5. Der Weg nach Portege

Erste Station in der „Wildnis“ sollte Portege sein. Ein Ort, am Knie eines Ausläufers des Pazifischen Ozeans, nicht weit vom Prince William Sound gelegen, der nicht nur durch eine Ölkatastrophe Aufmerksamkeit (Kentern der Valdez) erreigte, sondern vor allem durch seinen Gletscherreichtum. (Die rote Line in der Karte deutet den Weg an).

Es ging relativ zeitig mit der Alaska Railroad los und ich muss sagen, die Fahrten damit lohnen sich. Panormawagons, sehr gepflegt mit einem herzlichen Boardpersonal.

Erst wurde etwas über den Landweg dahingeschippert und bald fuhren wir parallel zu einem Arm des Pazifischen Ozeans. Tolle Blicke boten sich auf die Berge, die teilweise noch leicht verschneit aber auch besorgniserregend wolkenverhangen waren. Aber das Blau des Himmels stimmte mich optimistisch, schließlich bin ich zum Urlaub da und da sollte man gutes Wetter erwarten können. Viele (einheimische!) Touristen teilten mit mir den Weg, die Schaffnerin erzählte vieles über die Umgebung usw.

Die Stimmung war gut, die Passagiere auskunftsfreudig und interessiert an allen anderen Mitreisenden im Zug (nur nicht wirklich an den Hinweisen der Schaffnerin :)) Fast schon eine Butterfahrt. Je weiter wir fuhren, desto dichter wurden die Wolken und die Aussicht auf einen Sonnentag schmolz allmählich dahin. Tja, irgendwann hielt der Zug in Portege und ich packte mich. Ein älterer Herr vor mir drehte sich um und sagte zum Abschied „Stay dry!“ und ich erwiderte (in einem Anfall von Wortwitz, von dem ich weiterhin nicht weiß, ob er überhaupt richtig ist): „I try!“

Da stand ich also in Portege. Nicht wirklich ein Bahnhof. Irgendwie ein paar Bretterbuden (wohl als Lager für vom Zug zu lieferndes Material) und nur Bretter als Bahnsteig. Aber eine Straße parallel zwischen den Gleisen der Alaska Railroad und dem Ufer. Nicht schlecht, um weiter zu kommen (trampen), nur das Wetter machte mir Sorgen. Noch war es trocken… Und wo war der Ort Portege überhaupt? Ich entdeckte eine kleine Holzhütte, zu der ich ging, um Auskunft einzuholen. Beim Nähern stellte sich heraus, dass es sogar eine Touristeninfo (!) war. Klasse. Also, Tür auf und rein. Ein überschauberer einfacher Raum, es gab ein paar Schokoriegel und Eis am Stiel, Karten und Souveniers zu kaufen. Ich fragte die Verkäuferin, wo den Portege war und sie antwortete, dass ich mich gerade in Portege befinde. Das wars also? Mehr nicht? Erinnerte mich an manchen Ort in Island 🙂 Naja, kann man nix machen. Ich erkundigte mich nach dem nächsten Zeltplatz, zeigte auf meine Karte und sie sagte, dass der „Black Bear“ (!) Zeltplatz wenige Meilen die Straße runter wäre. Ich würde ihn sehen. Bedankend setzte ich meinen Weg fort.

Schon verrückt. Ein Souveniershop mit Touristeninfo: und schon steht ein Ort in der Karte!

Als ich so lief und niemand vorbei kam, um mich mitzunehmen, konnte ich meinen Blick durch die Natur schweifen lassen und tief durchatmen. Zum ersten mal hatte ich das Gefühl, dass ich jetzt DA war. Nach einiger Zeit entdeckte ich am Wasserrand ziemlich große, schwarze Vögel. Richtig! Weisskopfseeadler. Nicht ganz unbeeindruckend, wenn die sich in die Lüfte erheben und durch den Wind gleiten. Leider kam ich nicht nah genug ran um sie mir genauer zu betrachten. Auch trieb mich die Suche nach dem in der Karte ausgeschriebenen Campingplatz voran. Im Nachhinein schade, da es das einzige Mal war, so viele von den Tieren zu sehen. Hinterher ist man immer schlauer…

Mittlerweile setzte der Regen ein. Mein Equipment war ja, wie eingangs geschrieben, nicht im high-end-Bereich angesiedelt. Hatte einen Hut, eine Wasserdichte Tasche von Lowa für die Kamera, einen sehr bequemen Rucksack und ich packte einfach meinen Poncho aus Vollplastik (ja, genau so einen, den auch ältere Damen beim Radfahren anhaben. Mein Freund Mauro sagte damals vor der Fahrt zu mir: „Den würde ich nicht mal auf den Fahrradsattel legen, wenn es regnet“ 🙂 ) aus, da der definitiv 100% wasserdicht war – und lief weiter. Es regnete in Strömen und ich schlich die Straße entlang – ohne die genaue Distanz einschätzen zu können. Freute mich aber über meinen regendichten Poncho und meinen Hut. Vorher besaß ich nie einen und auf einmal wußte ich nicht, warum ich so ein klasse Bekleidungsstück bisher nicht genutzt hatte. … Gedanken am Wegesrand… Ich weiß nicht genau, wie lang ich lief, aber ich kam auf eine Brücke und zack! eine Windböe ergriff meinen Hut und trug ihn weg. Nicht einfach in den Busch, nein, glatt in den Fluss, über den die Brücke führte. Ich schmiss alles hin und rannte am Ufer hinterher. Nichts zu machen, der Hut trudelte lustig in den Wogen. Ich weiß noch, wie der Verkäufer darauf verwies, dass der Hut nicht untergehen kann (es war ein Stetson), da die Krempe irgendwie mit speziellen Material ausgerüstet war. „Klasse,“ dachte ich „kann ich zusehen, wie der Hut davonschwimmt, statt unterzugehen. Was für ein Gewinn!“ Nun, dann eben ohne Hut, und das, nachdem ich mich grad so über die Anschaffung gefreut hatte. Mist. Aber wirklich! Naja, mein Poncho hatte eine Kapuze, aber der Wohlfühlfaktor (kaltes Plaste gegen wärmeres Baumwollgewebe) war weg.
So trotte ich weiter und mir kamen Gedanken. Vom Fahrkartenverkäufer (Ich bin im falschen Land, wenn ich keine Bären möchte) und der Frau in der Touristinfo in Portege (Der Campingplatz heißt „Black Bear“). Das klang beunruhigend. Ich will Landschaften schauen und keine Bären. So ein Abenteuerer bin ich nicht. Und während ich so lief, kam irgendwann an eine Lichtung, die es mir ermöglichte, kurz unter den Bäumen Rast zu machen und zu verschnaufen. Es war ein schöner Blick auf den Fluss (Portage River), im Hintergrund Berge und ein Gletscher (Portage Glacier – passenderweise heißt hier alles nach dem Ort, man hat genug Flüsse und Gletscher und muss sie nicht mehr nach Berühmtheiten benennen). Ich stellte meine Sachen kurz ab und ging ans Wasser und sah sehr aufgewühlten Kiesboden. Sah das aus wie ein Abdruck einer Tatze im Sand? Eine große Tatze? Ich weiß nicht, was es war aber ich dachte mir, wenn ich Bär wär, würde ich hier vielleicht auch fischen. Gut gelegene Stelle. Und warum nennt man einen Campingplatz „Black Bear“ wenn es in der Gegend keine Schwarzbären geben sollte? Ich trollte mich. Nächster Halt: Zeltplatz.

Und tatsächlich, ich fand ihn. Erst ein Hinweis und dann kam er. Ein Zeltplatz, schön im Wald gelegen, gut aufgeräumt für die Gegend mit seperaten Plätzen, so dass ein guter Abstand zwischen den Zelten herrscht. Für jedes Zelt ein Tisch mit Bank. Dazu eine Toilette und eine Art Trockenraum. Weiterhin, ein Standard auf den meisten Campingplätzen und für mich neu: „Footlocker“. Das sind metallene Schränke, in denen die Lebensmittel aufzubewahren sind. Es empfielt sich, die dort auch rein zu packen (Hauptsache nicht im Zelt lassen!!!), da der Geruch so manchen unliebsamen Gast anlocken könnte. Auch die Mülleimer sollten benutzt werden, damit die Bären sich nicht daran gewöhnen, auf Zeltplätzen nach Leckereien „zu betteln“. Dazu gibt es immer und überall Hinweise mit der Überschrift „Keep Wildlife wild“ sowie Verhaltensregeln für ein sicheres Campen (Was mit dem Essen machen; Was tun, wenn ein Bär auftaucht) Außer mir waren auf dem Platz noch… niemand. Wow! Allein. „Willkommen in Alaska“ dachte ich. Gerade der Zustand, allein auf dem Campingplatz „Black Bear“ zu sein und überall die Warnhinweise zu lesen, gab mir doch ein leicht mulmiges Gefühl.

Angenehm erschöpft und leicht ausgekühlt baute ich schnell das Zelt auf und legte mich rein. Herrlich, wie der Regen draußen tobt und man liegt im trockenen (ich denke, dass Gefühl können Camper mit mir teilen). Ich genoß den Abend bei einem heißen Tee und etwas Fertigsuppe aus der Tüte. Das war die Ankunft in Portege. Ich lag am Abend mit dem Reiseführer und der Karte im Schlafsack und schmiedete Pläne für den nächsten Tag. Ich wollte an den sehenswerten Portege Lake, der sich dadurch auszeichnet, dass hier der Portege-Glacier hineinkalbt. Das wollte ich unbedingt sehen, da ich in Island von der Natur – Eisberge im Wasser treibend – so beeindruckt war. Aber davon später mehr…

2 Gedanken zu „5. Der Weg nach Portege“

  1. Der Reisebericht ist spannend. Darf ich den auf meiner Webseite veröffentlichen? Und: wann gehts weiter?

  2. Hallo Gast,
    ich habe eben im Blog die Copyrights vermerkt.
    Kurz: Nein, veröffentlichen auf anderen Webseiten ist nicht. Zumal nicht mit einer anonymen Anmeldung und gefakten Emailadresse. 🙁
    Aber einen Link setzen darst du gern

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