Schlagwort-Archive: Ambient

DJ Koze – Amygdala (2013)

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Die Amygdala, so belehrt mich Wikipedia,  “ spielt allgemein eine wichtige Rolle bei der emotionalen Bewertung und Wiedererkennung von Situationen sowie der Analyse möglicher Gefahren: Sie verarbeitet externe Impulse und leitet die vegetativen Reaktionen dazu ein“ (Quelle). Stefan Kozella ist ja immer wieder für einen Spaß zu haben aber manchmal war es mir doch auch etwas „too much“. Daher tat ich mich auch schwer, das neue Album von ihm gleich begeistert aufzunehmen. Ein Gag funktioniert ja meist nur einmal, dann ist die Luft raus (außer bei seinen Projekt „International Pony“! :-)) Wie auch immer, Amygdala ist durchaus ein „klassischer Koze“. Wieder werden Sounds von oder mit anderen verbraten, nachdem sie auf Irr- und Umwegen im immateriellen Kosmos von DJ Koze umherrirrten, um dort immer an Konzentrat zu gewinnen und sich in fast neuem Gewand zu präsentieren. Mit von der Partie (Party?) sind Caribou, Apparat, Matthew Dear, Dirk von Lowtzow, Milosh oder auch Hildegard Knef (!). Gerade bei letztgenannter ist der Song eine echt hingebungsvolle Hommage, der eigentlich das Original sein könnte. Amygdala, so merke ich, greift behutsam aber nachdrücklich mein emotionales  Ich an. Guter Titel, gute CD. Geht immer wieder und überalle: Beim Essen und Talken, beim Autofahren und Tanzen, aber auch zum Entspannen. 

Sigur Rós – ( ) (2002)

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Mit Sigur Rós hatte ich keinen leichten Start. Ihr Album „Agaetis Byrjun“ hörte ich mir mehrmals bei einem Freund an und beschloss: „Nicht mein Ding“. Und irgendwann fiel es mir wieder in die Hände und verzauberte mich auf einmal. Die Begeisterung für die Gruppe steigerte sich nochmals mit dem namenlosen 2002er Album „( )“ Nochmals dichter, nochmals schwebender, nochmals poetischer, mehr Kraft, mehr Freiraum. So klingt Musik wohl nur aus Island. Der Gesang von Jonsi ist melodisch tragend, die gewählte Sprache für die Texte ist „vonlenska“- auf dt. übersetzt „Hoffnungsländisch“.

Einem Genre sind Sigur Rós nicht zuzuordnen, sollten aber als suchterzeugend unter Verschluss gehalten werden. Sie waren einer der Auslöser, die mich wenige Jahre später nach Island lockten, um das Land, die Elfen und Trolle, die Vulkane, die Eisfelder, den Wind, Sonne und Schatten zu besuchen. Und wer nicht nach Island mag oder kann, dem sei diese CD angeraten. Denn ich meine, dass dieses Album ein passender Soundtrack zur diese Insel im Norden ist.

Offizielle Webseite von Sigur Rós

Wikipedia über Sigur Rós

Der Opener „Untitled #1“, der – wenn ich mich recht erinnere – auch die Titelmusik des wunderbaren Films „Nach der Hochzeit“ war

Muslimgauze – Arabbox (1993/2003)

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Die Arabbox von Muslimgauze wurde bereits 1993 das erste und 2003 das zweite Mal veröffentlicht. Hintergrund dieses Album war der in der Zeit stattfindende Golfkrieg. Aus diesem Grund wurde das Album auch 2003 nochmals veröffentlich, da in dieser Zeit der zweite Golfkrieg begann. Das Album enthält die die Muslimgauze auszeichnenden perkussiven Elemente, die hier in etwas ruhigerer Manier den Rhythmus angeben und meines Erachtens für die frühen 90er eher ungewöhnlich bei Muslimgauze sind. Vielleicht liegt es daran, dass das Album live in einem Türkischen Bad in Manchester aufgenommen wurde und ein zu überzogenes Trommeln und Drehen an den Sequenzern in den Hallen zu ungewünschten Resonanzen geführt hätte?

Wie wohl fast immer in limitierter Edition (1000 Kopien), wobei hier die Mehrzahl genutzt werden sollte. Denn neben der „normalen“ Aufmachung gab es das Album auch in einer handgefertigten Metalbox (ltd. auf 500 Stück).

Weitere Infos zum Album beim Label Soleilmoon

Das Album bekam sogar eine eigene Webseite!

Electronic Eye – Closed Circuit (1994)

Closed Circuit bei Amazon

Schon wieder was fast schon altertümliches, wobei erst 10 Jahre alt. Aber für die Welt elektronischer Klänge reicht diese Zeit oft, um die Musik in die Welt des Vergessens entschwinden zu lassen. Electronic Eye, eines der vielen Sideprojekte des legendärend Richard H. Kirk, hat sich jedoch von vornherein eine Welt eingerichtet, die auch ohne Zeit auszukommen scheint. In dieser Welt erfreut man sich der Soundtüftelei und inspiriert sich Abends am verpixelten, digitalen Lagerfeuer bei den Mitbewohnern der Welt wie Autechre, The Future Sound Of London, Boards Of Canada.
Electronic Eye suchen den digitalen Konsens von Tribal & Funk und klingen wie die elektronische Ausgabe der Ritualmusik eines verschollen geglaubten Buschvolkes. Mystisch, warm, tragend und bei Daueranwendung sicher Trance auslösend. Großartig für alle Lebenslagen und in allen Lautstärken!

Homepage von Richard H. Kirk

Seefeel – Succor (1995/2010)

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Da hab ich mal wieder was im CD-Regel ausgegraben. Hassliebe würde ich es nicht nennen, zu hart. Aber, wenn ich die CD mal wieder „ziehe“, weiß ich nicht, ob ich mich darüber ärgern werde, wenn ich sie gleich auflege und warum ich sie überhaupt noch besitze. Und dann läuft sie …und läuft. Succor ist wie ein Traum. Kein Böser. Und auch kein Guter. Aber einer, der immer wieder mal kommt. Und geht. Vergessen wird, bis er wieder da ist. Seefeel arbeiten mit Strukturen, Soundfetzen, winzigen Melodien, die sich nie zu einem „Großem und Gesamten“ verdichten wollen oder können, aber sich auch nie richtig voneinander lösen. Es wirkt fragmentiert und dicht. Sascha Köch (Spex) schrieb einst passend zu Seefeel „Seefeel waren ja schon immer groß darin, auf einem Gitarrenriff, nennen wir die Dinge mal beim Namen, herumzureiten, bis es sich auflöst und der Wahrnehmung nur noch seine immer wieder Andersartigkeit überlässt.“ Und weiter heißt es: Wer zu dieser Schallplatte geboren wird, muß sich spontan denken, die Welt sei schon in Ordnung. Bißchen rauh vielleicht, aber O.K. (…) Genaugenommen ist das die beste Seefeel-Veröffentlichung, auch wenn man sich damit etwas schwerer tut. Es ist die intensivste. Eine Spieluhr, die Jahrtausende später durch die veränderte Dichte der Atmosphäre wieder zu ticken beginnt, um einen daran zu erinnern, wie behaglich die Tage waren, als man Herzklappenfehler noch für schick halten konnte… “

Recht hat er, der Herr Köch. Und so träume ich die Musik oder sie mich, hole sie anschließend aus dem Player raus und vergesse schon, wie der Traum war, kurz nach dem Erwachen.

Seefeel bei Wikipedia

Das Album bei Warp-Records

 

Monolake – Cinemascope (2001)

Dass Wissenschaft, Kreativität und Ästhetik zusammen gehören, zeigt Robert Henke immer wieder auf seinen Veröffentlichungen unter dem Pseudonym Monolake. Henke, der als Professor an der Universität der Künste in Berlin tätig ist, zeigte bereits Ende der 90er Jahre des letzten Jahrtausends, wie Minimalelectro und Ambient zu definieren sind. Aus den kühlen Sounds webt er wohlig warme Klangdecken, die den Zuhörer einwickeln und in Wärme sinken lassen. Beim Zuhören gibt es enorm viel und stets Neues zu Entdecken. So passt der Titel des Albums, assoziiert er doch Kopfkino in bester Manier. Im Gegensatz zu den Vorgängeralben scheint Cinemascope leichter zu sein, zu pulsieren, fast zu schweben. „…man hat das Gefühl, dass Cinemascope eher ein weiches Licht auf Monolake wirft, eins, das die Landschaften nicht mehr durch die Leere zeichnet, nicht durch Weite, sondern durch Stille eines ruhigeren Blicks. Eine fast schüchterne Platte, der jegliche Deklamation abgeht“ (http://de-bug.de/reviews/13327.html).

Biografie von Monolake bei laut.de

Explosion In The Sky – How Strange, Innocence (2000, remastert 2005)


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Ihrem wenig beruhigenden Bandnamen werden Explosion In The Sky auch auf diesem Album gerecht. Wie schöne Schäfchenwolken, die dem blauen Sommerhimmel eine malerische Abwechslung geben, legen sie eine Melodie auf die andere und füllen so mit der Zeit die Soundstrukturen. Und wie bei den Schäfchenwolken ist es mit den Melodien von Explosion In The Sky: Sie türmen sich auf, werden zu Kumulus-Wolken, verdunkeln den Himmel und voller Bange – aber auch Neugier – schaut man Richtung Horizont, was da noch kommen mag.
Eins sei verraten: Die Aussichten auf ein Gewitter – oder Schlimmeres – bieten Explosion In The Sky auch auf diesem Album. Aber statt des großen Krachens kommt nur ein beschaulicher, warmer Sommerregen herunter. Schön auf der Haut, gut für das Land, auch wenn die große Katharsis damit entfällt. Aber wer braucht schon immer das große Finale – die Schönheit ist im Detail.

Auf Youtube scheint das ganze Album zu liegen…

Vladislav Delay ‎– Entain (2000)


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Und schon wieder Musik aus dem Norden – heute aus Finnland:-). Endlich wurde ich auch bei diesem Album fündig und darf es nun in meine Sammlung sortieren. Vladislav Delay  kann ja zu Recht als multiple Persönlichkeit in der Musikbranche bezeichnet werden. Wo sich andere für einen neuen Output abmühen nutzt er lieber Pseudonyme (z.B. Luomo, Sistol, Uusitalo und Conoco), um seine Produktionen unter das Volk zu bringen.

Mit Entain, seinem Zweitlingswerk als Vladislav Delay, schafft er in Titel gegossene wabernde, elektronische Flächen, die deutlich über der 15 Minuten Marke durch die Boxen fliessen.  Im Gegensatz zu Werken anderer Ambientmusiker scheint ihm die Homogenität, zu der solche Musik verleitet, zu langweilen. Daher streut er hier und da ein paar Klicks ein, stört die angenehme Ruhe mit Blubbern und Fiepen (ohne jedoch anstrengend zu werden), verschleppt Töne, nutzt die Ruhe als gestalterisches Element… So gewinnt die Musik eine natürlich anmutende Anatomie, die Beliebigkeit auszustrahlen scheint, aber bei genauem hinsehen bzw. hinhören detailverliebt, individuell und überraschend ist.Begleitet wird sie von einen Basslauf, der scheinbar stets neben einem Takt sitzt das das organisch, warme Gefühl unterstreicht. Für den Rhythmus sind andere Töne verantwortlich, die einem Herzschlag eines fremden und scheuen Lebewesens ähneln mögen und nur hin und wieder durch das Dickicht der Sounds an das Ohr dringen…

 

Muslimgauze ‎– Alms For Iraq (2003)


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Ein weiteres Album von Bryn Jones, aka Muslimgauze. Es wurde schon im Dezember 1995 aufgenommen, drei Jahre vor seinem frühen Tod, jedoch fand es erst 2003 den Weg in die Öffentlichkeit.

Wie bei seinen anderen Aufnahmen handelt es sich auch hier um ein muslikalisches Statement von Jones, welches nicht unpolitisch (aber religionsfrei!) ist. Auch wenn die Soundelemente und der Aufbau der Songs über die Albem hinweg mehr oder weniger ähneln, ist das Album hier schwer zu fassen. Elemente des Dubs treffen auf Ambient, Noise, Hall und Industrial, Originalsounds aus dem mittleren Osten in Form von Sprache und Musik werden untergemischt und alles wird durch die Mixer gejagt und entsprechend verfremdet. Das geht soweit, dass ich dieses Mal selbst nachschauen musste, ob meine CD defekt ist, da bei Song Nr. 1 teilweise ein Kratzgeräusch zu hören war, welches mir üblicherweise verrät, dass eine CD defekt ist. Die Muslimgauze typischen Starts und abrupten Unterbrechungen finden sich auch hier wieder.

Interessant auch dieses Mal das Cover der CD. In Größe eins DVD/VHS Covers mit einem Bild von Susilo Hadi ragt es doch deutlich aus der CD Sammlung hervor 🙂 Der Innenteil kann dreifach aufgefaltet werden und zeigt eine Reihe von Bildern aus Kampfgebieten des mittleren Ostens mit entsprechenden Zitaten wie: „The West won the world not by the superiority of its ideas or values or religions but rather by its superiority in applying organized violence. Westerners often forget this fact. Non-Westerners never do.“ (Samual P. Huntington, Harvard Professor & author)

 

Pole – 2 (1998)

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Die Konsequente Fortführung der schon auf Album „1“ vorgestellten Minimaldubs mit den Pole-typischen Clicks & Cuts. Wärme, Ruhe, Rauschen, eine Einladung zum Sommersonntag auf der Hängematte an einem herrlich schattigen Platz. Was will man mehr im August? Dass dieses Album auch bei höherem Lautstärkepegel eher im Hintergrund jedes Zimmers bleibt, tut gut und überrascht zugleich, da die Bässe eigentlich äußerst druckvoll daher kommen. Dennoch bleibt 2 diskret und es verwundert wohl deshalb auch nicht, wenn es so an der öffentlichen Wahrnehmung verbei rutschte. Ich freu mich über mein Exemplar im Regal 🙂