Phillip Boa & The Voodooclub – The Red (2001)

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Der rote Faden

Ein merkwürdiges Pluckern hallt im Ohr des Fans. Er hört dumpfe Beats und verhallte Synthesizer. Schweiß läuft von seiner Stirn herunter. Was hat er nicht einst die wirren Versuche seines Helden verflucht, sich dem so verhaßten „Techno“ anzunähern. War nicht „She“ der große Reinfall, den man Phillip Boa nicht wirklich verzeihen konnte? Waren nicht Klebrigkeiten wie „Deep in velvet“ genau das, was man nie wieder von dem alten Grantler hören wollte? Doch kaum schleichen sich schüchtern die ersten Gitarrentöne herein, horcht selbst der konservativste Ex-Anhänger des Malta-Rückkehrers auf. Das wird doch nicht etwa noch interessant werden?

Es wird. Boas neuer Produzent Olaf Opal (The Notwist, Miles, Readymade) hatte nämlich eine simple, aber um so grandiosere Idee: „Wir erfinden den alten Boa neu.“ Und so findet man die Zukunft des Voodooclubs in seiner Vergangenheit. Der lose Verbund von Musikern, diesmal mit so ungleichen Gästen wie Tobias Kuhn (Miles), Martin Gretschmann (Console, The Notwist) und der Autorin Sybille Berg, machte sich mit dem gebührenden Anarchismus über das Material des „Arschlochs“ her. Offensichtlich erwischten sie bei dieser Kitzelei die richtigen Stellen. Auch wenn sich kürzlich mit Moses Pellberg der letzte Verbliebene aus dem Kollektiv verabschiedete, kommt „The red“ nämlich dem alten Scheppern und Kreischen, das die Schlangenbeschwörung schon zu Zeiten von „Kill your ideals“ ausgemacht hatte, wohltuend nahe.

Hatte „My private war“ angekündigt, daß man mit einem gereiften und beruhigten Boa wieder rechnen müsse, stehen die überdrehten Arrangements diesmal wieder auf der guten Seite des Chaos. Der gestückelt, geschreddert und geremixt daherkommende Krach auf „The red“ macht nicht nur deshalb Laune, weil Boa endlich zu der Form zurückzukehren scheint, der er seit dem ’93er Album „Boaphenia“ mitunter hinterherzulaufen schien. Boas unverwechselbares Nörgeln trifft dabei auf industrielle Brocken wie die Vorabsingle „Eugene“, düsteres Geplänkel einer „Sandy Lee“ und hyperaktive Elektronik mit reichlich „Speed“. Nomen est hier durchaus omen. Während ein „Black tiger“ grinsend im Container herum springt, tummeln sich bei „To the saints“ und „Narcissus“ kantige Rhythmen und abstrakte Piepser. So entkommt die Schlange immer noch jeder Schublade.

Und dann ist da natürlich Boas Vorliebe für stolperndes Stampfen und scheinbar ungelenke Melodien, die dann doch wieder in einer unwiderstehlichen Hookline münden. Nach Bohnenzüchterin Alison Galea gibt nun der britische Lockenkopf Julia Chard die dazu nötige Frontsirene. Während es in „When I’m bored“ zunächst diffus zum typischen Nichtgesang quietscht und glibbert, reichen ihr vier gesungene Silben aus, um zu zeigen, daß Lärm und Pop eben doch manchmal in einem Bett schlafen. Der Vorsteher des Voodooclub zeigt eins wieder einmal deutlich: Ein Ohrwurm kann nur dann richtig munden, wenn man ihn mit den passenden Widerhaken fängt. (Oliver Ding)“ (http://www.plattentests.de/rezi.php?show=617)

Interview mit Boa bei subkultur.de

Phillip Boa bei Wikipedia

Ein weiteres Review und Portrait von Phillip Boa bei laut.de

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