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Kraftwerk – The Mix (1991)


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Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: 25 Jahre hat „The Mix“ von Kraftwerk mittlerweile auf dem Buckel! Und tatsächlich ist es einer der CDs, die eventuell altersbedingt nicht mehr fehlerfrei in meinem CD Plyer laufen. D.h. zugleich auch, dass die Lieder von The Mix grundsätzlich noch älter sind, da sie in Gänze bereits auf vorherigen Alben zu finden waren. Witzig ist, dass es eine deutsch- und eine englischsprachige CD gibt, wobei bei der Textmenge sicher kein größerer Übersetzungsaufwand betrieben werden musste und man vielleicht sogar erwarten hätte können, dass sich die globalen Kraftwerkfreunde die wenigen Worte in ihre eigenen Sprache übersetzen 🙂 Aber für den internationalen Durchbruch, den Kraftwerk schon einige Jahre vorher feiern konnten, war das vielleicht ein richtiger Weg und irgendwie auch für die Band konsequent.

Insgesamt ist The Mix im Sound fetter, und wenn man das sagen darf, digitaler geworden, als die Vorgänger, was wohl auch daran lag, dass sich Kraftwerk von den selbstgebauten (!) Computern im Kling-Klang-Studio lösten und neue Technik einsetzten. Und auch eine Textzeile fiel der Überarbeitung zum Opfer. Aber das sollte der geneigte Hörer selbst rausfinden.

Fazit: Die CD macht auch heute noch Spaß und wirkt nicht staubig. Nur gut, dass es die Möglichkeiten der Digitalisierung gibt, die Kraftwerk selbst musikalisch ausloten. Denn so kann ich meine alte CD, die gern springt, 1:1 kopieren und mich vielleicht auch noch in weiteren 25 Jahren daran erfreuen. Übrigens empfehle ich allen Fans, sich die Übersetzung der Kraftwerksongs in Cha-Cha-Cha, Rhumba oder Merengue Rhythmen von Senior Coconut mal anzuhören 😉

Señor Coconut Y Su Conjunto – El Baile Aleman (2000)

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Endlich dreht sich auch dieses Album wieder auf dem Platten-/CD-Teller bei mir zu Hause. Meine Friseurin erinnerte mich daran, als wir über Musik sprachen und sie mich fragte, ob ich diese Kraftwerk-Songs im Cha-Cha-Cha-Rhythmus kennen würde… Na klar, Senior Coconut, das Alter Ego des in Chile lebenen Uwe Schmidt, der auch unter anderen Namen in der elektronischen Musik mitmischt.
Und mit Senor Coconut hat er einen Hype ausgelöst, der seinerzeit beachtlich war, wagte er es doch, mit diesem Album die unterkühlte, klare, berechnete und (scheinbar) emotionsfreie Musik von Kraftwerk in lateinamerikanische Rhythmen und Töne zu übertragen. Dabei mimt er als Senor Coconut den liebenswerten und etwas hilflosen Chilenen, der dem Englischen nicht besonders mächtig ist und nur versucht, sein Publikum zum Tanzen bringen zu wollen. Aber wenn er los legt, kommen die genauso perfekten Sounds, die einst Kraftwerk bekannt gemacht haben, aus den Boxen. Nur eben auf Cha-Cha-Cha, Rumba und Merengue. Inklusive der vielen kleinen Störungen, die wahrscheinlich nur die Kraftwerk-Kenner hören werden. Süß ist schon, dass eigene Adaptionen mit drin sind. Und so startet z.B. beim Song „Autobahn“ nicht ein überzüchteter Motor startend das Lied, sondern eine hörbar „alte Kiste“ will partout nicht loslaufen (mit dem Ergebnis, dass der vermeintliche Autofahrer schimpfend die Tür des Vehikels zuwirft und schimpfend geht). Und so passt das in unsere chilenische (Klischee)Welt. Es macht einfach nur Spaß! Und wie hieß es zu Recht in einem Magazin, als das Album rauskam (ich habe leider keine Quellenangabe mehr): „Die einzig konsequente Fortführung des Sounds von Kraftwerk.“


Senor Coocnut – Tour de France – MyVideo

Zum Vergleich: Das Original

Kraftwerk – Tour de France Soundtracks (2003)

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„Zyniker sind bereits schnell mit hämischen Kommentaren ob der verloren gegangenen Vorreiterposition innerhalb der elektronischen Musik zur Hand. Simplizismen greifen bei den Düsseldorfer Mensch Maschinen jedoch nicht. Das hat auch die Fangemeinde erfahren müssen, die Jahre lang nach neuen Tönen aus dem Kling Klang-Studio dürstete, ohne dass sie von den medienscheuen Protagonisten erhört worden wären. Nun berauben Hütter, Schneider, Schmitz und Hilpert die Musikjournaille einer ihrer besten Pointen und veröffentlichen mit einem seltsam gedämpften und unspektakulären Pardauz! „Tour De France Soundtracks“.

Seit den Siebzigern bis in die frühen Achtziger hinein weihten ihnen allerorten Musik-Schaffende wie -Hörer einen Altar nach dem anderen. Nicht wenige stießen sie in der Folgezeit fast genauso begeistert vom Thron und mokierten sich über die Unproduktivität der vier. Den Masterminds geht das selbstverfreilich am virtuellen Hintern vorbei, und Recht haben sie. Während viele nicht weniger als die abermalige Umwälzung und Erschütterung der elektronischen Musik erwarten, entwerfen Kraftwerk ein minimalistisch-geniales Stück Musik, das keinen Vergleich zu scheuen braucht.

Unvergleichlich gut deshalb, weil immer noch weit und breit niemand in Sicht ist, der aus so wenig so viel zu Wege bringt. Rhythmik, Struktur und Effekte der einzelnen Songs setzen in ihrer Perfektion wieder einmal Maßstäbe. „Vitamin“ und „Aero Dynamik“ gehören zur Speerspitze des elektronischen Pops. Trockene Beats, Robotnik-Computerstimmen und die altbekannten Reime in Slogan-Form reduzieren alles auf die Quintessenz dessen, was Kraftwerk-Kompositionen ausmachen: weniger ist mehr.

Diese Einschätzung mag durchaus seinen Ursprung im devoten Unterwürfigkeitsreflex des Rezensenten haben. Sicher ist aber, dass das Raumschiff Kraftwerk nach wie vor den Überblick behält. Zogen die Düsseldorfer dereinst aus, um in Galaxien vorzudringen, die noch nie ein Musiker zuvor gesehen hatte, sind die „elektronischen Beatles“ nun da angelangt, wo sie sich Zu Hause fühlen: im minimalistischen Elektro-Kosmos, der nicht nach effekthaschender Innovationssucht geifert, sondern seine eigene Definition von Fortschritt besitzt. Die Umsetzung dieser Definition erfolgt nach altem Rezept und unter Berücksichtigung bekannter Zutaten, doch aus ebendiesen Ingredienzien entsteht mit geringer Beimischung neuer Würze ein Titanstück wie „Elektro Kardiogramm“, das mit zum Besten zählt, was je aus dem Kling Klang-Studio kam.

Möge der Spott über den Autor herein brechen, die Zeit wird den Beweis erbringen, dass dieses Album zum neuen Kraftwerk-Klassiker avancieren kann: Boing Bumm Tschak!“ (http://www.laut.de/lautstark/cd-reviews/k/kraftwerk/tour_de_france_soundtracks/index.htm)