Chris Garneau – El Radio (2009)

Hörprobe
„Heute hier, morgen dort

Diese Songs gehören nicht in Plattenläden. Und schon gar nicht ins Internet. Sie gehören auf Flughäfen, kurz vor die Check-In-Schalter. Sie gehören auf Bahnhöfe, in den Wind einfahrender Züge, die nur ein paar Minuten später weiterrauschen werden, schneller und schneller. Sie gehören in Fernfahrerkabinen, zwischen Navigationssysteme, Raststätten-Baguettes und Gedanken, auf die es keinen Pfand gibt. Sie gehören in tollkühn schaukelnde Boote, die einen Pakt mit dem Pazifik geschlossen haben und vorbeitrudelnde Flaschenpost einfach weiterschwimmen lassen, weil das Briefgeheimnis auch auf offenem Meer gilt. Sie gehören an einsame Landstraßenränder, in güldene Gondeln und auf Gipfel, wo die Luft nicht dünner, sondern nur der Blick atemberaubender wird.

Chris Garneau singt für die Unaufhaltbaren. Sein Debüt-Album nannte er „Music for tourists“, und es verstand sich von selbst, dass damit keine Pauschalreisenden gemeint waren. Sondern Menschen, die ihr Gepäck in der Westentasche tragen und beide Hände frei haben. Um sie jemandem zu reichen, vielleicht sogar sich selbst. Ein warmherziges Harmonium eröffnet nun sein Zweitwerk „El radio“ – ein Morgentau-Panorama, ein paradiesisches Bild, eine Idylle. Wenn man Katharsis hören könnte, dann würde sie genau so klingen. In den Bäumen sitzen Streicher, die erst ganz behutsam das Blätterrauschen imitieren und schließlich ausschwärmen, würdevoll und frei. Nach zwei Minuten schlendert Garneau ins Bild; ein Statist, der innerhalb von Sekunden zum Protagonisten wird. Seine Stimme umgibt noch immer diese Aura jungenhafter Schüchternheit, aber man spürt: Er ist sich seiner Sache sicher.

Das Kuriose dabei ist allerdings, dass diese Lieder, die den Reisenden gehören, so vertraut, intim und nah klingen, als hätte Garneau sein ganzes bisheriges Leben an einem einzigen Ort verbracht. Als hätte er sein Songwriter-Nest noch nie verlassen. Als würde er, für den Fall, dass eine Idee anklopft, immer eine Angoradecke und eine Thermoskanne mit Rooibostee bereithalten, daneben ein Porzellanschälchen mit Kandiszucker und eine windgeschützte Kerze. „Sing a leaving song like you’re leaving“ – das sind die Worte, die aus dem Opener einen Schlüsseltrack machen. Man muss erst einmal begreifen, dass der Weg zwischen Herz und Kopf die wahre Weltreise ist. Garneau weiß das schon längst. Er hat das Ende des Anfangs und den Anfang vom Ende gesehen. Aber auch wenn die 13 neuen Songs hochemotional sind, wird es nie dramatisch oder gar theatralisch. Garneau behält stets die Fassung.

Für die Aufnahmen von „El radio“ hat der 26-Jährige sein Songwriter-Nest im New Yorker Stadtteil Williamsburg tatsächlich verlassen. Drei Monate lang war ein Haus am See in New Hampshire sein Refugium. Hin und wieder kamen Freunde vorbei, um Instrumente einzuspielen oder Backing Vocals zu singen. Ansonsten war da nichts außer Natur und den Launen der Jahreszeiten. Vielleicht hat er sein Album deswegen in Quartale dividiert: „April showers“, „Il fait chaud“, „In autumn“ und „Winter songs“. Bei Schubert hätte man wohl von einem Lieder-Zyklus gesprochen. Doch während die Stücke von „Music for tourists“ fast ausschließlich und in bester Kunstliedtradition von Klavierarrangements begleitet wurden, sind die neuen Songs wesentlich opulenter und origineller instrumentiert. Und mit „No more pirates“ kommt Garneau dem klassischen Popsong näher als jemals zuvor – inklusive Mariachi-Bläsern und einer groovenden Koalition aus Wurlitzer und Drums.

Für die „Dirty night clowns“ klimpert er eine linkisch rumpelnde Zirkusmelodie in die Manege, flankiert von einem dezent swingenden Kontrabass und Küchenuntensilien-Percussion. Es dauert nur eine halbe Minute, bis Streicher und Flöten das Szenario in Richtung Disney verschieben – und wieder zurück. Mehr Kammermusik, weniger Kummermusik. Vor allem „Fireflies“ sitzt der Schalk im Nacken, wie man es von Garneau nicht erwartet hätte. Aber natürlich gibt es nach wir vor auch die Zeitlupenmomente zum Innehalten: das schlichte und ergreifende „Raw and awake“ mit seinen andächtigen Posaunen, das glitzernde Piano-Instrumental „Black hawk waltz“ oder auch „Hands on the radio“, das stilistisch dem Debüt am nächsten kommt. Die „Hometown girls“ haben den Blues, „The cats & kids“ eine Spieluhr auf dem alten Fender Rhodes positioniert, und Garneau besitzt weiterhin die Gabe, Melodien zu schreiben, die zunächst unscheinbar wirken, aber schon bei der zweiten Begegnung engste Vertraute sind. Die gehören nun wirklich nicht in Plattenläden. Und schon gar nicht ins Internet.  (Ina Simone Mautz)“ (http://www.plattentests.de/rezi.php?show=7056)

http://www.chrisgarneau.com/ – Offizielle Webseite

Chris Garneau bei myspace

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.