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Seefeel – Succor (1995/2010)

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Da hab ich mal wieder was im CD-Regel ausgegraben. Hassliebe würde ich es nicht nennen, zu hart. Aber, wenn ich die CD mal wieder „ziehe“, weiß ich nicht, ob ich mich darüber ärgern werde, wenn ich sie gleich auflege und warum ich sie überhaupt noch besitze. Und dann läuft sie …und läuft. Succor ist wie ein Traum. Kein Böser. Und auch kein Guter. Aber einer, der immer wieder mal kommt. Und geht. Vergessen wird, bis er wieder da ist. Seefeel arbeiten mit Strukturen, Soundfetzen, winzigen Melodien, die sich nie zu einem „Großem und Gesamten“ verdichten wollen oder können, aber sich auch nie richtig voneinander lösen. Es wirkt fragmentiert und dicht. Sascha Köch (Spex) schrieb einst passend zu Seefeel „Seefeel waren ja schon immer groß darin, auf einem Gitarrenriff, nennen wir die Dinge mal beim Namen, herumzureiten, bis es sich auflöst und der Wahrnehmung nur noch seine immer wieder Andersartigkeit überlässt.“ Und weiter heißt es: Wer zu dieser Schallplatte geboren wird, muß sich spontan denken, die Welt sei schon in Ordnung. Bißchen rauh vielleicht, aber O.K. (…) Genaugenommen ist das die beste Seefeel-Veröffentlichung, auch wenn man sich damit etwas schwerer tut. Es ist die intensivste. Eine Spieluhr, die Jahrtausende später durch die veränderte Dichte der Atmosphäre wieder zu ticken beginnt, um einen daran zu erinnern, wie behaglich die Tage waren, als man Herzklappenfehler noch für schick halten konnte… “

Recht hat er, der Herr Köch. Und so träume ich die Musik oder sie mich, hole sie anschließend aus dem Player raus und vergesse schon, wie der Traum war, kurz nach dem Erwachen.

Seefeel bei Wikipedia

Das Album bei Warp-Records

 

Monolake – Cinemascope (2001)

Dass Wissenschaft, Kreativität und Ästhetik zusammen gehören, zeigt Robert Henke immer wieder auf seinen Veröffentlichungen unter dem Pseudonym Monolake. Henke, der als Professor an der Universität der Künste in Berlin tätig ist, zeigte bereits Ende der 90er Jahre des letzten Jahrtausends, wie Minimalelectro und Ambient zu definieren sind. Aus den kühlen Sounds webt er wohlig warme Klangdecken, die den Zuhörer einwickeln und in Wärme sinken lassen. Beim Zuhören gibt es enorm viel und stets Neues zu Entdecken. So passt der Titel des Albums, assoziiert er doch Kopfkino in bester Manier. Im Gegensatz zu den Vorgängeralben scheint Cinemascope leichter zu sein, zu pulsieren, fast zu schweben. „…man hat das Gefühl, dass Cinemascope eher ein weiches Licht auf Monolake wirft, eins, das die Landschaften nicht mehr durch die Leere zeichnet, nicht durch Weite, sondern durch Stille eines ruhigeren Blicks. Eine fast schüchterne Platte, der jegliche Deklamation abgeht“ (http://de-bug.de/reviews/13327.html).

Biografie von Monolake bei laut.de

65dayofstatic – The Fall Of Math (2004)

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Weil es so passend beschrieben ist, häng ich hier einfach nur das Zitat rein und genieße weiter das Album 🙂

„Die Scheibe rotiert in der Anlage, und plötzlich ist alles anders. Das sanfte Regenplätschern gegen die Fensterscheibe entschwindet aus der Wahrnehmung. Der frisch aufgegossene Tee erkaltet unbemerkt auf dem Nachttisch. Schon die ersten Klänge packen, bannen, magnetisieren und ziehen das Bewußtsein am Ohr in parallele Galaxien. Mit ihrem ersten Longplayer „The fall of math“ ist den vier jungen Hexenmeistern von 65daysofstatic ein futuristischer Instrumental-Trip mit hypnotischer Sogwirkung gelungen. Sie haben zwar der Mathematik abgeschworen, aber eine musikalische Formel entwickelt, die restlos aufgeht.“ (Quelle: http://www.plattentests.de/rezi.php?show=2875)

Portrait der Band auf laut.de

Snd – Makesnd Casette (1999)

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Ein Album, dass zu Beschreiben gar nicht so einfach ist. Es geistert schon seit einer gefühlten halben Ewigkeit in meinem CD Sammelsurium rum, häufig übergehe ich es bei der Wahl für eine Runde im CD-Player und wenn es sich dann doch mal hinein mogelt, entzückt es immer wieder aufs Neue. Und wenn es vorbei ist, tja, dann ist es schlicht und einfach vorbei – ohne TamTam – und schläft wohl einen Schlaf voller Musen.

15 Titel haben SND geboren, die nicht laut tönend, sondern mit minimalen Slow Motion Funk aus purer Elektronik die Welt beglücken sollen und nicht mal einen Namen erhalten haben. Das Cover lässt schon eine Vermutung aufkommen:  zarte Texturen bauen sich auf, pulsieren und bekommen einen Rhythmus, werden einem weichen Basslauf durch den Raum getragen und zerfallen in den Ecken und Winkeln der Zimmer zu kleinen Knarzern und Plinkern. de:bug schreibt in einer Rezension zum Album: „snd Zutaten sind unwiderstehlich: Digitale Neuinterpretationen gehauchter, kurzer analoger Filtersweeps, ein Bass, den erst der Nachbar wahrnimmt, der drei Etagen unter einem wohnt, viele kleinen Makrodetails und knarzende, puckernde, fiepende und zirpende, mal rauschige, mal irre trockene und brummende Rhythmuspatterns, die derart langsam vor sich hinshuffeln, dass bereits nach ungefähr zweieinhalb Sekunden klar ist, dass Tanzmusik nie anders geklungen haben kann und man gleichzeitig nie wieder tanzen gehen wird.Denn: Makesnd Cassette ist ein Stück Privatheit, dass sich jeder bewahren sollte (…) .snd gelingt es, diesen sehr gleichmässigen Sound über ein gesamtes Album so sparsam zu arrangieren, dass jeder die Platte mit seinen eigenen Ideen füllen und die Flächensounds als Transmitter für die wichtigsten Dinge der Vergangenheit verwenden kann . Die Bassdrum ist dabei ein ermunterndes Zeichen, dass es schon irgendwie weitergehen wird. Einzigartig.“

…Und so sortiere ich das Album wieder weg, weit unten im Regal bei „S“, aber irgendwann fällt es mir wieder in die Hände und das Spiel fängt von vorne an. Darauf freu ich mich schon wie auf die erste Bratwurst im Frühjahr! 🙂

Funkstörung – Additional Productions (1999)

Bei Amazon
Leute Leute, wo ist die Zeit? Und eine noch größere Frage: Wie weit kann man der Zeit voraus sein? Funkstörung schafften es ja stets, Sounds zu sezieren, sie neu zusammenzusetzen und dabei ganz eigene Kreationen zu basteln. Und obwohl dieses Album schon 13 Jahre auf der Hülle, sind die Ideen immer noch frisch, was wohl an der Detailverliebtheit von Funkstörung liegt!  Bei den eigenen Werken von Funkstörung lässt sich eine Nähe zu Autechre nicht leugnen, was wohl auch für Unmut bei den Sheffieldern sorgte.

Ihre musikalische Eigenständigkeit zeigen sie bei den Auftragsarbeiten für andere Musiker, von denen sich auf diesem Album einige wiederfinden. Versammelt sind sozusagen die „Reste“ und Seitenprojekte, denen sich Funkstörung in ihrer Schaffenszeit hingegaben. Acht Tracks, als Remix-Compilation zusammengestellt, zeigen zwar nicht gänzlich auf, was Funkstörung aka Michael Fakesch und Chris de Luca wirklich konnten (liegt es daran, dass das vorgegebene Material seine eigenen Strukturen mitbringt?), aber sie zeigen, wie anders eine Welt gesehen – pardon – gehört werden kann, indem sie „eine Schneiser der Verwüstung bei den Originalen“ (Intro)  hinterlassen und „verfremdete Vocals, verwaschene Beats und auch mal ein totaler Stop mitten im Flow (die komplexen Überarbeitungen schrecken vor nichts zurück. Bis zu 400 Sounds und Effekte verwenden die beiden angeblich pro Werk…“ (http://www.intro.de/platten/kritiken/23024685/funkstoerung-additional-productions)

Auf dem Album finden sich Remixe von Björk, Wu-Tang Clan, Finitribe, Visit Venus…

Verfremdete Vocals, verwaschene Beats und auch mal ein totaler Stop mitten im Flow ( die komplexen Überarbeitungen schrecken vor nichts zurück. Bis zu 400 Sounds und Effekte verwenden die beiden angeblich pro Werk, etwa auch bei den Releases für ihr Label \“Musik Aus Strom\“. Dabei aber kratzen Funkstörung immer auch am Abgrund zur eierschaukelnden Kompliziertfrickelei entlang, wenn man denn erst mal ihre komplizierten Beats begriffen hat. Aber die Ingredienzen der Originale machen dann doch jedes Werk zu etwas eigenem. Kommt mit wirklich pfiffigem \“Designers Republic\“-Cover und macht gespannt auf ihre anstehende eigene Elpee.

Wikipediabeitrag (engl.) zum Album

Wikipedia zu Funkstörung

Rezension im Kulturspiegel von 1999

Christian Kleine – Beyond Repair (2001)

„Nach einer offensichtlich aufregenden Zeit rund um die Welt des Duos Herrmann & Kleine widmet sich Christian Kleine, zurück in Berlin, seinen eigenen kleinen Popdingern, die es bisher nur auf Singles und Compilation-Beiträgen zu hören gab. Kleines Debüt ist dabei zweifellos sehr, sehr schön geworden. Bereits der erste Track „Guitar Interrupt“ öffnet das Tor in Kleines Downtempo-Land abdriftender Sounds mit Dubverdächtigkeit. Wenn Jean-Michel Jarre jemals bescheiden, beatsinteressierter und innovativ gewesen wäre, er hätte diese acht Songs auch nicht besser hinbekommen. Vielleicht ist Kleine ja auch eigentlich Jarre, der einfach noch mal ganz neu anfangen, sich der alten Bombastpeinlichkeit entledigen und der endlich mal richtig tolle Stücke aufnehmen will, Stücke, die berühren.

Blödes Wort, aber yes, Kleines Instrumental-Musik packt einen, zieht einen rein in eine Emotionsblase namens „Beyond Repair“. Postpostmoderne, traumhafte Sounds für Turnschuhgazer.“ (http://www.intro.de/platten/kritiken/23028428)

 

Muslimgauze – In Search Of The Abraham Mosque (2011)

„“Listening to Bryn playing was very strange. Hearing him breathing in between the beats and putting his headphones down at the end and getting up and walking out of the room, that was eerie. But again, it was nice at the same time.”“ (http://themuslimgauzepreservationsociety.org/?p=27)

Ich frage mich gerade, das wievielte Album seit dem Ableben von Bryan Jones mit dieser Scheibe veröffentlicht worden ist? So ganz den Überblick hab ich nicht, aber es gibt offensichtlich noch genügend Material, was selbiger als Muslimgauze hinterlassen hat. Hier ein einzelnes Stück, welches in ausgesprochener Überlänge mehrere Stile seines Schaffens vereint. Kommt an Anfang äußerst ruhig daher, baut sich aber nach und nach auf, ohne die härteren Töne anschlagen zu müssen und verabschiedet sich wieder still und leise. Sehr angenehm und auf jeden Fall eine gute Einstiegsdroge für alle, die sich Muslimgauze annähern möchten. Bei dem Album handelt es sich um den erste Teil der Abraham Mosque Reihe, limitiert auf 500 Kopien mit lustigem Hologramm Sticker – ob das ein Kaufgrund sein sollte?

B. Fleischmann – Melancholie/Sendestraße (2007)


Hörprobe

„Wir sind allesamt verrückt. Nicht sporadisch, sondern immer.“

Im ICE nach Berlin, durch eine schizophrene Landschaft fahrend, die links sonnige Ausblicke bietet, während rechts der Regen seiner Bestimmung nachgeht, baut sich langsam die Musik des Albums „Melancholie/Sendestraße“ des österreichischen Soundarchitekten B. Fleischmann auf. Und sie passt wunderbar in diesen Dezembertag. „Melancholie“ wurde eigens für eine Aufführung zur Ausstellung „Melancholie – Genie und Wahnsinn in der Kunst“ 2006 in der Neuen Nationalgalerie Berlin komponiert und dort erst- und einmalig aufgeführt.

„Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.“

Das ca. 50minütige Stück besticht durch die wie immer warmen elektronischen Arrangements, die Fleischmann wie kaum jemand aus dem Ärmel schüttelt.  Begleitet wird die Musik von Bandoneon und Cello. Träumerisch gleitet sie dahin, bietet sich an, den Hörer warm einzupacken und dem Abgesang des Jahres nachzuhängen. Gespickt wird die Musik mit Zeilen des Berufsmelancholikers Rilke.  Wäre das nicht auch eine super Filmmusik für Lars von Triers „Melancholia“ gewesen?

Die zweite CD „Sendestraße“ ist abstrakter. Fleischmann nahm eine Einladung des Kunstradios Wien an und setzt sich hier mit Klaviermusik von Franz Schubert auseinander, die sich von einem verspielten elektronischen Geklicker bis zur Wall of Sound aufbauen. Auch dieses Werk wurde nur einmal Live aufgeführt.

„Ich bin jetzt schon so müde.“

Wikipedia über B. Fleischmann

Erlend Øye – Unrest (2003)

Hörprobe
Unrest bedeutet soviel wie Unruhe. Und auch wenn es die Musik von Erlend Oye nicht preisgibt, so ist dieses Werk Ergebnis der Bewegung. 10 Orte (New York, Shelton, Uddevalle, Rome, Rennes, Helsinki, Barcelona, Rom…), 10 Produzenten (Morgan Geist, Prefuse 73, die OP:L Bastards, Schneider TM…), 1 Album. Und das erste Soloalbum dazu. Weniger die Akustikinstrumente sind es, die Erlend Oye für die Wanderjahre eingepackt hat. Viel mehr wird im elektronischen Bereich probiert, ohne überbetont beatlastig zu werden. Auch hier schafft es die „bessere Hälfte“ der Kings Of Convenience, warme und fröhliche Töne zu zaubern, die zwar durchaus tanzbar sind, aber irgendwie doch den Stempel „handmade“ hörbar tragen. „Elektronic is the new Wandergitarre“ (http://www.laut.de/Erlend-Oye/Unrest-%28Album%29) schreibt laut.de auch passend. Und die zehn musikalischen Postkarten geben Kraft, den kommenden Herbst mit einem Lächeln zu begegnen. Denn der nächste Sommer kommt bestimmt…

Wikipedia zu Erlend Oye
Video zum Song „Sudden Rush“ (Produziert von Kompis in Uddevalla)

Autechre – Incunabula (1993)

Hörprobe
Welche 10 Platten würde ich mit auf eine einsame Insel nehmen? Hm, schwere Frage, aber Incunabula von Autechre kämen in die ganz enge Wahl. Schließlich ist es dieses Album, von dem ich wusste, dass es als erstes gehört werden würde, wenn ich mich mir mal eine Surround-Anlage anschaffe (Das geschah dann auch vor einigen Jahren und war eine wahrlich akustische Erleuchtung). Incunabula ist das Erstlingswerk von Autechre (Rob Brown und Sean Booth) aus den 90er Jahren und darf sich ein (kleines) Meisterwerk nennen. Vergleiche mit anderen Größen gepflegter elektronischer Musik (Aphex Twin, Future Sound of Londen etc.) sind erlaubt und Warp-Records bewiesen wieder mal einen richtigen Riecher. Zwar zeichnet sich Autechre mit einer Musik aus, die mit mathematischer Abstraktion gut umschrieben sein könnte, gerade wenn man die späteren Werke hört. Dennoch enthalten die ersten Albem und EPs, und Incunabula ist da ganz vorn dabei, stets ein warmer Grundton, der den Kern bildet, um den die Soundflächen fließen. Diese verdecken ihn hin und wieder, bis er mit mit leisen pulsieren oder einem mächtigen Ausbruch wieder zum Vorschein kommt, um alles warmorangepurpurcarbenetrot zu malen, was sich eben abkühlen wollte. Auch wenn Incunabula wunderbar als Hintergrundmusik funktionieren kann, sollte das Album bewußt über Kopfhörer oder eindeutiger Lautstärke gehört werden, um in diese Welt abtauchen und die vielen Details und Finessen hören zu können. Da wäre dann die einsame Insel doch ein guter Platz für dieses Album…

Wikipedia (engl.) mit Informationen zum Album