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Editors – The Back Room (2005)

Hörprobe

Die ewig Zweiten,

so meinen zumindest die Kritiker in den verschiedenen Foren und Webseiten, wenn sie sich den Editors und ihrem Erstling „The Back Room“ widmen. Und ja, irgendie schwimmen sie ja mit, auf dieser schönen Retro-Joy-Division-Welle, die schon einige andere an Land gespült hat. Bekannteste Vertreter sind wohl Interpol, aber sind nicht die schon Zweiter gewesen? Und was macht es, Zweiter oder Dritter oder…  in einem Wettkampf um das Schöne und Edle zu sein?

Die Editors greifen mit dem Album schlicht und einfach das Erbe von Ian Curtis auf und machen alles richtig. Sonore Stimme, introvertierte Texte, ein ausgezeichneter Basslauf, verheulte Gitarren und Ruhe, Deepness, Melancholie und Wärme. Nur, sie waren nicht die Ersten. Ich kann es ihnen verzeihen und freu mich darauf, einen erfolgreichen Zweiten in den CD Player legen zu können.

 

Offizielle Webseite: http://www.editorsofficial.com/

The Wedding Present – El Rey (2008)

Hörprobe
Es gibt Alben in meiner Sammlung, die ich gern übergehe, wenn ich durch die Augen durch das Regal schweifen lasse. Und hin und wieder wird so ein Album doch mal wieder aufgelegt – und überrascht mit seinem Sound. Und dann frag ich mich immer, warum ich diese Platte so selten höre… Bei El Rey kann ich es nicht sagen oder nicht fassen. Dieses Album macht alles richtig, was richtig gemacht werden soll und lässt alles aus, was vermieden werden soll.  Und dennoch! Liegt es daran, dass diese achte Platte der Britten die Erste NACH dem wohl unübertrefflichen Werk „Take Fountain“ ist?

El Rey beschäftigt sich in autobiografischer Weise mit der Trennung von Mastermind David Gedge von seiner Partnerin Sally Murrell, die ihn musikalisch schon bei Cinerama begleitete. Und man merkt dem Album an, dass Gedge es in Los Angeles aufgenommen hat, denn es ist trägt neben der abgehangenen Schwermut, die Wedding Present Stücken irgendwie immer anhaftet, Kraft und Energie, die man nur in sonnigen Gefilden sammeln kann. Sicherlich hat auch Steve Albini als Produzent seinen Beitrag für diesen Klang geleistet. Hörenswert allemal und wohl auch weiterhin eine Überraschung aus dem Plattenregal – passt ja, ist bald Ostern 🙂

Sparklehorse – It’s A Wonderful Life (2001)

Reinhören

Hm, eigenartig, über diese CD hier noch was zu Schreiben. Denn der Titel passt nun irgendwie gar nicht, hat sich Mark Linkous – Mastermind von Sparklehorse – doch 2010 von dieser Welt verabschiedet. Aber wer die Platte hört, der kann verstehen, warum das so ist. Neben aller Fragilität, den vielen zarten Tönen und Klängen die von der brüchigen Stimme von Linkous begleitet werden, schimmert neben Hoffnung auch der notwendige Hauch Morbidität, die wohl Linkous in sich trug. Und auch wenn diese Platte gern in das Genre der „melancholischen Herbstmusik“ einsortiert wird, kann man dazu auch wunderbar den Krokussen beim Wachsen zusehen. Das liegt vielleicht daran, dass gute Melodien eigentlich ganzjährig gehen… Ja, it is a wonderful life. R.I.P. Mark und danke für die Musik…

Sparklehorse – It’s a wonderful life (2) von titomor

Diego – Two (2008)

Hörprobe

2008 war ein Jahr in der Joy Division Dekade, an dem sich so viel Bands abarbeiten mussten (woher kam überhaupt dieser Trend?), wozu sich wohl auch Diego zählen durften. Doch Vorsicht. Es wird nicht mal schnell eine Kopie der alten Helden produziert, vielmehr sind sie meines Erachtens kraftvoller, drücken stärker nach vorn und lassen so durchaus auch das Diskoknie nicht kalt. „Diego, die mit beiden Füßen im Wave und im Pop, im Punk und im Drama stehen, zaubern bedingungslose Tanzbrecher, die im Sekundentakt gefangen nehmen und schütteln, schütteln, schütteln. Zarte Melancholie bricht mit sehnsuchtsvoller Hoffnung, zerreißende Melodien überfallen rücklings und Hit reiht sich nahtlos an Hit.“ (http://www.plattentests.de/rezi.php?show=6231)
Wer heute Interpol, Editors oder She Wants Revenge sagt, sollte auch Diego sagen! Und dann: Let’s Dance to Joy Division

http://www.diego-music.com/

Diego bei myspace

Eels – Hombre Lobo (2009)


Hörprobe
Das verdammte siebte Album der Eels, Hombre Lobo (spanisch für Werwolf), eingespielt im  Studio des wandelnden Barts Mark Oliver Everett alias „E“ in L.A. Und der Herr lässt es wie zu den alten „Souljacker“-Zeiten wieder richtig krachen. Und damit verlassen die Eels das sichere Terrain, welches sich mit den letzten Alben abzeichnete – der Hang zum Gewagten aber immer Hörbaren und fern von der Radiotauglichkeit (warum eigentlich? Wegen der wieder mal eingearbeiteten Unperfektionen wie der Übersteuerung von Gesang und/oder Instrumenten?). Nicht, dass das vorliegende Album unhörbar wäre, im Gegenteil. Es kommt nur wieder spröder, rau und nicht so gut geschliffen daher. Und das macht es interessant, da nun jeder Hörer seine eigene Form herausarbeiten kann. Für das erste, zweite, dritte… Hören zeigt sich jedoch erstmal ein „gutes“ Album, welches nicht die Norm der Eels bricht, aber auch nicht zum neuen Überflieger taugt. Um es interessanter werden zu lassen, muss der Zuhörer weiterarbeiten. Dann hört man den Werwolf…

http://www.eelstheband.com offizielle Webseite der Eels

Tindersticks – Simple Pleasure (1999, remastered 2004)

Hörprobe

Ich weiß noch, wie ich eines Nachts nach Hause kam und vor dem Schlafengehen noch mal in MTV reinschaute, als es noch ein Musiksender war. Da spielte eine Gruppe auf einer Bühne ohne große Worte und ohne viel Show und Publikum einfach ihre Musik. Diese klang in meinen Ohren zur damaligen Zeit so anders, dass sich der Name Tindersticks schon sehr früh in meinem Kopf verhakte.

Die einfachen Freuden sind es doch, die das Leben lebenswert machen. Und meine britischen Lieblingsmelancholiker und Anzugsträger schaffen es wie kaum jemand sonst, über diese Freuden in ruhiger, tragender, schwerer aber auch freudvoller Gelassenheit zu Manier zu musizieren. Dabei kommt als Sahnehäubchen wie stets die einmalig tristesse und kraftvolle Stimme Stuart A. Staples oben drauf und fertig ist der Soundtrack für den ruhigen Abend bei Kerzen und Wein, während draußen die Tage kürzer werden. Eine Decke wäre schön, die wärmende Musik der Tindersticks ist aber ein wundervoller Ersatz.

Wikipedia über die Tindersticks

Retribution Gospel Choir – Retribution Gospel Choir (2008)

Hörprobe

„Viele ältere Männer spielen ja gerade deshalb in Rockbands, um sich abseits von Frau und Kindern zumindest ein paar Tage im Jahr noch einmal so richtig ausleben zu können. Literweise Bier trinken, geschmacklose Witze reißen und ins Bett, ohne sich die Zähne zu putzen.

Alan Sparhawk dürfte eine derartige urmännliche Selbstentfaltung zunächst gar nicht gekannt haben. Denn seine Frau Mimi Parker verfolgt ihn als Schlagzeugerin der Slowcore-Band Low auf Schritt und Tritt.

Vielleicht war das der Grund für Sparhawk, es auch mit Nebenprojekten zu versuchen. Solo erkundet er nur mit der Gitarre die Tiefen des Drone, mit den Black-Eyed Snakes versuchte sich der gläubige Mormone an Roots-Blues. Und mit dem bluesigen Dub-Sound von Los Besos bringt Reggae-Fan Sparhawk in seiner Heimatstadt Duluth im Bundesstaat Minnesota immer wieder Kneipenpublikum in Schwung.

Am stringentesten verfolgt Sparhawk allerdings seine Zweitband Retribution Gospel Choir, die er seit 2007 mit Low-Bassist Steve Garrington und Schlagzeuger Eric Pollard unterhält. Mit dem Trio, dem insbesondere der Ruf einer hervorragender, weil Blut und Wasser schwitzenden Live-Formation vorauseilt, ist Sparhawk zwar auch auf der Suche nach den flirrenden Songmomenten und archaischen Textvorlagen von Low, er packt das alles aber in ein schwereres Gewand aus rifflastigem Heavy-Rock und Stoner Jam-Spiritualitäten.

So erkennt man die spärlichen Low-Songs „Breaker“ und „Take Your Time“, die Sparhawk für das selbstbetitelte Debüt noch einmal neu aufgenommen hat, kaum wieder. Auf dem Album, das 2008 auf dem Label von Red House Painters-Sänger und Band-Mentor Mark Kozelek erscheint, ist aber auch für wunderbare Pop-Melodien zwischen roher Psychedelica und Anflügen von Stooges-Power Platz.“ (http://www.laut.de/Retribution-Gospel-Choir#alben)

http://retributiongospelchoir.com/ – Offizielle Webseite

Interpol – Antics (2004)

Hörprobe
Getragen von der mit stolz trauernden Stimme Paul Banks (aka Julian Plenti) bewegt sich der Zweitling von Interpol immer noch im Erbe zwischen Joy Division und Chameleons. Dabei gewinnen die Songs trotz rockigerem Touch noch an Größe und Anmut, zeigen erst nach mehrmaligem Hören all die Factetten und Details, die diese Musik so eindringlich werden lässt. Eine Musik mit Gänsehautgarantie, geraderaus und fast schon steril. Und dabei trotzem kantig und dank dieser Stimme (ja, diese Stimme!) voller Wärme. Irgendwie klingt dieses Album so paradox wie ein am Reisbrett entworfenes echtes Gefühl – und es ist mehr als nur gut!

http://www.interpolnyc.com/ – Offizielle Homepage von Interpol

The Wedding Present – Hit Parade 1 (1992)

Hörprobe
Ein Jahr lang monatlich eine Single herausbringen, dass war das Ziel von The Wedding Present 1992, was erfolgreich umgesetzt worden ist. Für viele, wie u.a. bekennender The Wedding Present Fan John Peel, war die Idee der monatlichen Single ein Highlight im Jahr 1992. Das Label RCA hingegen fand die Idee wohl zu Beginn nicht so lustig. Da The Wedding Present zur damaligen Zeit jedoch hoch im musikalischen Kurs stand, sie produzierten gerade das Album „Seamonsters“ mit Steve Albini, ging der Deal jedoch auf. Gut so! Da nicht alle in dieser Zeit (und auch heute) The Wedding Present kannten bzw. die eine odere andere Single nicht ergattern konnten, gabs im Anschluss noch zwei zusammenfassende Alben. Hit Parade 1 stellt eine Zusammenstellung von den ersten sechs veröffentlichten Singles dar.

Indiepedia über The Wedding Present

ClickClickDecker – Den Umständen Entsprechend (2008)

Hörprobe
„Das werte Befinden

Wahrscheinlich muss man in einer Stadt mit einem großen Hafen wohnen, um Wasserstand und Wellengang des Lebens so präzise beobachten zu können wie Kevin Hamann. Vielleicht hilft es, jeden Tag vor Augen zu haben, dass Schiffe kommen und gehen; und mit ihnen eine Fracht, die am Ende niemand alleine wuchten kann. Irgendwann begreift man dann wohl, dass der wichtigste Muskel nicht der Bizeps, sondern das Herz ist – und das schlägt eben „Den Umständen entsprechend“: mal mit der stoischen Ruhe einer alten Wanduhr, mal im rasenden Takt einer verpassten Chance, mal im Kanon mit dem Schicksal oder im Gleichschritt mit der stolpernden Hoffnung. Aber immer für zwei.

„Es gibt nichts Schöneres / Als irgendwo mit Dir angekommen zu sein“ – so ein komplikationsfreier Satz wäre auf den ersten beiden ClickClickDecker-Alben „Ich habe keine Angst vor…“ und „Nichts für ungut“ beinahe undenkbar gewesen. Von rotwangigem Glück und blauäugiger Zuversicht kann jedoch auch dieses Mal überhaupt keine Rede sein. Das Leben prostet Hamann weiterhin mit dem Knobelbecher zu und begünstigt damit höchst interessante lyrische Lösungsversuche, die eigentlich gar keine sind. Sondern eher Betrachtungen zwischen Stühlen und Zeilen, zwischen Stirnbieten und Schulterzucken, Erkennen und Vergessen. Worte, denen ohne Musik nichts fehlen würde.

Das könnte man umgekehrt wiederum nicht behaupten. Denn trotz aller Liebenswürdigkeit sind diese zwölf Kompositionen in erster Linie Kulissen, und zwar altbekannte: die Freischwimmer-Gitarren, die man im Ohr hat, wenn man an Hamburg denkt, das Schlagzeug mit dem einfachen Gemüt, hier ein paar dezente Bläser, dort ein Glockenspiel und ein bisschen Elektronik – die noch ein bisschen weniger geworden ist, seit ClickClickDecker sich gemeinsam mit Der Tante Renate unter dem Namen Bratze ausgetobt hat. Mehr geworden sind dafür die Hits, allen voran das großartige „Dialog mit dem Tölpel“. Dieser Synthie-Hookline wird niemand widerstehen können.

Auch sonst hat sich auf Album Nummer drei einiges zum noch Besseren gewendet: Die Dramaturgie ist ausgefeilter, Hamanns Stimme flexibler, und die Instrumente sind dieses Mal sogar fast alle echt. Während das rasante „Händedruck am Wendepunkt“ den Verstärker glühen lässt, genügen „Im Halogen“ eine Akustikgitarre und ein außerordentlich heller Text. „Weil sie uns siezen“ entdeckt zwischen den schwarzen und weißen Klaviertasten die Graustufen der Adoleszenz, „Mit Naumanns Füßen“ singt ein bewegendes Lied vom Stillstand, und „Es fängt an wie es aufgehört hat“ ruft in Erinnerung, was alles möglich wäre, wenn man denn bloß die nötigen Schritte unternehmen würde: „Stell Dir mal vor / Wir schlagen Flammen ans Brandenburger Tor.“ Die Hoffnung geht zuerst an Bord. Und wenn alle Stricke reißen, ist es an der Zeit, endlich in See zu stechen. (Ina Simone Mautz)“ (http://plattentests.de/rezi.php?show=6382)