Kraftwerk – Tour de France Soundtracks (2003)

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„Zyniker sind bereits schnell mit hämischen Kommentaren ob der verloren gegangenen Vorreiterposition innerhalb der elektronischen Musik zur Hand. Simplizismen greifen bei den Düsseldorfer Mensch Maschinen jedoch nicht. Das hat auch die Fangemeinde erfahren müssen, die Jahre lang nach neuen Tönen aus dem Kling Klang-Studio dürstete, ohne dass sie von den medienscheuen Protagonisten erhört worden wären. Nun berauben Hütter, Schneider, Schmitz und Hilpert die Musikjournaille einer ihrer besten Pointen und veröffentlichen mit einem seltsam gedämpften und unspektakulären Pardauz! „Tour De France Soundtracks“.

Seit den Siebzigern bis in die frühen Achtziger hinein weihten ihnen allerorten Musik-Schaffende wie -Hörer einen Altar nach dem anderen. Nicht wenige stießen sie in der Folgezeit fast genauso begeistert vom Thron und mokierten sich über die Unproduktivität der vier. Den Masterminds geht das selbstverfreilich am virtuellen Hintern vorbei, und Recht haben sie. Während viele nicht weniger als die abermalige Umwälzung und Erschütterung der elektronischen Musik erwarten, entwerfen Kraftwerk ein minimalistisch-geniales Stück Musik, das keinen Vergleich zu scheuen braucht.

Unvergleichlich gut deshalb, weil immer noch weit und breit niemand in Sicht ist, der aus so wenig so viel zu Wege bringt. Rhythmik, Struktur und Effekte der einzelnen Songs setzen in ihrer Perfektion wieder einmal Maßstäbe. „Vitamin“ und „Aero Dynamik“ gehören zur Speerspitze des elektronischen Pops. Trockene Beats, Robotnik-Computerstimmen und die altbekannten Reime in Slogan-Form reduzieren alles auf die Quintessenz dessen, was Kraftwerk-Kompositionen ausmachen: weniger ist mehr.

Diese Einschätzung mag durchaus seinen Ursprung im devoten Unterwürfigkeitsreflex des Rezensenten haben. Sicher ist aber, dass das Raumschiff Kraftwerk nach wie vor den Überblick behält. Zogen die Düsseldorfer dereinst aus, um in Galaxien vorzudringen, die noch nie ein Musiker zuvor gesehen hatte, sind die „elektronischen Beatles“ nun da angelangt, wo sie sich Zu Hause fühlen: im minimalistischen Elektro-Kosmos, der nicht nach effekthaschender Innovationssucht geifert, sondern seine eigene Definition von Fortschritt besitzt. Die Umsetzung dieser Definition erfolgt nach altem Rezept und unter Berücksichtigung bekannter Zutaten, doch aus ebendiesen Ingredienzien entsteht mit geringer Beimischung neuer Würze ein Titanstück wie „Elektro Kardiogramm“, das mit zum Besten zählt, was je aus dem Kling Klang-Studio kam.

Möge der Spott über den Autor herein brechen, die Zeit wird den Beweis erbringen, dass dieses Album zum neuen Kraftwerk-Klassiker avancieren kann: Boing Bumm Tschak!“ (http://www.laut.de/lautstark/cd-reviews/k/kraftwerk/tour_de_france_soundtracks/index.htm)

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