Phillip Boa & The Voodooclub – Decadence & Isolation (2005)

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„“Making noise since 85“ – zwanzig Jahre Krach. Auch für Phillip Boa Zeit, um Revue passieren zu lassen. Sein Voodooclub lärmt spätestens seit der Wiederkehr von Pia Lund wieder auf Hochtouren, mit Moses Schneider sitzt ein weiterer Rückkehrer am Donnerbalken, und zur Feier des Tages hat Boas alter Kumpel Tim Renner ihn zu seinem neu aufgelegten Motor-Label zurückgelotst. Da sei dem Chef des Voodooclubs durchaus ein wenig Selbstbeweihräucherung erlaubt. Denn über die meisten anderen, die sich hierzulande als „großer Künstler“ bezeichnen, würde man lediglich lachen.

Boa aber ist zweifellos groß. Nicht nur körperlich. Weil er mit Konsequenz und Absicht liebevoll Erwartungshaltungen enttäuscht. Weil es ihm exkrementegal ist, daß man seine Melodien eher erahnt als erhört. Weil er niemandem in den Arsch klettert, sondern diesen höchstens mit den Füßen bearbeitet. Er ist ungehobelt, unverschämt und ungestüm. „Decadence and isolation“ sind ihm seit Jahr und Tag Ying und Yang, und die „Arschloch“-Rufer aus den ersten Reihen werden auch sein vierzehntes Album heiß und innig haßlieben.

Dabei ist die heftige Breitseite, die vor zwei Jahren mit „C90“ über die Zuhörer hereinbrach, hörbar abgeebbt. Poppiger und mal wieder beinahe zugänglich ist es geworden, was der Sturkopf da mit Hilfe der Produzenten Swen Meyer (Kettcar, Tomte) und Gordon Raphael (The Strokes) zusammengezimmert hat. Schon der Opener „Have you ever been afraid“ klimpert spinnert los, bis aufgedrehte Riffs das Kommando übernehmen und Boa in der üblichen Mischung aus Gemotze und Euphorie loslegt. Nur ein paar Sekunden später hat er seiner ewigen Sirene Pia schon wieder einen knuffigen Ohrwurm zusammengebausteinigt. Himmelschreiend.

Es sind immer nur ein paar Handgriffe, die der McGyver des Indiepops braucht, um stolpernden Krach zum perfekten Poprefrain umzuklappen. Und noch weniger, um den Song kurzerhand wieder zu zerlegen. Ganz wie damals zu Zeiten von „Hair“, „Boaphenia“ und „God“. Dieses Mal beispielsweise bei der polysacchariden Single „Burn all the flags“, dem klappernden Titelsong, dem Stroboskopleuchtfeuer „2 white moths and a black cat“ oder dem besinnlichen Davonflattern von „Intrigue and romance“. Ständig plärrt eine Orgel los, zicken die Gitarren herum oder kippt ein Drumset die Treppe herunter. Und Pias Melodien klimpern dazu aufreizend mit den Wimpern.

Die Art und Weise, wie Boa nicht nur in „21 years of insomnia“ Bilanz zieht, hat mit Altersweisheit soviel gemein wie Franz Ferdinand mit besoffenen Hooligans. Dafür könnte mancher Spätgeborene anmerken, all das arschwackelnde Gebratze ließe sich von eben jenen Briten inspirieren, die dem Indierock letztes Jahr endlich wieder Tanzbeine gemacht haben. Aber der alte Nörgler machte dieses Zeug schon zu Zeiten, als die Futureheads oder Bloc Party noch nicht mal in den Kindergarten durften. Durch Hype und Verachtung, ungerührt an Flop und Hit vorbei. Immer wieder gleich, immer wieder anders. Als wandelnder Widerspruch. Unschuld und Erotik. Arroganz und Zutraulichkeit. „Decadence and isolation“.“ (http://www.plattentests.de/rezi.php?show=3243))

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