Psapp – The Only Thing I Ever Wanted (2006)

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„Ein schöner Sonntagmorgen. Mama und Papa schlafen noch. Carim Clasmann hat seine Freundin Falia Durant zu Gast. Beide können nicht mehr schlafen und gehen deshalb ins Kinderzimmer. Dort werken sie gleich mal an allen Spielgeräten gleichzeitig rum. Das Geräusch der Lego-Eisenbahn, wenn sie in die Kurve saust. „Cool! Nehmen wir mit drauf.“ Der Sound, wenn Bauklötze auf die Playmobil-Tankstation fallen. „Klingt super.“ Und wenn man die Sprechpuppe schüttelt, dann macht das so ein knarzendes Geräusch. „Nimm das auch!“ Wohl gemerkt: Diese hier geschilderte Szene ist fiktiv. Aber sie wäre als Erklärungsversuch dafür, wie die Musik des britischen Elektronikduos Psapp entsteht, gar nicht so weit hergeholt.

Diese niedlichen Samples auf „The only thing I ever wanted“ sind erst einmal Produkt einer besonderen personellen Konstellation. Carim Clasmann ist Producer in seinen Fishtank-Studios, die im Londoner Stadtteil King’s Cross liegen. Falia Durant hingegen die für Technik zu begeisternde Chanteuse. Erste Andeutungen ihres Könnens liefern Psapp schon 2003, das erste Album „Tiger, my friend“ stand im späten Winter des Jahres 2005 in den Regalen. Nun also „The only thing I ever wanted“. Was ist dieses einzige Ding, was Psapp immer wollen? In musikalischer Hinsicht läßt sich da nach dem Hören dieses Albums keine eindeutige Antwort geben. Was sie immer wollten? Alles! Mal klingen Psapp warm, organisch und rund in „Hill of our home“ oder „Make up“, wo uns ein einziges Mal überhaupt keine elektronische Kulisse umgarnt. Dann wieder sind die Töne hektisch und eckig wie in „The words“ oder in „New rubbers“.

Im Stile einer Collage wird hier zusammengeführt, was früher nicht zusammen paßte. Kühle Elektronik, warme Stimme. Gegensätze ziehen sich zwar an, aber sie bleiben zum Glück auch Gegensätze. Die Psapp-Melodien stehen einerseits in bester Songwriter-Tradition. Sie sind fragil, manchmal verletzlich. Sie gewinnen erst an Stärke durch die Beigabe konventioneller Instrumente. Dann aber sind sie Elektronik im besten Sinne. Dann fiept alles und wackelt und schüttelt sich. Es ist im Grunde die Technik des Industrial, Alltagsgeräusche in einen Sound einzubauen und so seine Umwelt an dem Produkt teilhaben zu lassen. Nur, daß die Assoziationen beim Hörer keinerlei dunkle Erinnerungen an industrialisierte Arbeitsumgebung hervorrufen, sondern stattdessen das heimische Kinderzimmer zurückerinnert wird. Das ist zwar nicht mehr subversiv, aber egal.

Soundschleifen bilden bei Psapp beizeiten einen zu monotonen Hintergrund, wobei: Stimme und elektronische Beigaben stehen hier fast gleichwertig nebeneinander. Ein Song wie „Tryicycle“ würde sich entkleidet von all diesen wohlklingenden Dekorationen auch auf Songwriter-Platten sehr gut machen. Eine spannende Vorstellung. Bei anderen Tracks wiederum würde der Versuch kläglich scheitern. Ein Klangkonvolut wie das herrliche „King of you“ wirkt gerade durch die zurückgelehnte Verhackstückelung. Wie ein Mosaik aus Tönen, bei dem die Steine ein wenig durcheinandergepurzelt sind. Deshalb ist der Sound auch in keiner stilistischen Kategorie gleich zu verorten. Von allem das Beste. Wie im Kinderzimmer. Denn da spielt man ja auch nie zweimal mit den gleichen Sachen.“ (http://www.plattentests.de/rezi.php?show=3915)

http://psapp.net/ – Homepage von Psapp

„Der Name Psapp leitet sich angeblich von dem Geräusch her, dass ertönt, wenn man eine Plastiktüte mit Eiswürfeln füllt und sie von der Decke auf einen Pappkarton fallen lässt.“ – Biografie auf MTV

2 Gedanken zu „Psapp – The Only Thing I Ever Wanted (2006)“

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