Schlagwort-Archive: Breakbeat

030 feat. Dr. Motte – Ki (1993)

Ein Oldie im CD Regal, jüngst wieder mal aufgelegt. Dr. Motte, einer der „Chefs“ der Loveparade bis 2006 (?) mit einem aus den 90er Jahren typischen Elektroalbum auf MfS. Trance, Hard Trance, Samples, Voices. Schön abgemischt und (fast schon) als Konzeptalbum aufgebaut. Und – wie ich finde – im Gegensatz zu vielen anderen Techno-Trance Alben der Zeit nicht langweilend/monoton/ideenlos. Wenn es mal den Weg in den CD-Spieler findet, freuen sich die Ohren auch darüber noch immer 🙂

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65daysofstatic – One Time For All Time (2005)

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„’65 Tage‘ meint keine bestimmte Zeitspanne. Nicht die Länge ist entscheidend. Es geht um das Ereignis an sich.“ 65 Tage absoluten Stillstands. Regungslosigkeit. Existenz irgendwo zwischen Sein und Nichtsein. Schier unermessliche Intensität. Ein Quartett aus dem mittelenglischen Sheffield hat sich zur Aufgabe gemacht, die explosive Spannung dieses Ereignisses zu vertonen.

Keine zwölf Monate sind vergangen, seit „The Fall Of Math“ unser Zeitgefühl pointiert wie wenige Platten zuvor in Frage stellte. Material für eine ganze Hand voll Alben war das, was 65dos in eine Dreiviertelstunde flammender Instrumentalromantik verpackten. Zeit schien selten so relativ. Der Nachfolger intensiviert das Moment der Dichte und hebt die Idee, Postrock in Popsongformat zu gießen, auf den nächsten Level.

„Drove Through Ghosts To Get Here“ stottert mit einem Schwall atmosphärischer Drum’n’Bass-Dämonen ins Kopfhörerkino, dem flirrende, heulende und flächige Elektronik fast organisches Leben einhaucht. „Mean Low Water“ ist ein Paradebeispiel solcher Sequenzerkunst: Gitarrenspuren werden bis zum Erdrücken gestapelt, tollwütige Polyrhythmen bis zur Raserei potenziert und Pianos aufeinander gehetzt, bis der Lautstärkeregler anschlägt und das Stück mit irrer BPM-Zahl vollends ins Kakophonie-Chaos stürzt.

Dem unglaublichen Ideenreichtum zum Trotz schaufeln die Briten den Zugang zur Nachvollziehbarkeit immer wieder frei. Der hymnische Cyberpunk von „Await Rescue“ beobachtet zwei seufzende Notebooks beim Heavy Petting, funktioniert jedoch vorrangig als grandioser, in sich geschlossener Track. So geradeaus wie im Mogwai-Aereogramme-Bastard „23kid“ landete der Vierer bisher nie auf Plastik. Und „The Big Afraid“ vertont das Gefühl beklemmender Angst, wie es sonst nur der spanische Experimentierclub Migala vermag.

Aber erst das weltumarmende „Radio Protector“ verleiht dem 37-minütigen Parcoursritt endgültig das Gütesiegel A+: Ein wirklich herzzerreißendes Klavier lädt epische E-Gitarren, passgenaues Schlagzeug und Glockenspiel zum Emotionscrescendo. Monumentale Schönheit steigt per Anhalter zu, bis diese Perfektion von einem berührenden Song die Abfahrt Richtung weißes Rauschen nimmt und schließlich friedvoll ausklingt.

„These are songs with no words, but they are screaming“, weiß das Booklet. Der Satz gehört mindestens doppelt unterstrichen. „One Time For All Time“ manifestiert das Schaffen einer Band, die das bewährte Postrock-Nest seit Anbeginn mit eigener Vision ausfüllt und ihre Unverzichtbarkeit für packende, zugängliche und anspruchsvolle Musik ein für allemal unter Beweis stellt.“ (http://www.laut.de/lautstark/cd-reviews/1-0/65daysofstatic/one_time_for_all_time/index.htm)

Moby – Play (1999)

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Was für andere Leute das Rauchen, ist für Großstadt-Eremit Moby das Politisieren: eine schlechte Angewohnheit, die man in kalten Silvesternächten abzulegen verspricht. Während der New Yorker auf dem Cover seines ersten Albums noch seitenweise Pamphlete und Statistiken über den miserablen Zustand der Erde abdruckte und sich auf Platte Nummer Zwo für die „Animal Rights“ einsetzte, nahm er sich für das jetzt erscheinende dritte Werk mal Persönliches zu verarbeiten vor. Dabei heraus kommt, was Songtitel wie „Honey“, „Find My Baby“, „Why Does My Heart Feel So Bad?“ trägt und allein ja noch keinen Anlaß zum Tränenverguß darstellt, aber die neuerliche Stilwandlung, die Moby nach einem Techno- und einer Punk/Industrial-Album vollzogen hat, hinterläßt doch ausreichend Fragezeichen.

Zwischen Lounge-Blues und Ambient-Sounds, zwischen leichtem Digital-Funk und (ja, man muß es so hart sagen) Pop hat Moby (wieder einmal im Alleingang) ein Album geschrieben, mit dem er einsam der Welt gegenübersteht. Und die Welt denkt: „Ist ja ganz nett.“ Aber auch: „Verdammt noch mal, wir wollen doch von Moby keine Nettigkeiten in die Ohren kriegen!“ Sicher, auch mit „Play“ wird er neue Hörer dazugewinnen, der Meister der Polarisation, und es sich mit Liebhabern seiner alten Werke gehörig zu vergraulen wissen. Wer bisher mit dem Herzen bei Moby und seinen Statements war, wird mit Sicherheit auf eine deutlich entschiedenere Platte gehofft haben.“ (http://www.intro.de/platten/kritiken/23024709/moby-play)

Wikipediaeintrag zum Album (en) und zu Moby (de)

„Nicht jeder hatte eine so gute Mutter wie ich“ Interview mit Moby bei Spiegel online

Ammer & Haage – 7 Dances Of The Holy Ghost (2005)


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„Aus Leidenschaft für das Phänomen der allgegenwärtigen Verehrung von Schutzheiligen, aus der Lust, das Heilige aus seinen Restbeständen zu rekonstruieren und daraus eine eigene Hörspiel-Oper zu entwickeln, haben sich die beiden Autoren zusammengetan, um von den endlosen Martern und der immerwährenden Verehrung der Heiligen auf eine fast erotische Weise und in vielen Zungen zu erzählen. Jahr 2000, das Heilige Jahr. Angst vor der Apokalypse, dem Jüngsten Gericht? Papst Johannes Paul II reagiert auf seine Weise: mit einer wahren Heiligenflut. 280 Frauen und Männer hat er seit 1978 heilig gesprochen, 805 zu Seligen erklärt. Mehr haben selbst seine Vorgänger seit 1592 nicht dazu erkoren. Woraus besteht das heilige Wesen? Aus Licht? Gas? Klang? Welche Sprache spricht es? Und zu wem? „7 dances of the holy ghost“ – eine Hörspieloper von Andreas Ammer (Text) und Ulrike Haage (Musik) begibt sich auf Spurensuche. Sie finden zahlreiche Geschichten voll Qualen und Wunder. Das Ränkespiel von Politik und Kirche, einen unerbittlichen Geschlechterkampf, vor allem aber den durch nichts zu erschütternden Mut Einzelner, nicht nach dem Leben zu hungern, sondern nach göttlicher Gerechtigkeit. Ammer und Haage suchen den Anfang. Als das Nichts nicht war, kein namenloses Chaos. Sondern der Eine, umgeben vom Geheul seiner „gottlichen Geister“. Heidnische Schutzgötter – zu Heiligen gezähmt, Helfer gegen die Angst, Hoffnungsspender auf das Sein nach der ganzen Plackerei. „Hör uns heiliger Johannes, heiliger Paulus…“ In Zwiesprache versunken, Gläubige auf ihrem Umweg zum Gehörgang Gottes. Sie brauchen Fürbitter für jede Krankheit, jede Verrichtung, jeden Schmerz, Paten für jeden Tag im Jahr. Doch es geht auch anders: „Hört uns: We´re not afraid to die“. „Ich bin der Mann – eine Wüste, ein Grab.“ Die Lebensstationen der Anwärter auf die Heiligkeit sind reich an Versuchung. Die Geschichte des Heiligen Antonius ist bekannt, jenes Einsiedlers aus der Wüste Ägyptens, durch Schweigen von der Welt getrennt. Er widerstand allem, wurde zum Patron für Korbflechter, Schweinehirten, Nothelfer bei Pest, Lepra und Syphilis. Schlimmeres hatte die Heilige Cäcilia zu erleiden, lange vor ihrer Berufung zur Patronin der Kirchenmusik: ein Bad in kochendheißem Wasser, dem sie unverbrüht entstieg. Danach die Enthauptung, drei Mal schlug sie fehl. Erst drei Tage später starb Cäcilia an ihren Wunden. Das nur, weil sie sich taufen ließ. „Mehr war da nicht.“ „Sie sei heilig“. Die Heiligsprechung, der Mythos um Märtyrer und Musterwesen: Höhepunkt der römisch-katholischen Kirche, besiegelt durch einen bürokratischen Akt auf dem Petersplatz. Würdenträger im prunkvollen Ornat, die alte Heiligenlitanei, der Eintrag des neuen „Diener Gottes“ in das Heiligenverzeichnis – „Decernimus – wir beschließen es“. Und Schnitt. Die Live-Übertragung im Radio, weltweit. Vielsprachig über „Radio-Maria“: Spitzlippiges Latein, Deutsch, Englisch, Portugiesisch, die Hysterie amerikanischer TV-Prediger. Gläubige im Wahn. Und ganz verschämt, die lüsternen Seufzer angesichts aller Tortur. Unheimlich. Ungeheuerlich. So fremd und nicht von dieser Welt. Doch allgegenwärtig der Breakbeat der Moral, die ätherischen Klänge des Glaubens und Staunens. „7 dances of the holy ghost“ – ein Soundtrack vom deus ex machina dirigiert. Klang werden die Kälte der Kirchen, die Einsamkeit der Wüste, das Fallbeil der Bürokratie, das Verbrennen reiner Seelen, sinnlich, nicht gelehrt. Zerhackt, zerkratzt, zerfetzt vom Echo der Moderne. Sprache dazu, Gesang und Flüstern. Von Knabenchören, Katharina Franck und Ben Becker. Über allem, einem Urklang gleich, die Stimme von Phil Minton -verlorenem Gewisper und anderen Wesen auf der Spur.“ (http://www.amazon.de/DANCES-GHOST-Produktion-H%C3%B6rspiel-Medienkunst/dp/3880300348)

Leftfield – Rhythm And Stealth (1999)

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„Vier Jahre sind im Neuigkeiten verschlingenden Popgeschäft eine halbe Ewigkeit. Wer sich zu lange rar macht, muß ständig die Furcht vor Augen haben, aus dem Kurzzeitspeicher im Kopf der Musikhörer gelöscht und in den Papierkorb verschoben zu werden.

Ganz und gar nicht beeindruckt von den Gesetzen des Marktes zeigen sich die englischen Musiker von Leftfield, die mit „Rhythm And Stealth“ soeben ihr zweites Album veröffentlicht haben. Es wirkt wie eine musikalische Reise durch den schwarzen Kontinent. Scheinbar weit hinter sich gelassen haben Leftfield die europäische Clubszene, der ihr erstes Album Leftism wesentliche Inspirationsmomente verdankte. Statt tanzflächenrockenden Beats und peitschenden Sounds sind auf „Rhythm And Stealth“ fast ausschließlich Down-Beat-Nummern zu hören; ein beinahe meditativ-repetitives Moment zieht sich durch das gesamte Album und verleiht „Rhythm And Stealth“ einen kaum zu widerstehenden Scharm. Manches, was anfangs schwer, dunkel oder gar bedrohlich wirkt, entfaltet seinen herben Reiz erst nach dem zweiten oder gar dritten Anhören. Dies nur als kleine Warnung an alle Hektiker.

Nicht ganz unschuldig am „erdigen“ Klang von Rhythm And Stealth sind die verschiedenen MC’s mit denen Leftfield für diese Platte zusammengearbeitet haben, und deren prominentester Afrika Bambaataa, der selbsternannte Erfinder des Hip Hop, ist.Wer von seinem Kontostand davon abgehalten wird, das Land zwischen Alexandria und dem Kap der guten Hoffung unter die eigenen Schuhsohlen zu nehmen, dem bietet „Rhythm And Stealth“ eine kostengünstige Alternative. Kaufen, einlegen, fühlen.“ (http://www.laut.de/lautstark/cd-reviews/l/leftfield/rhythm_and_stealth/index.htm)

Lemonjelly – Ky (2000)

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„Von Lemon Jelly habe ich durch einen Bekannten erfahren. Ich war und bin hellauf begeistert. Es lohnt sich wirklich, diese CD als Original zu besitzen, denn die CD ist nicht nur ein Fest für die Ohren, sondern auch für die Augen! Ich habe selten einen solchen Aufwand in Bezug auf ein CD-Cover, auf Booklets und dem Layout gesehen. Alles ist „quietschbunt“ und „knallig“, das Booklet besteht aus qualitativ hochwertigem Material und schon beim Öffnen der CD erwartet einen eine tolle Überraschung im Inneren.

Zur Musik: Die CD dauert gut und gerne 68 Minuten, besteht aus 9 Tracks (von 05:30 – 09:30 Minuten). Hier wird einem kein „Techno“ oder House geboten, sondern intelligente und chillige Musik. Das Wort „Chill-out“ wird ja heute viel zu häufig verwendet, bei nahezu jeder zweiten Veröffentlichung redet man vom „Chill-out“. Leider habe ich kein anderes Wort, um dieses grandiose Album zu beschreiben.
„In The Bath“ ist ein wahrlich großartiger Track und lässt einen wirklich sofort in eine Art „Trancezustand“ fallen, egal, ob man diesen Song nun laut oder eher leise geniesst.
„Nervous Tension“ besteht aus einer lustig-stupiden Melodie, in der eine männliche Stimme vor Überspannungen im Alltag warnt und den Hörer 6 Minuten lang über allgegenwärtige Probleme wie Geldnöte, Schlaflosigkeit und anderes aufklärt, während im Hintergrund eine wirklich lustige Melodie läuft. Urkomisch!
„Page One“ fordert höchste geistige Konzentration vom Hörer. Dieser muss sich nämlich das absolut reine „Nichts“ vorstellen („The earth itself without form“).

Auffällig an Lemon Jelly sind die Sprachsamples. Nicht Frauen lullen uns zu, sondern „echte Männer“, die einiges zu sagen haben. In „A Tune For Jack“ wird über See-Elefanten in Patagonien gesprochen, in „His Majesty King Raam“ wird selbiger geehrt, und in „The Staunton Lick“ wird uns das Banjo-Spielen beigebracht.

Insgesamt einfach nur TOP! Das Artwork ist unglaublich, die Musik noch besser. Einfach kaufen!“ (http://www.amazon.de/Lemon-Jelly-Ky-UK-Jelly/dp/customer-reviews/B00004XN08/ref=cm_cr_dp_all_helpful?ie=UTF8&customer-reviews.sort%5Fby=-SubmissionDate&coliid=&showViewpoints=1&customer-reviews.start=1&colid=#customerReviews)

Nicolette – Now Is Early (1992)


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„Als PJ & SMILY Anfang der Neunziger mit „Shut Up And Dance“ und ihrer stets merkwürdigen Mischung aus hochgepitchten HipHop-Beats, schäumendem Techno, elektrifizierter klassischer Musik, respektlosen Pop-Samples und allerlei anderen Spielerein die Clubs so richtig aufmischten, war man zunächst sprachlos. Kurze Zeit später ward dann der Begriff „Jungle-Techno“ erfunden; der Rest ist Geschichte. Für NICOLETTE haben sich PJ & SMILY musikalisch stets etwas zurückgehalten. Das Verrückte an der Zusammenarbeit war allein die Frage, wie in aller Welt eine Sängerin auf diese schnelle Art von Musik klarkommen sollte? Die Antwort hieß „Now Is Early“ und ist bis heute ein kleines Juwel aus einer kreativen Zeit, in der alles möglich schien und die Grundlagen für die heutige Jungle/Drum’n’Bass-Ära gelegt wurden. Warum das alles passiert ist, kann man aus NICOLETTEs persönlichen Geschichten von „No Government“ bis „School Of World“ heraushören, die ihr damals den Titel der „BILLIE HOLIDAY On Acid“ einbrachten. Solchen Kategorisierungsbeschreibungen zum Trotz finden sich in der Art und Weise, wie NICOLETTE ihre hohe, zuweilen fast piepsige Stimme zu formen versteht, viele, viele andere Einflüsse von afrikanischen Chants über eine klassische Ausbildung bis hin zu modernen Sprechgesangs-Variationen. Kurzum: die perfekte Begleitung zur Musik, bis heute unerreicht und im heutigen Drum’n’Bass leider so gut wie verschwunden“ (Quelle: http://www.intro.de/platten/kritiken/23022559)