Schlagwort-Archive: Minimal

Pole – 2 (1998)

Reinhören
Die Konsequente Fortführung der schon auf Album „1“ vorgestellten Minimaldubs mit den Pole-typischen Clicks & Cuts. Wärme, Ruhe, Rauschen, eine Einladung zum Sommersonntag auf der Hängematte an einem herrlich schattigen Platz. Was will man mehr im August? Dass dieses Album auch bei höherem Lautstärkepegel eher im Hintergrund jedes Zimmers bleibt, tut gut und überrascht zugleich, da die Bässe eigentlich äußerst druckvoll daher kommen. Dennoch bleibt 2 diskret und es verwundert wohl deshalb auch nicht, wenn es so an der öffentlichen Wahrnehmung verbei rutschte. Ich freu mich über mein Exemplar im Regal 🙂

Pole – Pole (2003)

Reinhören
Stefan Betke aka Pole überraschte erstmals mit seinem Album „CD 1„, auf welchem überdeutlich Knistern und Knacksen zu hören war, das er seinen defekten digitalen Soundfiltern entlockte, die der (mir zugetragenen) Legende nach auf Flohmärkten erstanden wurden. Damit wurde er meines Erachtens einer der radikalsten Vertreter der Click & Cuts Musik, die sich seinerzeit entwickelte. Und dann, einige CDs später und vielleicht dem Grundprinzip – warme digitale Sounds mittels technisch defekter Gerätschaften zu erzeugen –  müde, legt Pole das gleichnamige Album Pole vor und überrascht ein weiteres Mal. Gesang! Rap!?! Ein Saxophone? Und dicker Bass! Und das gleich als Opener der CD. Ja, eigentlich nichts ungewöhnliches in der Musikszene allgemein, bei Pole jedoch irritierend, meinte man doch, er hätte es sich in seinem Klickerkosmos gemütlich gemacht. Man könnte fast „Stilbruch!“ rufen. Aber halt. Hört man genau hin, sind sie wieder da. Die kleinen, feinen Störungen, die Pole ausmach(t)en. Hier ein Bruch, da ein verschleppter Beat, dort eine Pause. Immer wieder diese feinen Melodien, die sich durch das Dickicht der Sounds mäandern. Und so schafft es Betke wieder mal, zu überraschen – ohne anders zu sein. Kann das Innovation sein? Ich würde sagen: Ja!

Philip Glass – Koyaanisqatsi (1983/1998/2001)

Reinhören
Schon ziemlich altes Album, aber es wird wohl Jahr für Jahr aktueller wird. Es handelt sich hierbei um die von Philip Glass komponierte Filmmusik zum ersten Film der Qatsi-Triologie von Godfrey Reggio. Im Film wird der Eingriff des Menschen in die Natur thematisiert. So ist auch der Filmtitel programmatisch gewählt, bedeutet der in der Sprache der Hopi-Indianer soviel wie „Leben im Ungleichgewicht“. Und die Musik schmiegt sich an die Bilder, so dass es fast den Anscheint hat, erst hätte Philip Glass seine Komposition geliefert, damit Godfrey Reggio seinen Film dazu machen kann. Die Intensität, die sich während des Albums/Films aufbaut, ist atemberaubend – und dass im wortwörtlichen Sinne, wie ich aus eigener Erfahrung im Kino sagen darf. Philip Glass baut hier aus dem Nichts und der Harmonie eine Dramatik auf, die ihresgleichen sucht (und ich sie in der Filmmusik von Magnolia hin und wieder ebenfalls entdecke). „Es gibt nicht viele Soundtracks, die man wirklich gehört haben muss, aber dieser ist definitiv einer der wichtigsten des 20. Jahrhunderts; es gibt nicht viele Werke der Minimal Music, die ich jedem vorbehaltlos an Herz (oder ins Ohr) legen würde, Philip Glass‘ „Koyaanisqatsi“ ist mit Sicherheit eines dieser ganz raren Werke, die alle Musikhörer faszinieren können: schlichtweg unverzichtbar…“ (http://schallplattenmann.de/a118359-Philip-Glass-Koyaanisqatsi.htm)

Aber neben der ausgezeichneten Musik gilt es, den Film an dieser Stelle zu würdigen und jedem, der ihn noch nicht sah, soll empfohlen werden, dies nachzuholen. Am Besten in einem Kino mit ausgezeichneter Musikanlage. Immerhin wurde der Film von dem Filmwissenschaftler James Monaco zu einem der fünf wichtigsten Filme der Gegenwart erklärt.

Also auf ins Kino/Videothek…!

Wikipedia mit weiteren Informationen

Das Album auf der Webseite von Philip Glass: http://www.philipglass.com/music/recordings/Koyaanisqatsi-09.php

Sergej Auto – Musik, OK! (2002)

Hörprobe

„Gleich vorweg: the show must go on. Das Offenbacher Künstlerkollektiv SaasFee verkauft Illusionen, sei es mit seinen virtuellen Landschaften, 3D–Räumen und Animationen oder auch mit dem dazugehörigen Label (Superpop, Milch, Pink Elln). Die Vortäuschung von Raum und Materie erfolgt in einer Stringenz, die das moderne Gesetz der Virtualität verlangt. Aber dennoch: Klasse statt Masse. Sehr klasse ist auch das zweite Album des Schein-Tschechen Sergej Auto, der, rein hypothetisch, einen perfekten Soundtrack zu bekannten ostigen Trickfilmen hinlegen könnte, in mottigen Anzügen, schräg gestriegelt, plaziert in gedeckten Farben. Könnte.

Denn all das ist natürlich nur schöne Fantasie. Sergej heißt Malte und schwingt auf dem Cover des neuen Albums “Musik, Ok!” Pan-Tau-gleich den Regenschirm, nicht weil seine Natur es ihm gebietet, sondern weil’s der Musik gut zu Gesicht steht. Und die flirtet nebst Trickfilmmusik auch mit Techno, und zwar nicht unbedingt hintenrum… “Musik, Ok!” und “Bravo! Kta-3000” sind Hits und keine Retroismen, vielmehr geschickt modulierte Ahnungen von einer Zeit, die vielleicht schön war, von Orten, die schön sein könnten. Nassau oder Brno. Ist es da schön? Es könnte sein.“ (http://www.intro.de/platten/kritiken/23029339/sergej-auto-musik-ok)

http://www.sergejauto.com/ – Offizielle Homepage von Sergej Auto

Arvo Pärt – Alina (1999)

Alina Probehören
„Dies ist eine bemerkenswerte Neuaufnahme, sowohl wegen ihrer Schönheit als auch wegen ihres neuartigen Programmes. „Für Alina“ ist ein zweiminütiges Solostück für Klavier, komponiert von Pärt 1976. Es führt direkt in seinen „tintinabuli“-Stil hinein — eine glockengleiche, einfache, keine einzige Note verschwendende Methode, für die er geliebt und geschätzt wird. Pärt entschied sich persönlich für die Anordnung der Stücke, da er annahm, es würde der Einspielung gut stehen. So spielt der Pianist Alexander Malter „Alina“ an zweiter und an vierte Stelle. Jede Wiederholung nimmt exakt 11 Minuten ein. Es gibt sehr kleine Veränderungen im Tempo, in der Begeisterung und ein Rubato von einem Stück zum anderen, aber all das heißt nur, dass sich hier insgesamt 22 Minuten der wundervollsten und besinnlichsten Musik finden, die je komponiert wurde. Fast ebenso sanft klingt „Spiegel im Spiegel“, gespielt als Stücke Nr. 1, 3 und 5. Ausgelegt ist es auf Klavier, aber auch auf Geige, Cello und dann wieder Geige. Die Töne, in denen sich die Instrumente spiegeln, werden bei jeder Wiederholung um Nuancen näher oder entfernter gegenseitig reflektiert. Jede dieser Zusammenstellungen ist in ihrer Anmut nahezu unmöglich zu beschreiben. Diese Musik verschlägt einem in ihrer einfachen Komplexität die Sprache — umso besser können Herz und Ohr genießen“ (Robert Levine)

Klassikakzente zu Arvo Pärt

Wikipedia über Arvo Pärt
Arvo Pärt erklärt und spielt Alina

Und noch ein schönes Fundstück: Björk interviewt Arvo Pärt

D.Diggler – Feel My Heat (2000)

„Unverständlich beladen mit einem Titel wie von einer späten 70er Discoplatte, hat D. Digglers Musik mit dessen Dynamiken so gar nichts gemein. Ebenso wenig wie der irgendwie Schwere assoziierende Titel seiner wohlgelittenenen ersten Maxi „Boogiemonster“, ein außergewöhnlich grooviges Stück Tanzboden, dem keine Hüfte entkommt, die nicht verknackst ist.

Außerordentlich die stringente Coolness, die auch das gesamte Debüt-Album von Andreas Mügge alias D. Diggler aus Hanau, der schon im Alter von zwölf Jahren Schlagzeuger in Papas Jazzband war. Ein Musiker also, der’s auch anders kann, was wiederum dem Album zu Gute kommt und es heraushebt aus der Masse der elektronischer Musik, die intelligent ist, aber nicht Drum & Bass, sondern monorhythmisch.

Eine Minimalproduktion, die ihre erstaunliche Effektivität der bis auf die Knochen ausgedünnten Arrangements nicht simplem Weglassen verdankt, sondern der immer genau richtigen Auswahl weniger, sehr transparenter Harmonien. Der Diggler versteht es, das beste der vielen technischen und technoiden Welten zwischen House, Electro, Funk und Dub zu einem musikalisch gehaltvollen Album mit lecker Popappeal zusammen zu ziehen. (Rolf Jäger)“ (http://www.amazon.de/Feel-My-Heat-D-Diggler/dp/B00004SR69/ref=sr_1_fkmr1_1?ie=UTF8&qid=1305017611&sr=8-1-fkmr1)

D.Diggler bei facebook

Uusitalo – Tulenkantaja (2006)

Hörprobe
Wenn sich die Echos überschlagen und multiplizieren, bleibt irgendwie auch die Zeit stehen.

“Vapaa Muurari”, die erste Veröffentlichung von Uusitalo a.k.a. Vladislav Delay, ist inzwischen sechs Jahre her, die Luomo-Begeisterung ist nach den großen Inkorporationsversuchen – die Erweiterung seines Dub-House-Zucker-Pops in Richtung R’n’B, eventuell auch bis hinein in die Charts – auf ein sehr überschaubares Maß zurückgeköchelt, Vladislav Delay veröffentlicht fast nur mehr auf seinem eigenen Label Huume. Dem zweiten Uusitalo-Album “Tulenkantaja” hat diese Phase der Beruhigung offensichtlich gut getan.

Relativ unbekümmert von den Trends der Stunde macht Delay da weiter, wo er vor sechs Jahren zuletzt die Uusitalo-Echos in die Weite der Hallräume hinausgeschickt hatte. Nämlich bei der Verknüpfung von Ambient-Atmosphären und dem Flirren melodischer Fragmente mit einer dubbigen und pumpenden Auslegung von House. Vor allem die so speziell rumpelnden Uusitalo-Bässe machen untenrum wieder ordentlich Druck und könnten es schaffen, diese Stücke aus dem relativen Abseits doch in den schmalen Aufmerksamkeitsfokus von Minimal-Ökonomen zu wuppen. Dazu dann hier auch noch mal drei Fragen an Uusitalo:

Was bedeutet das Wort “Uusitalo”, und wie würdest du selbst das Projekt beschreiben?
Uusi bedeutet neu, und Talo heißt Haus. Uusitalo ist ein sehr weit verbreiteter Nachname in Finnland, die Telefonbücher sind voll davon. Für mich ist das Projekt irgendetwas zwischen Luomo und den Ambient-Sachen, die ich produziere. Diese Platte geht eher in Richtung Dancefloor als das erste Uusitalo-Album, aber die Zeiten ändern sich eben. Es geht immer noch um instrumentale, “rhythmische” Musik ohne Gesang und darum, was man damit anstellen kann. Ich versuche, mit Grooves zu experimentieren, mit Erwartungen auf dem Dancefloor, und dabei aber auch auf die Kompositionen zu achten. Ich will instrumentale Songs machen und keine DJ-Tools.

Hast du, nach deinen Erfahrungen mit großen Plattenfirmen, auch nur eine Minute daran gedacht, dieses Album auf einem anderen Label als deinem eigenen zu veröffentlichen?
Ich glaube, ich habe eine so starke Aura oder so etwas Ähnliches um mich herum, dass mich gar niemand fragt, irgendwas für jemand anderen zu machen. Oder vielleicht bin ich auch nur völlig aus der Mode. Aber egal, ich bin total zufrieden damit, dass ich diese Sachen jetzt selbst durchziehen kann.

Arbeitest du neben deiner Musikerkarriere immer noch als Programmierer?
Ich war nie wirklich Programmierer, sondern so eine Art Visionen-Entwickler. Das war gegenüber der Musik immer zweitrangig, und vor zwei Jahren habe ich das ganz sein lassen und beschlossen, mich voll auf die Musik zu konzentrieren. Ich hatte mit diesem Job im Grunde versucht, meine Musik zu schützen. Ich dachte, wenn ich eine Arbeit habe, mit der ich meine Rechnungen bezahlen kann, müsste ich keine musikalischen Kompromisse eingehen und könnte so verrücktes oder poppiges Zeug produzieren, wie ich möchte. Aber nach einer Weile hatte ich dann einfach keine Zeit mehr, um überhaupt noch Musik zu machen. Jetzt habe ich einen anderen Weg gefunden, um meine künstlerische Freiheit zu sichern, die Musik zu machen, die ich will, und damit zu überleben: einfach kein Geld mehr ausgeben. Und ich liebe es. (Arno Raffeiner)“ http://www.intro.de/platten/kritiken/23035226/uusitalo-tulenkantaja?sim=1

The Field – From Here We Go Sublime (2007)

Hörprobe


„Alex Willner ist The Field ist Pop im Sinne eines grenzenlosen Versprechens. Hier wird angedeutet, verdichtet, rumgesponnen und doch der Bassdrum gefolgt. Fast schon etwas retro-artig, aber niemals Trash oder unerträglicher Wiederaufguss. Nein, The Field lassen die Stunden sich dehnen, die Nacht immer länger werden. Das wird von “Over The Ice” an klar. Willner baut eine gewisse Shoegazer-Haltung in seine Tracks ein und vermischt diese mit Tanzbodengefühl. Überhaupt, endlich mal wieder tanzen, das ist hier das schönste und das zentrale Versprechen.“ (http://de-bug.de/reviews/31046.html)

Matthew Dear – Asa Breed (2007)

Hörproben
Mutter House und Vater Techno: Ein Elektronik-Produzent entdeckt das Songwriting und die Möglichkeiten seiner Stimme

Die Situation, in der man ein Stück zum ersten Mal hört, kann ganz entscheidend mitbestimmen, wie es sich in einem festsetzt. Im Fall von „Deserter“ war’s maßgeschneidert: eine Zugfahrt durchs deutsche Nirvana irgendwo zwischen Leipzig und Nürnberg. Am Fenster rauscht eine VR-Kulisse aus Regen und Mittelstädten vorbei, die Beats spiegeln die Bewegung mit einem mittelschnellen Takt wider und der Song gleitet in einem gleichmäßigen Synthie-Akkord wie zwischen Schiene und Oberleitung aufgehängt dahin: Rasender Stillstand, Ruhe und Bewegung zugleich. Erinnert an Stereolabs „Les Yper-Sound“, vage auch an Kraftwerks „Trans-Europa-Express“ … bloß mit verfeinerter Sound- und Eisenbahntechnik: ICE statt Holzklasse.

Dass Kraftwerk stets als Ahnväter von Techno genannt wurden, war für mich immer ein harter Brocken: Elektronik hin oder her – der Unterschied zwischen elegischer Romantisierung des Maschinenzeitalters hier und der sehr viel nüchterneren Fokussierung auf Tanzbarkeit da ist schließlich immens. Matthew Dear hat damit aber keinerlei Probleme; er schafft eine Sound-Synthese (siehe etwa „Fleece on Brain“), die sich wie ein evolutionärer Zwischenschritt anhört – und den Begriff „Dance Music“ dehnt er ohnehin so weit wie möglich aus, bis hin zu David Bowie und Brian Eno.“ (http://derstandard.at/2950746/Matthew-Dear-Asa-Breed?_lexikaGroup=4)

http://www.matthewdear.com/ – Offizielle Homepage

Matthew Dear bei Myspace

Bodi Bill – No More Wars (2007)

Reinhören
„Alex Amoon (Nonostar) und Fabian Fenk (Pantasz) sind Bodi Bill. Gemeinsam haben sie mit »No More Wars« ein Debütalbum aufgenommen, das sich elegant zwischen Clubkultur und Folkästhetik positioniert, ohne dabei der einen die Vorzüge der anderen abzusprechen. Eine wunderschöne Elektronikplatte, ein Tanz- und Höralbum voller berührender Songs und hitziger Tracks. Schwerelos flirren hier Rhythmussequenzen, nehmen sich Stimmen Zeit und Raum, werden Liebeserklärungen in Clubtracks verwandelt – und andersherum.

Ein raffiniertes Popalbum, gefüllt mit Elektronika, dickem Beat, leidenschaftlichem Songwriting und virtuosem Programming. Das Bodi-Bill-Debüt »No More Wars« lässt die elektronische Musik den Schleier der Unpersönlichkeit in einer platten Welt ablegen, sich selbst als organisch träumen. Bodi Bill zerren den Wald durch ihre Laptops und bauen daraus Beats, spielen klassische Streichinstrumente und singen, weil es ihnen ein innerstes Bedürfnis ist. Es entstehen Popsongs, die den Satten sagen, dass sie doch noch hungrig sind. Auf der Grundlage gesampelter Spaziergänge treffen synthetische Sounds auf Fieldrecordings und fallen hölzerne Beats in ungewöhnliche Räume. Räume, die sich öffnen und schliessen, zischen und knallen. Hier schreibt der Sampler ein Lied. Hier klingt der Baum tanzbar, streckt die Stadt ihre Finger nach ihrem grünen Umland aus. Foren entstehen, in denen vermeintliche Gegensätze ergreifende Verbindungen eingehen.“ (http://www.sinnbus.de/2008_01/content/sr020.php)
http://www.bodibill.de/ – Offizielle Webseite