Schlagwort-Archive: Pop

Cinerama – Disco Volante (2000)

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Was tun, wenn sich eine Band wegen eines Beziehungskrachs auflöst, aber Musik das Lebenselexier der Musiker bedeutet? Nun, einfach unter neuem Namen weitermachen und davon singen, wie schlimm alles ist. Nach dem Zusammenbruch von The Wedding Present singt sich David Gedge mit Cinerama durch zahlreiche Hommagen an eine (echte?) Freundin. Zwar fehlen auch diesem – wie wohl fast allen Alben von Gedge – die Nr. 1 Hits, aber seine Songs schaffen sich auf ihre eigene Weise Zutritt.  Sie gefallen, treiben an, geben Mut, aber sie zerfallen auch mit dem Ende des Albums. Übrig bleibt ein schönes Gefühl und das Unwissen, was man da eigentlich gerade gehört an. Also: Nochmal hören. Einfach zeitloser und wunderschöner Pop. 

 

Frittenbude – Nachtigall (2008)

Ravepunk mag ich ja seit der akustischen Begegnung mit Saalschutz. 110% Energie und gute Laune vertreiben Trübsinn und Schwere an grauen Tagen. Frittenbude aus München  haben davon jede Menge im Gepäck und seit ihrem legendären Auftritt auf dem Parkplatz vor dem Melt! Festival bewiesen, dass sie es mit dem Spaß auch wirklich ernst meinen. Luftige Melodien auf schweren „Basslastern“ graben sich vor zur „Hirndisco“ von „Superschnitzelkönig und Superschnitzelqueen“, während Frittenbude ruft: „Wir suchen ein Label mit Knebelvertrag, dass uns komplett in Verruf bringt““ Derartige Wortschöpfungen zeigen, wohin die Reise bei Frittenbude geht. Bleibt nur noch die Frage für ich offen, ob sie die ersten mit den Pandabären waren und dieses Tier in die Szene einführten…? 

The Wedding Present – Valentina (2012, 2015)

Mit Valentina legen The Wedding Present das immerhin achte  oder neunte – je nach Zählung – Studioalbum vor, die seit 1985 vor sich hin musizieren. Als einstige Lieblinge von John Peel rotierten sie des öfteren auf seinen Sessions… Zu Recht! Denn The Wedding Present schaffen es, Rock und Pop zeitlos zu verbinden. Hymnische Melodien ohne bombast, clevere Arrangements, die luftig daherkommen ohne trivial zu sein und natürlich David Gedges Stimme, die Kraft und Wärme vereint. 

Knorkator – Das Nächste Album Aller Zeiten (2007)

Mit dem Album hat es Knorkator geschafft, mich zu überzeugen. Die hier abgelieferte Musik ist deutlich definierter und lässt das Gefühl aufkommen, das Knorkator (immerhin „Deutschlands meiste Band der Welt“!) sich gefunden haben. Poppig, rockig, folkloristisch oder klassisch – verschiedene musikalische Stile wurden bislang ausprobiert und kommen hier gezielt zum Einsatz. Jedoch überzeugte mich weniger die Musik, als vielmehr die Texte, als ich die CD auf eine Fahrt durch den Pfälzer Wald hörte. Der Opener „Alter Mann“ erfreute mich schon durch die Idee, über die Vorteile des Alterns mal nachzudenken. Konsequent zu Ende gedacht landet man natürlich dann bei dem melodiösen Song „Wir werden alle sterben“ (das Lied erklärte die Band als neue Internationalhymne), dessen Refrain eine zuckersüße Mädchenstimme absingt. Andere Texte handeln von grotesken und/oder philosophischen „Grundproblemen“ der Welt, wobei mein persönliches Highlight das Lied „Für meine Fans“ ist, in dem sich die Band mal ordentlich darüber auslässt, dass ihre Konzerte nur von „dicken Männern mit Bärten“ und „erbärmliches Proletenpack“ besucht werden, wofür sich die Band klar schämt. Also, an- und hinhören in ein wirklich abwechslungsreiches Album. Es lohnt sich 🙂

Knorkator-Portrait bei laut.de

Knorkator – Hasenchartbreaker (1999)


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Erschreckend waren sie für mich immer: Die Plattencover von Knorkator. Allein sie waren ein Grund, um die Band einen großen Bogen zu machen. Aber wie heißt es so schön: Beurteile eine Platte nicht nach ihrer Hülle. Und so brauchte ich viele Jahre, bis ich wieder mal über Knorkator stolperte und sie mir ein dickes Lachen während der Autofahrt ins Gesicht zauberten. Zugegen, es waren nicht die „Hasenchartbracker“, sondern „Das nächste Album aller Zeiten“, aber das Interesse war geweckt.

Hasenchartbreaker zeigt sich musikalisch abwechslungsreich, wobei hier vor allem die Extrempole Hardcore und Opernpop (?) bespielt werden. An der Musik lässt sich relativ leicht auch die Themenlage der Texte ausmachen. Wenn seichte Töne angeschlagen werden, möchte der Text thematisch „krassere“ Dinge beschreiben, dröhnt Hardcore aus den Boxen (und hier können sich die mit der Band befreundeten Ramstein noch eine Scheibe abschneiden), werden „sanfte“ Inhalte besungen. Schon beim Opener „Hardcore“, man kann es erraten, wird zu seichtem Piano und hoher und klarer Falsettstimme das Erlebnis eines Hardcorekonzerts zum Besten gegeben. (Witzigerweise wird tatsächlich Knorkator bei Wikipedia in einem Beitrag zum Thema Falsett aufgeführt). Härter, aber für mich deutlich lustiger, ist der nachfolgende Song „Buchstabe“, der das Erfinden eines neuen Buchstabens durch einen Philologen, der jahrzehntelang dazu geforscht hat und nun die Vorteile des Buchstabens deklariert. Leider unbeschreiblich (aber im Video nach dem Beitrag nochmal nachzuhören)! Man muss sich für das Album und insbesondere für die Texte Zeit nehmen. Auch wenn Knorkator immer wieder zu eindeutigen Worten greifen, die sonst nichts in Liedtexten zu suchen haben und es ihnen sogar gelingt, ein Lied einfach mal nur zu schreien, finde ich, dass die von mir unterschätzte Stärke der Band gerade in der Lyrik (darf man das hier sagen?) liegt. Mit dem Album unterstreichen Knorkator einmal mehr, dass sie „die meiste Band der Welt“ sind!

Blockflöte Des Todes – Wenn Blicke Flöten Könnten (2010)

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Die Blockflöte mit ihrem Debut. Und sie behandelt die wichtigsten Themen des Lebens – die des Alltags. Jedochaus einer Perspektive, die zumindest mich zum Schmunzeln bringen kann. So werden z.B. folgende Dinge besungen:

  • Die Bedeutung einer Mädchenhaarallergie auf die persönliche Entwicklung,
  • die Rolle von youporn auf das WG-Leben,
  • die vergleichbare Schönheit einer Frau mit einem Flughafen,
  • den Vorteilen der Mädchen in Berlin,
  • Fairtrade gehandeltes Kokain,
  • Irr/Wege zur Befriedigung der Fernsehsucht,
  • einem Vorteil, mit Krücken durch das Leben zu wandeln,
  • den Schwierigkeiten, sich zu suizidieren,
  • der ersten Liebe oder dem
  • Tag des offenen Tiers (sic!) im Schlachthof

Die meist entspannte und eigentlich immer passende Gitarrenmusik (und sogar einem Blockflötenpart!) trifft auf Texte mit Witz, (Selbst-)Ironie, Biss und Geist. „Jedes Lied auf dem Debüt der Blockflöte des Todes ist wie ein guter Witz: Nicht zu lang und mit Pointe meistens am Ende.“ (Quelle) Eine gute Kombination für die Momente des Lebens, in denen man eine gute Unterhaltung braucht 🙂

Wikipedia über die Blockflöte des Todes

The Beautiful South – Welcome To The Beautiful South (1989)

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Zusehends verwandelt sich mein Blog offenbar in sowas wie die Rumpelkammer von Willi Schwabe. Die vorgestellten Platten werden gefühlt immer älter (oder ich einfach nicht jünger?) Aber dennoch oder gerade vielleicht deshalb sollte dieses Album erwähnt werden, da es zu schade wäre, wenn es von Google & Co. in Vergessenheit geriet. Also hier eine Erinnerung an eine Platte, da der Beitrag nun von den Suchmaschinen der Welt neu indexiert wird.

Das Erstlingswerk der Band fand seinerzeit große Beachtung. Die musikalische Qualität konnte meiner Meinung nach auf  nachfolgenden Alben von The Beautiful South nicht mehr erreicht werden (wenngleich die nachfolgenden Veröffentlichungen oft erfolgreicher waren). Dass The Beautiful South aus den Housemartins hervorging, nachdem sich Norman Cook von diesen verabschiedete und fortan u.a. als Fatboy Slim die Tanzflächen beschallte, sei hier nur nebenbei erwähnt.

Das Album ist gefühlt und gehört voller Popperlen, die etwas Abseits der üblichen Hitparadenmusik der damaligen Zeit lagen (wobei das Album selbst die Top10 der britischen Hitparade knackte!). Ohrwürmer wie „Song For Whoever“, „You Keep It All In“, „I’ll Sail This Ship Alone“ dürften wohl auch heute noch in den Hitradios des Landes hoch und runter gedudelt werden.

Das soll schon reichen. Über diesen Klassiker findet sich sicher noch mehr im Netz 🙂

Mehr über The Beautiful South auf laut.de

 

The Velvet Underground – The Very Best Of (1992/2000)


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The Velvet Underground… …so einen Saurier, den ich hier zurück ans Tageslicht hole? Aber Ja! Es gibt Bands, oder besser Phänomene in der Musik- und auch Popgeschichte, die sicher lang über ihre Zeit hinaus Bestand haben. The Velvet Underground gehöhren meiner Meinung nach auf jeden Fall dazu. Schließlich sind sie wenn vielleicht nicht die Erste, dann doch eine der ersten Pop-Bands, auch wenn sie musikalisch nicht wirklich viel mit dem Popverständnis der heutigen Zeit zu tun haben. Pop wurden sie, weil sie von Andy Warhol gefördert wurden (ich glaub, nach The Velvet Underground förderte er noch „Curiousity Killed The Cat“, wo er sogar in einem Video auftritt). Und wer, wenn nicht Andy definierte den Pop? Zumal er mit zahlreichen Plattencovern für Rolling Stones, John Cale, John Lennon uvm. selbst die Musiklandschaft aufpoppte. Die Band selbst produzierte jedoch auch aus sich heraus einige Größen. Nico (1938-1988) erlangte ihrerzeit durchaus Berühmtheit als Sängerin, Schauspielerin und Model. Lou Reed (1942-2013) wirkte musikalisch bis in die 2000er Jahre. John Cale (*1942) ist als Artrocker bis heute aktiv und anerkannt.
The Velvet Underground trafen mit ihrer Musik interessanter kaum den Nerv der Zeit und blieben weitestgehend kommerziell erfolglos. Texte über Sadomasochismus (der Name der Band entstammt dem gleichnamigen Buch von M. Leigh, welches sich mit dem Sexualleben der amerikanischen Mittelschicht beschäftigt), Drogenexzesse oder Transvestiten waren wohl doch eine Nummer zu abgehoben… Vielleicht lag es auch daran, dass die Band die Zuhörer konsequent ignorierte und stets mit dem Rücken zum Publikum auftrat. Die Würdigung ihrer Arbeiten fand erst so recht nach der Auflösung der Band in den frühen 70ern statt.

Matt Bianco – Whose Side Are You On (1984)

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Auch auf die Gefahr, hier als Grufti oder Gestriger abgestempelt zu werden: Auf DAS Album muss ich, bald 30 Jahre (!!!) nach seiner Erstveröffentlichung, doch noch hinweisen. Immerhin kreist es fast schon so lang in unregelmäßigen Abständen auch auf meinem Plattenteller (das Album wurde sogar auf dem ehemaligen Label Amiga veröffentlicht!), Discplayer und schaffte es sogar noch auf den iPod. Dafür ist die Musik, die Matt Bianco in den 80er Jahren ablieferte, einfach zu zeitlos, groovig, locker, melodiös, beschwingt, fluffig… Ein angenehmer New Jazz, der bereits in der damaligen Zeit trotz all der wilden musikalischen Entwicklungen in Deutschland (NDW) und der Welt (Vormarsch der elektronischen Musik) in der Hochzeit des Pop Aufmerksamkeit erregte, vielleicht eben gerade weil er nicht experimentell, aber dennoch gut war. Insofern heute mal ein antiquierter Tipp von mir – aber vielleicht gibt es ja auch Besucher meiner Seite, die nach 1984 geboren wurden und für die dieses Album damit einen gewissen Neuigkeitscharakter hat 🙂
Hinzuweisen sei an dieser Stelle für die Interessierten auch auf die Soloarbeiten der Sängerin Basia Trzetrzelewska, die Matt Bianco auf diesem Album (sowie dem ebenfalls ausgezeichneten Album „Matts Mood„) gesanglich begleitete , wie im gleichnamigen Song (und Video).

PeterLicht – Das Ende der Beschwerde (2011)

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Das ist es also, das Ende der Beschwerde. Sie hilft auch wenig, da sie nichts ändert. Und so kann man, PeterLicht folgend, zwischen den Polen entscheiden: „Du, du, du, du und dein Leben, ihr beide müsst dein Leben ändern“ oder „Schaffen wir uns ab“. Und es ist egal, Hauptsache, wir machen was. Wie so oft schafft es PeterLicht, einen textlichen Kosmos zu bilden, in dem man sich philosophisch tief versinken kann oder einfach bei einer Fahrt im Cabrio vor sich hinsummen kann. Dabei wirkt das Ende der Beschwerde durchaus experimenteller und zugleich gesetzter. Wirken die Spoken-Words-Stücke sehr sperrig, sind viele andere fast schon klassisch instrumentiert und machen einen auf Liedermacher. Und auch textlich geht die Reise und hebt in Metaebenen ab, die bereits bei den Liedern vom Ende des Kapitalismus und der Melancholie und Gesellschaft auszumachen waren.
Insgesamt aber ein angenehm einnehmendes Album. Und irgendwie anders. Und somit wie immer: ein echter PeterLicht 🙂 Anhören! Hinhören!

„Das Internet ist schon scheiße“ – Interview der Süddeutschen Zeitung mit PeterLicht