Schlagwort-Archive: Industrial

Muslimgauze – Arabbox (1993/2003)

Reinhören
Die Arabbox von Muslimgauze wurde bereits 1993 das erste und 2003 das zweite Mal veröffentlicht. Hintergrund dieses Album war der in der Zeit stattfindende Golfkrieg. Aus diesem Grund wurde das Album auch 2003 nochmals veröffentlich, da in dieser Zeit der zweite Golfkrieg begann. Das Album enthält die die Muslimgauze auszeichnenden perkussiven Elemente, die hier in etwas ruhigerer Manier den Rhythmus angeben und meines Erachtens für die frühen 90er eher ungewöhnlich bei Muslimgauze sind. Vielleicht liegt es daran, dass das Album live in einem Türkischen Bad in Manchester aufgenommen wurde und ein zu überzogenes Trommeln und Drehen an den Sequenzern in den Hallen zu ungewünschten Resonanzen geführt hätte?

Wie wohl fast immer in limitierter Edition (1000 Kopien), wobei hier die Mehrzahl genutzt werden sollte. Denn neben der „normalen“ Aufmachung gab es das Album auch in einer handgefertigten Metalbox (ltd. auf 500 Stück).

Weitere Infos zum Album beim Label Soleilmoon

Das Album bekam sogar eine eigene Webseite!

Pankow – Gisela (1989)

Sucht man Informationen zu diesem Album, stößt man interessanterweise auf die Autorin Gisela Pankow, die sich mit psychologischen Fragen auseinandersetzt und Themen wie Schizophrenie oder Psychose in ihren Büchern bespricht. Passt irgendwie eigentlich auch zum Album von Pankow. Allein schon das Cover könnte ein guter Prädiktor sein, den Leuten mal genauer in die Seele zu schauen. Und einige der Titel versprechen nicht weniger (z.B. Die Beine von Dolores, Rotkäppchen, Let me be your Stalin, Follow me in suicide…). Die englisch- und deutschsprachigen Texte überraschen durch ihre überzeugende Verworrenheit, die dem Zuhörer via EBM-Tönen und Industrial-Sound oder auch in Monty Python Manier (Bright side of life :-)) um die Ohren geworfen werden. War das Dada? War das schon Hardcore? Wer war das überhaupt? Gute Fragen, die selbst das „nichts-vergessende-Internet“ kaum beantworten kann.  Aber ein schöner musikalischer Exkurs in die Erinnerung. Jaja, damals wars… 

Andreas Ammer & F.M. Einheit – Crashing Aeroplanes (2001/2002)

Reinhören

Andreas Ammer findet für seine Hörspiele Themen, die Abseits des Mainstreams liegen. Sei es die Vertonung der Insektenwelten (Bugs & Beats & Beasts), eine Hommage an Walter Benjamin (Loopspool) oder das Projekt „On ‚The Tracks„, bei welchem Personen in verschiedenen Städten der Welt andere Menschen verfolgen und dabei beschreiben, was sie beobachten. Die Liebe zu Details bringt eine sehr persönliche Ebene in die Hörspiele hinein, die das Hörerlebnis noch lebendiger und intimer werden lassen und durch die Wahl geeigneter Musiker (z.B. Console) werden die Grenzen vom Hörspiel zur Konzeptmusik fluid. „Crashing Aeroplanes“ tanzt da nicht aus der Reihe, wenngleich das Thema eine gewissen Brisanz besitzt. Die Texte für das Hörspiel stammen von den Cockpit Voice Recordern, die „anders, als die Piloten, jeden Absturz überstehen.“ (Zitat aus dem Hörpsiel) Ammer widmete sich diesen letzten Minuten von verschiedenen Cockpit Voice Recordern und erstelle eine Collage, die auf ihre Art sachlich und fast schon nüchtern die letzten Sekunden im Cockpit von Flugzeugen dokumentiert, wenn die Technik versagt hat. Musikalisch begleitet dieses Vorhaben F.M. Einheit (Ex-Einstürzende Neubauten), der dezent elektronische Sounds unter die Textfragmente mischt und mit üblichen, aus dem Fliegen bekannten Geräuschen (z.B. das „Bling“, wenn die Anschnallzeichen erstrahlen) anreichert. Brisant war auch, dass die CD im September 2001 veröffentlicht werden sollte, aber aufgrund des damaligen tragischen Zwischenfalls verschoben wurde.  Zu Recht wurde das Werk mit der höchsten deutschen Auszeichnung für Hörspiele, dem Hörspielpreis der Kriegsblinden, 2002 geehrt. Ammer und Einheit schaffen es, das Thema Technikversagen am Beispiel von Flugzeugabstürzen, welches durchaus Potential für eine morbide oder sensationsträchtige Herangehensweise bietet, neutral aufzuarbeiten und machen deutlich, dass Sicherheit in der technisierten Welt fragil ist und nie abschließend gegeben ist. Mir stellt sich beim Anhören die Frage, ob Piloten in diesem wohl schlimmsten Fall tatsächlich so entspannt bleiben, wie es auf der CD zu hören ist, oder hier eine geschickte Auswahl an O-Ton Dokumenten den sachlichen Blick auf das Thema nicht versperren soll.

Biografische Informationen zu Andreas Ammer bei laut.de

Muslimgauze ‎– Alms For Iraq (2003)


Reinhören

Ein weiteres Album von Bryn Jones, aka Muslimgauze. Es wurde schon im Dezember 1995 aufgenommen, drei Jahre vor seinem frühen Tod, jedoch fand es erst 2003 den Weg in die Öffentlichkeit.

Wie bei seinen anderen Aufnahmen handelt es sich auch hier um ein muslikalisches Statement von Jones, welches nicht unpolitisch (aber religionsfrei!) ist. Auch wenn die Soundelemente und der Aufbau der Songs über die Albem hinweg mehr oder weniger ähneln, ist das Album hier schwer zu fassen. Elemente des Dubs treffen auf Ambient, Noise, Hall und Industrial, Originalsounds aus dem mittleren Osten in Form von Sprache und Musik werden untergemischt und alles wird durch die Mixer gejagt und entsprechend verfremdet. Das geht soweit, dass ich dieses Mal selbst nachschauen musste, ob meine CD defekt ist, da bei Song Nr. 1 teilweise ein Kratzgeräusch zu hören war, welches mir üblicherweise verrät, dass eine CD defekt ist. Die Muslimgauze typischen Starts und abrupten Unterbrechungen finden sich auch hier wieder.

Interessant auch dieses Mal das Cover der CD. In Größe eins DVD/VHS Covers mit einem Bild von Susilo Hadi ragt es doch deutlich aus der CD Sammlung hervor 🙂 Der Innenteil kann dreifach aufgefaltet werden und zeigt eine Reihe von Bildern aus Kampfgebieten des mittleren Ostens mit entsprechenden Zitaten wie: „The West won the world not by the superiority of its ideas or values or religions but rather by its superiority in applying organized violence. Westerners often forget this fact. Non-Westerners never do.“ (Samual P. Huntington, Harvard Professor & author)

 

DAF-DOS – Allein, Zu Zweit, Mit Telefon (1996)

Allein, zu zweit, mit Telefon bei Amazon
Nach längerer Schaffenspause haben sich die zwei DAF-Mitglieder Robert Görl und Gabi Delgado wieder zusammengefunden, um „das hier“ zu produzieren. Wie immer sehr elektronisch, wofür DAF ja u.a. in den 80ern so geliebt wurde. Die Texte wieder vorwiegend deutsch mit spanischen Einflüssen und minimalistisch, aber nicht ganz so, was es einst war. Ähnlich der Beat, der jetzt doch in einigen Teilen ganz schön an irgendeine Kirmes-Rave-Veranstaltung erinnert. Stampfend und billig. Aber, im Gegensatz zu einigen Rezenzionen, hege ich den Verdacht – oder die Hoffnung – dass diese Partyelemente absichtlich als Gestaltungselement eingebaut worden sind. Alles andere wären einfach zu schreckliche Gedanken, als dass man ihnen folgen könnte. Andererseits kam ja vor einiger Zeit die zweite DAF-DOS Scheibe raus, die in eine ähnliche Richtung ging und nicht mehr mein Wohlwollen verdiente. Der Zahn der Zeit…

 

Some More Crime – Fuzzymix (1995)

Ein weiteres Side-Projekt von Burnt Friedman. Fuzzymix ist eine Auskopplung aus dem Album Fuzzysets mit Remixen aus eben jenem. Diese sind wieder wunderbar miteinander verwoben, so dass sie nicht dem Original gleichen. Eine Fahrt in die Abgründe dunkler elektronischer Musik mit einem sozial-kritischen Ton. Hierfür bedient sich Friedman u.a. wieder verschiedener Interviewmitschnitte, die mich an die Sprachsamples von Goodspeed You! Black Emporer erinnern. Nicht fehlen darf der housige Track „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“, in welchem Probleme beim Einsatz des elektrischen Stuhls (A.C. Leuchter) thematisiert werden.

Mehr zum nimmermüden B. Friedman findet man in der vollständigen Diskografie

Deutsch Amerikanische Freundschaft (DAF) – Die Kleinen Und Die Bösen (1980)

Reinhören
„Die zweite DAF-Platte ist die letzte, die von einer ganzen Gruppe eingespielt wurde. Die erste Hälfte der Songs wurde im Studio eingespielt, der Rest wurde Live aufgenommen. Nur auf dem ersten Lied klingt Gabis Gesang, wie man ihn von späteren DAF-Werken kennt. Ansonsten ist seine Stimme höher und er schreit teilweise seine Texte heraus. Die Musik ist wild, experimentell und ungestüm. Punk- und New Wave-Einflüsse sind deutlich herauszuhören. Es gibt geflüsterte coole Songs („Kinderfunk“), überdrehte schnelle Reißer („Essen Dann Schlafen“) oder Tanzstücke („Co Co Pino“), die rhythmisch gut funktionieren. Die Gitarrre von Wolfgang Spelmans ist ein reines Klanginstrument, das nur Geräusche und Töne produziert. Es ist kein Zufall, dass die Platte in England vom renommierten Mute-Label vertrieben wurde und die Gruppe wenig später einen Vertrag von Virgin erhielt. Eine der musikalisch besten und interessantesten Platten der Deutschen Welle. (Gregor Kannberg)“ (http://www.amazon.de/Die-Kleinen-die-B%C3%B6sen-F/dp/B0000242AR)

Wikiepedia über DAF

„Sie sind bis heute wohl die einzigen, die nicht nur Diktatoren, sondern auch den Messias in einem Popsong unterbrachten: Robert Görl und Gabi Delgado-Lopez sangen in ihrem größten Hit von 1981 die Zeilen „Tanz den Mussolini, und dann den Kommunismus, und jetzt den Adolf Hitler, und jetzt den Jesus Christus“…“ – Eine Biografie über DAF bei laut.de

Some More Crime – Another Domestic Drama In A Suburban Hell (1993)

„‚Rather disturbing release‘ (John Peel)“ (http://mitglied.lycos.de/ralfrothberger/#somemorecrime)

„“Eines der zu wenig beachteten intelligenten Elektronischen Scheiben Deutschlands. Tauche ein in die unglaubliche Welt des Bernard Friedmann, Kult !!““ (http://www.amazon.de/Der-ultimative-Plattenkoffer/lm/2IGRCK3FMZLT7)

Samples treffen Gitarren treffen elektronischen Beat treffen dich. Ein Mix aus Versatzstücken verschiedener Genres die wie ein Wein ein wenig Zeit zum Atmen brauchen, bevor sie gut schmecken. B. Friedmann liefert hier ein beachtliches Konzeptalbum ab, welches wohl irgendwie nicht in die üblichen Schubladen passt. Ist es Hardcore, ist es Techno, ist es Ambient, ist es ein Hörspiel? Neben Soundsamples aus dem Polizeifunk oder bekannten Serien finden sich vertonte Dokumente, wie z.B. eine Art Kritik  mit Fokus auf die Fehlfunktionen des elektrischen Stuhls von F. Leuchter, dem Revisionisten und Designer des elektrischen Stuhls. Weiterhin kommen Sounds, Worte und Samples von  z.B. H.I.Lucas (Serienmörder), Dr. P. Dietz (Prof. für Recht, Medizin und Psychiatrie), Stefan Aust, P.L. Tazzi (Documenta 9 Team) und V. Flusser (Kommunikationsphilosoph) vor (ist das in „Der Tod ist ein Meister von Deutschland“ Klaus Kinksi ?). Unterlegt wird dieser Text mit einem funky Housegroove, der auf einer Tanzfläche durchaus seine Daseinsberechtigung hat. Diese groteske Kombination kann stellvertretend für das gesamte Album gesehen werden. Durch die Kombination von ziemlich widersprüchlichen Stilelementen schafft Friedmann hier ein Werk, welches nicht einfach, aber sehr eindringlich und bewegend ist. Der Wechsel der musikalischen Stilrichtungen und Tempi unterstreicht das. So trifft der Dub das Gitarrenriff, eine Fläche prallt auf einen Dancefloorsound. Betörend, vielschichtig, spannend. Top-Empfehlung!

Einstürzende Neubauten – Alles Wieder Offen (2007)

Reinhören
„Es hat den Neubauten gut getan, sich selbständig zu machen und ihre Musik nunmehr ganz auf eigene Rechnung aufzunehmen und selbst zu veröffentlichen. In den letzten Jahren war die Berliner Band so produktiv wie schon lang nicht mehr, nun hat sie mit Alles wieder offen auch noch eine ihrer besten Platten überhaupt am Start. Vom Lärm haben sich die Neubauten scheinbar endgültig verabschiedet, dafür kredenzen sie ein vollmundiges Meisterwerk zwischen poetischen Popsongs und einem ungebrochen grandiosen Sinn für Energie und Dynamik. Es geht ihnen heute musikalisch um die Feinheiten, um das Ausloten zwischen leise und laut, das sie mittlerweile meisterlich beherrschen, und um das Zusammenspiel der Instrumente. Aufbau statt Zerstörung. Über der Musik, lyrischen Balladen und elektrisierenden Rhythmen, aber thront – Entschuldigung, man muss es so majestätisch ausdrücken – König Blixa mit seiner sonoren Stimme, wandelt der ewige Bohemien als älter werdender Dichterfürst durch seinen Garten und sieht nach seinen Pflänzchen. Im Gegensatz zur Musik darf es in den Texten gern noch etwas mehr sein. Doch egal ob wuchtig oder zärtlich, in Bildersprache verkleidet oder ungewohnt klar, Bargeld findet fast immer die richtigen Worte.

Die Einheit von Musik und Text ist auf jeden Fall verblüffend. „Die Wellen“ bildet das Wogen des Meeres ab und wird gegen Ende hin immer wilder („Ich halt dagegen, brüll jede Welle einzeln an: / Bleibst du jetzt hier?”). „Nagorny Karabach“ erzählt von einem ganz speziellen Ort („Komm mich mal besuchen / Ich hab unendlich Zeit / Und der Blick der ist vom Feinsten”) und gemahnt an die ruhigeren Stücke von Nick Cave & The Bad Seeds, als Bargeld noch mitspielte. „Ich hatte ein Wort“ ist eine berührende Ballade über die Schönheit, die ein einziges Wort zu erzeugen im Stande ist. „Weil weil weil“ rockt mit einem Rhythmusmotor Marke Timbaland. „Ich warte“ schließlich ist eine Anrufung der mächtigen Kräfte, die in der Musik stecken: „Ich warte bis sie Türen Tore Schleusen öffnet / Bis sie wolkenbrechend – Weckruf Fanfare – / Überraschend aus dem Hinterhalt sich stürzt / Ich hoffe sie zettelt eine Hymne an”. Ein Erlebnis, wie der Meister hier ins Rasen gerät. Man vermeint streckenweise, Klaus Kinski beim Deklamieren zu hören, aber es sind doch immer Blixa Bargeld und seine Gang. Einstürzende Neubauten, so leicht und verführerisch wie nie zuvor, und trotzdem ein mächtiges Werk.“ (http://www.now-on.at/kritiken.artikel.php?artikel=1697)

http://www.alles-wieder-offen.com/ – Webseite zum Album