Schlagwort-Archive: Avantgarde

AG Geige – Trickbeat (1989)

„Wir lebten in Tagen von Zeychen und Wundern. Wo sind sie hin? Keiner sah sie gehn…“, sang einst die AG Geige auf dem Album Trickbeat, ihrem poetlektischen Erstling auf Vinyl nach einigen Kassetten-Produktionen , der den Unpop in den 80ern weiter  auslotete. Vergleiche zu anderen Bands der Zeit zu ziehen, ist wohl nicht möglich. Gern wird „Der Plan“ herangezogen, wobei der Vergleich hinkt. Aber auch zu den Einstürzenden Neubauten oder DAF könnten gewisse Bezüge hergestellt werden, ohne damit ins Schwarze zu treffen.

Der „Trickbeat“ der AG Geige ist nicht zu fassen.  Er wurde nicht wirklich erfolgreich, galt aber als bester und orginellster Musikentwurf der Zeit aus der ehem. DDR. Die Mischung elektronischer Beats mit den Texten, die wohl zwischen Dada, Dekonstruktion und Hermeneutik pendeln, erzeugt eine fast schon unwiderstehliche Spannung, die auch nach 25 Jahren (!) keine Langeweile aufkommen lässt. Passenderweise heißt es im titelgebenden Track:

„Alle Tore sind geöffnet
Hunderttausend steh’n bereit
Und das Gestern wird vergessen
Und der Morgen ist noch weit
Heute ist uns nichts zu schade
Heute gibt es keine Gnade
Trickbeat heißt der Lebenssinn
Trickbeat tanzen heißt ‚Ich bin‘

Alles soll nach Trickbeat klingen
Wenn du Angst hast: Trickbeat singen

Webseite der AG Geige

Wikipediabeitrag mit weiteren Informationen

Tapeattack listet das Album zum kostenlosen Download. Ich hoffe, das ist legal. Falls nicht, bitte ich um eine kurze Info.

CocoRosie – The Adventures of Ghosthorse and Stillborn (2007)

Reinhören
Was ist eigentlich das schöne an den Platten von CocoRosie, dass ich gern immer noch eine mehr im Schrank haben möchte? Eine Frage, die ich mir selbst hin und wieder stelle. Ist es das verspielte der Lieder? Ist es der Überraschungsmoment, wenn wieder mal ein neuer Gegenstand, der wohl eigentlich nicht zum musizieren gebaut wurde, nun doch für einen Ton auf dem Album herhalten muss? Ist es die Freude über nie erwartete Melodien, verträumten SingSang oder der eine oder andere prominente Studiogast (hier übrigens wieder mit Gastauftritt von Antony), der die beiden Schwestern unterstützt? Ist es diese (verw)irrende akustische Reise in die Traumwelt der Beiden, zu der jedes Album einlädt? Es liegt wohl an allen zusammen und noch mehr…
Wikipedia zu CocoRosie

Goethes Erben – Der Traum an die Erinnerung (1992)

Reinhören
Was war das für eine Zeit, in der solche Alben möglich waren? Dark Wave war durch, Gruftis hatten üblicherweise die Farbe wieder entdeckt und dennoch gab es so ein paar Trends, die sich vom Schwarzen nicht so richtig lösen konnten oder wollten. Goethes Erben gehörten damals dazu. Stimmungsvolle Konzerte bei Kerzenschein, eher klassische Instrumentierung und ein Sprechgesang, der sich inhaltlich vorzugsweise mit den wengier lebensbejahenden Themen widmete. Und dennoch übte (und übt wohl auch heute noch) diese Musik der Bayreuther einen gewissen Reiz aus. Atmosphärisch dicht & dunkel und mit einem einem guten Gefühl für das Sprachspiel un dPoesie bleibt es – bei mäßiger Anwendung – durchaus spannend, diese CD einzulegen. Denn wie steht auf dem Cover des Albums: „Das Wort ist der Mantel, in dem der Sinn schweigend auf seine Entkleidung wartet.“

 

Wikipediabeitrag zum Album

The Art Of Noise – In Visible Silence (1986)

Reinhören
Kinder, wie die Zeit vergeht. Ein Album aus dem Jahre 1986 – und ich kann mich daran erinnern, wie ich fasziniert auf dem Weg in die Schule und zurück auf meinem Walkman dieses Album celebrierte. Umso erfreuter war ich, die CD endlich für einen bezahlbaren Preis erstehen zu können.

Die avandgardistischen Pioniere elektronischer Musik feiern hier ein Fest der Zukunft und greifen wohl erstmals auch auf akustische Instrumente zurück. Dabei konnten sie durchaus ein paar Hits mit dem Album landen (z.B. „Peter Gun“), was wohl daran lag, dass es wärmer und melodischer produiert wurde, ohne dabei auf neue Ideen zu verzichten, wie die Opener „Opus 4“ schon zeigt. Und sie schafften es, wenn ich mich richtig entsinne, sogar,mit „Legs“ (später bekannt als „Paranoia“) die Titelmusik für eine der ersten computergenerierten Serien (Max Headroom) zu liefern.

Wikipediabeitrag über The Art Of Noise

Antony And The Johnsons – The Crying Light (2009)

Reinhören
„Dies- und Jenseits werden eins
Die Annäherung fällt schwer. Antony Hegarty ist einer der ungewöhnlichsten, schillerndsten Künstler der Gegenwart, einer, der sich allen gängigen Beschreibungen entzieht. Seit seinem letzten Album „I am a bird now“ von 2004 ist sein Name mit einer Aura verbunden, wie sie andere Sänger auch nach einem ganzen Karriereleben nicht erreichen.

Der aus der New Yorker Subkultur erwachsene gebürtige Brite setzt mit seiner kristallklaren, hohen Gesangsstimme einen bewussten Kontrapunkt zum Gewohnten. Am liebsten arbeitet er mit ‚klassischen‘ Instrumenten: Klavier, Streicher, Gitarre. Ein Schlagzeug findet auf „The crying light“ kaum noch Verwendung. Manchmal erinnert Antonys Musik mehr an Schubert als an einen Popstar der Gegenwart, „The Johnsons“ sind mehr Kammermusik-Ensemble als Begleitband.

Die Kollegen reißen sich um die Zusammenarbeit mit ihm. Lou Reed, Rufus Wainwright und Boy George gehören zu seinen frühen Förderern und Duettpartnern. Im vergangenen Jahr verschaffte Antony ausgerechnet dem Disco-Projekt „Hercules and Love Affair“ einen Riesenerfolg. „Blind“ war der Dancefloor-Knaller des Jahres. Mit Marianne Faithfull nahm er „O o baby“ auf. Und auch der Deutsche Herbert Grönemeyer, in vielerlei Hinsicht (vor allem gesanglich) das absolute Gegenteil zu Antony, veredelte sein „Best-of“-Album („Was muss, muss“) soeben mit einem hoch emotionalen Duett mit „dem Wunder von New York“ (Spex). Wo immer Antony auftaucht und seine sirenenhafte Stimme erhob, wurde sein Auftritt zum Höhepunkt der Alben seiner Partner.

„The crying light“ nun bietet Antony nun endlich einmal wieder Raum, um auf Albumlänge seine unvergleichliche, berührende Aura auszubreiten. Seine metaphorische Lyrik verstärkt die berührende, tief unter die Haut gehende Atmosphäre. Antony verschmilzt darin mit der Natur, in der Angst um die Welt wird er eins mit ihr. Wie Björk, mit der er zwei Duette für ihr Album „Volta“ aufgenommen hatte, hebt auch Antony den Gegensatz zwischen dem Mensch, seiner Kunst und der Natur, aus der beide entspringen, auf. Er besingt nicht die Natur – es ist die Natur selbst, die durch ihn singt.

Er ähnelt eher einem mythischen Wesen als einer realen und somit vergänglichen Gestalt aus Fleisch und Blut, die mit beschwörender Lied-Poesie um Gehör bittet – und vielleicht noch nicht einmal das, denn auf „The crying light“ wirkt Antony so in sich gekehrt und selbstvergessen, als ob er sich seines Publikums überhaupt nicht bewusst wäre.

Mancher Song, etwa „Water and dust“, verbreitet die sakrale Atmosphäre eines Gebets, „Daylight and the sun“ beschwört die Geburt von Licht und Leben. Am Ende („Everglade“) kehrt Antony, das Wesen aus einer anderen Welt, heim:
„When I’m floating in the water
And Your eyes are lilies all around
When I’m lying sweetly in my bed
The sun plays crystal with my eyes
Then I stop …“

Die Bildsprache erzählt frei von jeder Morbidität und Lebensmüdigkeit vom Tod als der Einswerdung von Mensch und Natur, von Antony and The Johnsons in zarten Frühlingsfarben hoffnungsvoll instrumentiert – der Tod bezeichnet hier nicht als Ende, sondern den Neubeginn. Eine berührende Erkenntnis, in berührend schönen Klängen erzählt, in denen die Gegensätze verschmelzen: zwischen Pop und Klassik, Stimme und Instrument, Mann und Frau, Mensch und Natur, Dies- und Jenseits. Ein Hochgenuss. (Michael Frost)“ (http://www.cd-kritik.de/frameset/frset.htm?/kritiken/cd/antony-crying.htm)

http://www.antonyandthejohnsons.com/Offizielle Homepage

Regina Spektor – Begin To Hope (2006)

Reinhören

Was uns auf „Begin To Hope“ begegnet, ist herzerweichend, köstlich, leicht und macht verdammt gute Laune. Bereits bei „Fidelity“ schmilzt das Herz dahin. Regina Spektor singt so ungezwungen, so verträumt und mit einer Leichtigkeit, die ansteckend ist: „I hear in my mind all these voices, I hear in my mind all this music and it breaks my heart“. Wenn eine Sängerin Hoffnung macht, dann ist es Spektor. Ihre Lieder sind nicht so schwer wie die der Songwriterkolleginnen Beth Gibbons oder Anna Ternheim, von Belanglosigkeit kann jedoch nicht die Rede sein. Es ist die Mischung aus Sensibilität, Theatralik und Optimismus, die den Hörer warm umhüllt.

Eine zerzauste Bett-Wohlfühl-Atmosphäre ruft Spektor selbstbewusst mit ihren Beats, Klavier und den Streichern hervor. Man will diese Platte umarmen, ihr Aufmerksamkeit schenken und schlussendlich für besondere Momente aufheben. Kein Wunder also, dass Julian Casablancas von der New Yorkerin begeistert war und sie vor vier Jahren auf die ausverkaufte Nordamerika-Tour der Strokes mitnahm.

Im Gegensatz zu „Soviet Kitsch“ sind die Arrangements auf „Begin To Hope“ opulenter. Spektor experimentiert, reflektiert, mischt Rhythmen mit Streichern und Klavier. Dass sie aber noch immer diese ‚Eine Frau und ein Piano-Performance‘ perfekt beherrscht, zeigt sie bei „Samson“. Die Violinen halten sich dezent im Hintergrund. Leidenschaftlich, jedoch zurückhaltend und in ihren Gedanken versunken, singt die geborene Russin Zeilen, die zeitlos sind: „You are my sweetest downfall. I loved you first.“ Man muss kein Romantiker sein, um sich spätestens hier einzugestehen, dass Spektor einfach nur verdammt berührt. Please. Repeat.

Die Kissenschlacht kann bei „On The Radio“ beginnen. Ein bisschen poppiger als zuvor fusionieren Saiten- und Tastenklänge zu einem vorantreibenden Beat. Die Sängerin kokettiert und lässt den Hörer schmunzeln. Verdammt viel Soul beinhaltet „20 Years After Now“. Wie ein Stück aus einem romantischen Gruselfilm beginnt das Lied verzaubert. Immer wieder tauchen winzige, verspielte Klangfetzen auf, Beats erscheinen plötzlich und verschwinden wieder im Nichts. Einzig der Gesang Spektors sowie das Klavier bilden einen roten Faden.

Mit „Lady“ folgt gegen Schluss ein Stück, das das Jazz-Herz aufblühen lässt. Man stelle sich vor: Ein alte, verrauchte Bar, voll gestellt mit vielen winzigen Souvenirs aus vergangenen Tagen, der Rauch legt sich wie ein Schleier über den Raum. Eine Frau sitzt im Halbdunkel in einer Ecke am Piano. Sie fordert mit ihrer Stimme die volle Aufmerksamkeit. Das Bier wird in Ruhe gelassen, die Zigarette bleibt im Aschenbecher. Man lauscht den Worten, horcht der Klaviermelodie. Es ist die Aura einer Lady, die den Raum füllt. Das Saxophon deutet sich im Verlauf des Stücks jeweils nur kurz an, beendet aber den Song mit einem virtuosen Solo. Die Lady verlässt die Bar mit dem Wissen, ein Album kreiert zu haben, das unglaublich fesselt.“ (http://www.laut.de/lautstark/cd-reviews/s/spektor_regina/begin_to_hope/index.htm)

http://reginasplash.warnerreprise.com/- Homepage von Regina Spektor

Einstürzende Neubauten – Alles Wieder Offen (2007)

Reinhören
„Es hat den Neubauten gut getan, sich selbständig zu machen und ihre Musik nunmehr ganz auf eigene Rechnung aufzunehmen und selbst zu veröffentlichen. In den letzten Jahren war die Berliner Band so produktiv wie schon lang nicht mehr, nun hat sie mit Alles wieder offen auch noch eine ihrer besten Platten überhaupt am Start. Vom Lärm haben sich die Neubauten scheinbar endgültig verabschiedet, dafür kredenzen sie ein vollmundiges Meisterwerk zwischen poetischen Popsongs und einem ungebrochen grandiosen Sinn für Energie und Dynamik. Es geht ihnen heute musikalisch um die Feinheiten, um das Ausloten zwischen leise und laut, das sie mittlerweile meisterlich beherrschen, und um das Zusammenspiel der Instrumente. Aufbau statt Zerstörung. Über der Musik, lyrischen Balladen und elektrisierenden Rhythmen, aber thront – Entschuldigung, man muss es so majestätisch ausdrücken – König Blixa mit seiner sonoren Stimme, wandelt der ewige Bohemien als älter werdender Dichterfürst durch seinen Garten und sieht nach seinen Pflänzchen. Im Gegensatz zur Musik darf es in den Texten gern noch etwas mehr sein. Doch egal ob wuchtig oder zärtlich, in Bildersprache verkleidet oder ungewohnt klar, Bargeld findet fast immer die richtigen Worte.

Die Einheit von Musik und Text ist auf jeden Fall verblüffend. „Die Wellen“ bildet das Wogen des Meeres ab und wird gegen Ende hin immer wilder („Ich halt dagegen, brüll jede Welle einzeln an: / Bleibst du jetzt hier?”). „Nagorny Karabach“ erzählt von einem ganz speziellen Ort („Komm mich mal besuchen / Ich hab unendlich Zeit / Und der Blick der ist vom Feinsten”) und gemahnt an die ruhigeren Stücke von Nick Cave & The Bad Seeds, als Bargeld noch mitspielte. „Ich hatte ein Wort“ ist eine berührende Ballade über die Schönheit, die ein einziges Wort zu erzeugen im Stande ist. „Weil weil weil“ rockt mit einem Rhythmusmotor Marke Timbaland. „Ich warte“ schließlich ist eine Anrufung der mächtigen Kräfte, die in der Musik stecken: „Ich warte bis sie Türen Tore Schleusen öffnet / Bis sie wolkenbrechend – Weckruf Fanfare – / Überraschend aus dem Hinterhalt sich stürzt / Ich hoffe sie zettelt eine Hymne an”. Ein Erlebnis, wie der Meister hier ins Rasen gerät. Man vermeint streckenweise, Klaus Kinski beim Deklamieren zu hören, aber es sind doch immer Blixa Bargeld und seine Gang. Einstürzende Neubauten, so leicht und verführerisch wie nie zuvor, und trotzdem ein mächtiges Werk.“ (http://www.now-on.at/kritiken.artikel.php?artikel=1697)

http://www.alles-wieder-offen.com/ – Webseite zum Album