhin achte  oder neunte – je nach Zählung – Studioalbum vor, die seit 1985 vor sich hin musizieren. Als einstige Lieblinge von John Peel rotierten sie des öfteren auf seinen Sessions… Zu Recht! Denn The Wedding Present schaffen es, Rock und Pop zeitlos zu verbinden. Hymnische Melodien ohne bombast, clevere Arrangements, die luftig daherkommen ohne trivial zu sein und natürlich David Gedges Stimme, die Kraft und Wärme vereint. 

Knorkator – Das Nächste Album Aller Zeiten (2007)

Mit dem Album hat es Knorkator geschafft, mich zu überzeugen. Die hier abgelieferte Musik ist deutlich definierter und lässt das Gefühl aufkommen, das Knorkator (immerhin „Deutschlands meiste Band der Welt“!) sich gefunden haben. Poppig, rockig, folkloristisch oder klassisch – verschiedene musikalische Stile wurden bislang ausprobiert und kommen hier gezielt zum Einsatz. Jedoch überzeugte mich weniger die Musik, als vielmehr die Texte, als ich die CD auf eine Fahrt durch den Pfälzer Wald hörte. Der Opener „Alter Mann“ erfreute mich schon durch die Idee, über die Vorteile des Alterns mal nachzudenken. Konsequent zu Ende gedacht landet man natürlich dann bei dem melodiösen Song „Wir werden alle sterben“ (das Lied erklärte die Band als neue Internationalhymne), dessen Refrain eine zuckersüße Mädchenstimme absingt. Andere Texte handeln von grotesken und/oder philosophischen „Grundproblemen“ der Welt, wobei mein persönliches Highlight das Lied „Für meine Fans“ ist, in dem sich die Band mal ordentlich darüber auslässt, dass ihre Konzerte nur von „dicken Männern mit Bärten“ und „erbärmliches Proletenpack“ besucht werden, wofür sich die Band klar schämt. Also, an- und hinhören in ein wirklich abwechslungsreiches Album. Es lohnt sich 🙂

Knorkator-Portrait bei laut.de

The Heavy – Great Vengeance And Furious Fire (2007)

Reinhören
Minimales kann bombastisch sein. Vorausgesetzt, die Mischung stimmt. Und hier sind The Heavy echte Meister. In erster Linie wird gerockt und scheinbar munter drauf losgehauen. Aber schon beim ersten Hören fällt auf, dass da mehr drin steckt. Einflüsse von Reggea, Blues und Funk und Soul drücken sich durch trotz der dicken Beats deutlich an die Oberfläche, dass es nur so poppt. Dazu ein energetischer Gesang, der gern auch mal durch den Equalizer geleiert verfremdet klingen darf. Mich erinnern sie mit diesem Album an  „Elephant“ von den White Stripes und auch der Gesang, oder besser, der gekonnte Umgang mit der Stimme als weiteres Musikinstrument, zeigt hier und da für mein Gefühl Ähnlichkeiten, ohne diese abzukupfern. Auch  Verweise auf Curties Mayfiled oder Assoziationen zu Jamie Lidell tun sich bei mir auf.

Die Platte macht sich keine Sorge um ausgewogene 7.1 Surroundsysteme und HiFi-Anlagen sondern konzentriert sich auf das, was wichtig ist: Spielen, Kreativität, Rhythmus. Da darf oder muss es auch rumpeln oder übersteuert und stets etwas zu laut klingen, solang die Message stimmt! Mono geht immer und Musik ist ein Selbstzweck.

Mich erstaunen solche Bands wie The Heavy, da sie es trotz des Gefühls, dass doch alles schon mal dagewesen sein sollte, schaffen, ein grandioses Werk abzuliefern, dass locker und unangestrengt, beinah wie aus dem Hemdsärmel geschüttelt, daher kommt. Da freu ich mich doch schon drauf, die Platte alsbald mal wieder abzuspielen 🙂

The Heavy – Coleen from Bryan Rone on Vimeo.

Radiohead – OK Computer (1997)

Reinhören
Wer einem Sonnenaufgang die Aufmerksamkeit entgegenbringt, die diesem gebührt, wird sehen, dass er trotz seiner Alltäglichkeit nie identisch und mit ihm eine unbeschreibliche Komplexität verbunden ist. Dieser Gedanke kam mir heute beim Hören des immerhin schon 18 Jahre (!!!) gereiften Radiohead Albums „OK Computer“. Das Album verbrachte lange Zeit in einer Twilight-Zone meines Musikschranks und ich konnte mich nicht für oder dagegen entscheiden. Aber, nachdem ich mir die Zeit zum Zuhören nahm, entfaltete es mir einen unglaublichen Kosmos, den man wahrlich nicht alle Tage hören kann. Er erinnert mich an Konzeptalben von Pink Floyd, trägt die Melancholie, die sich Bright Eyes findet, hat die Kraft von Interpol und die Zuversicht von B.Fleischmann – um mal einige Assoziationen zusammen zu tragen… Es ist in der Tat ein sehr gelungenes Stück Musik, zu Recht mit dem Grammy Award for Best Alternative Music Album ausgezeichnet. Und so hat es sich nun doch in meinem Plattenschrank einen festen Platz reservieren können 🙂

Blockflöte Des Todes – Wenn Blicke Flöten Könnten (2010)

Reinhören

Die Blockflöte mit ihrem Debut. Und sie behandelt die wichtigsten Themen des Lebens – die des Alltags. Jedochaus einer Perspektive, die zumindest mich zum Schmunzeln bringen kann. So werden z.B. folgende Dinge besungen:

  • Die Bedeutung einer Mädchenhaarallergie auf die persönliche Entwicklung,
  • die Rolle von youporn auf das WG-Leben,
  • die vergleichbare Schönheit einer Frau mit einem Flughafen,
  • den Vorteilen der Mädchen in Berlin,
  • Fairtrade gehandeltes Kokain,
  • Irr/Wege zur Befriedigung der Fernsehsucht,
  • einem Vorteil, mit Krücken durch das Leben zu wandeln,
  • den Schwierigkeiten, sich zu suizidieren,
  • der ersten Liebe oder dem
  • Tag des offenen Tiers (sic!) im Schlachthof

Die meist entspannte und eigentlich immer passende Gitarrenmusik (und sogar einem Blockflötenpart!) trifft auf Texte mit Witz, (Selbst-)Ironie, Biss und Geist. „Jedes Lied auf dem Debüt der Blockflöte des Todes ist wie ein guter Witz: Nicht zu lang und mit Pointe meistens am Ende.“ (Quelle) Eine gute Kombination für die Momente des Lebens, in denen man eine gute Unterhaltung braucht 🙂

Wikipedia über die Blockflöte des Todes

Get Well Soon – Vexations (2010)

Reinhören
Ängste  und Ärgernisse, und der Umgang mit ihnen – dazu kann uns der Stoizismus einiges lehren. Das dachte sich auch Konstantin Gropper, die ein-Mann-Gruppe hinter dem Projekt Get Well Soon, als er das Konzeptalbum in nur zwei Wochen schrieb. Mit dabei: ca. 20 weitere Musiker! Allerdings dürfte Gropper für die „kognitive Konzeption“ mehr als die zwei Wochen gebraucht haben. Verweise auf und Zitate von Schriften des Philosophen Seneca, die Sterbeforscherin Kübler-Ross,  Werner Herzog,  Marx & Engels, Nietzsche uvm. Also bereits auf textlicher Ebene gehaltvoll. Musikalisch passt sich das Album dem Grundthema hervorragend an und mit äußerstem Geschick kommen neben den elektronischen Instrumenten auch Bläser, Chöre, Streicher etc. zum Einsatz und tragen zur Erhabenheit und Schwere des Albums bei ohne zu opulent zu wirken.  Vielleicht liegt es daran, dass es Get Well Soon hier und da schafft, einzelne Stilelemente zu überzeichnen und fast schon absurd klingen zu lassen. Aber eben nur fast. Und so wirkt das Album auf mich Ambivalent. Es hat eine gewisse Schwere und Leichtigkeit zugleich. Es vereint einen Abgesang und gleichzeitigen Aufbruch, Dunkelheit und Licht, Poesie und Wissenschaft. Das Faszinierende daran ist, dass die Ambivalenz in keine negative Seite ausschlägt.  Und wenn die Spex kritisiert, dass „der Künstler zu verliebt ist in sein eigenes Schaffen“, kann ich nur ins Wort fallen und sagen: „Und das ist gut so!“

Knorkator – The Schlechst Of Knorkator (1997)

Reinhören

Was für ein Debüt! Allein der Titel lässt aufhorchen, das Artwork abschrecken (ich erinnere mich, wie in Ende der 90er Jahre in den CD-Regalen blätterte und mich dieses Cover damals daran hinderte, Interesse für Knorkator zu entwickeln!)

Das Album „The Schlechst Of…“ macht seinem Namen wirklich alle Ehre. Statt „nette“ Sounds mit „netten“ Texten auf die CD zu packen, haben sich Knorkator wohl tatsächlich überlegt, welche Songs besonders schlecht sind. Und eigentlich tun sie genau das, was sie auch später perfektionieren. Sie spielen mit den Hörgewohnheiten, überzeichnen, karikieren, (selbst-)ironisieren, irritieren und damit polarisieren sie auch. Sicher noch weniger zugänglich als die Nachfolgealben, was zumindest bei mir daran liegt, dass ich mit den sehr hartrockigen Stücken wenig anfangen kann und mich bemühen muss, den Songs zu folgen. Wenn ich es schaffe, macht es durchaus Spaß. Daher zum Einstieg meine Empfehlung: der Song Böse. Böse Gitarren, Böse Stimme, eben Böööse 😀

Offizielle Webseite von Knorkator

Portrait über Knorkater bei laut.de

Knorkator – Ich Hasse Musik (2003)


Reinhören

„Ich hasse halbe und ganze Noten
und auch die Pausen …. gehören verboten!

Ich hasse Beethoven und man kann sagen,
er selbst musste das ja nicht ertragen.

…Ich hasse Musik!…“

Wenn das mal keine Ansage einer Band ist! (übrigens: der gesamte Text des Liedes findet sich z.B. hier) Und weil sie wohl noch mehr als Musik sich selbst zu hassen scheinen, packen sie es, ein ganzes und noch dazu kreative-abwechslungsreiches Album auf die Beine zu stellen.

Schwer rockende Musik zu Texten über die allgemeinen Probleme der Erziehung des eigenen Nachwuchs oder dem mangelnden Selbstbewusstsein finden sich ebenso wie einige musikalisch „entspanntere“ Songs, die sich thematisch z.B. mit den Stilelementen der Musikgestaltung oder auch der Frage beschäftigen, wie weit es bis zum Horizont ist. Diese, fast schon romantische Frage, eingebettet in eine entsprechende musikalische Hülle, kann fast als pädagogisch wertvoll angesehen werden, da Knorkator hier mittels der Mathematik berechnen, wie weit es nun eigentlich bis zum Horizont ist (man höre uns sehe das nachfolgende Video). Genau diese Art der Musik macht Knorkator meiner Ansicht nach einzigartig 🙂 Aber damit nicht genug: Coverversionen von AC/DC  im neuen New-Orleans Jazz-Gewand oder von Aaliyah finden sich ebenso wie die Interpretation eines gregorianischen Chorals.

Ich zitiere eine Rezension bei laut: „Aus der Melange von Industrial-Metal, Keyboard-Sequenzen in allen Erscheinungsformen, harten Gitarrenriffs, klassischen Melodiebögen, polyphonem Gesang und einem nicht mehr messbaren Ausmaß an Abgedrehtheit ist jedenfalls ein grandioses Gesamtkunstwerk entstanden“ (Quelle)

The Fall – The Complete Peel Session 1978-2004 (6 CD Set) (2005)

Da legt man glatt die Ohren an. Alle Peel-Sessions, die The Fall beim legendären John Peel aufgenommen haben, am Stück und im Set. Auf immerhin 24 Sessions sind The Fall in der Zeit von 78-04 gekommen. In jeder Session wurden vier Stücke aufgenommen und zum 65. Geburtstag spielten The Fall Herrn Peel zu Ehren noch ein Geburtstagsständchen „Job Search“ ein, dass hier auch ein Heim bekommen hat. Macht in Summe 97 (!) Songs in einer Box. Vieles davon nicht auf den regulären Alben veröffentlicht, einige Coverversionen sind dabei.

Auch wenn The Fall über die Jahre genial & fast gleich klangen, hört man auf den CDs doch die Entwicklungen heraus. Das ist nicht zu letzt der Personalpolitik von Mark E. Smith geschuldet, der als Gründer und Sänger der Gruppe als einziger über die Jahre geblieben ist und immer mal wieder einen Mitstreiter austauschte

Für The Fall Fans ein echtes Schmankerl, für alle, die The Fall nicht kennen: auf keinen Fall reinhören! Denn bei The Fall ist es ganz einfach, entweder man liebt sie oder hat sie noch nie gehört 🙂

Leider scheint es keine Videos von The Fall bei John Peel zu geben (schade), aber mal ein wirklich alter TV-Mitschnitt eines Auftritts.

The Fall bei Indipedia