Archiv der Kategorie: Pädagogik

Datenschutz – Ein Element der Medienkompetenz?

Bildquelle: http://www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de/34836505/header_fofra.png?size=maincontent_image_top

Beim Lesen eines Interviews mit Spiros Simitis, den „Vater des Datenschutzes“, stellte ich mir die Frage, inwieweit Datenschutz in der aktuellen Diskussion um Medienkompetenz berücksichtigt ist oder ob es nicht bereits immanenter Bestandteil von Medienkompetenz ist. In dem Interview verweist Simitis darauf, welche Bedeutung Datenschutz hat und zukünftig haben wird. Er bestätigt die These von Harald Welzer, dass wir ohne geeigneten Datenschutz mit der „Abschaffung des Privaten“ rechnen müssen und uns in ein „Totalitarismus ohne Uniform“  droht. Dem kann neben entsprechenden gesetzlichen Regelungen auch mit einem entsprechenden Bewusstsein des Einzelnen für den Umgang, der Veröffentlichung und Weitergabe von Daten begegnet werden. Hier wird das Subjekt gefragt. Nur: Wer kann eigentlich ernsthaft von sich behaupten, zu wissen, wo seine/ihre Daten liegen und was damit passiert. Die Kontrolle scheint nicht mehr möglich. Daten werden von unseren digitalen Endgeräten gesammelt, ohne das man sich wirklich dagegen wehren kann. Damit sind nicht nur Computer gemeint, auch Kühlschränke, Toaster – kurz: Das Internet der Dinge – könnten schon bald in die Datensammlung einbezogen werden, wenn es sowas wie ein Identitätssicherheitsgesetz geben sollte. Wir geben Daten bewusst in sozialen Netzwerken preis. Wir zahlen sogar Geld für  Wearables, damit diese zahlreiche Daten von uns sammeln, die dann irgendwo in der Cloud ablegen, ohne dass wir wissen, wer darauf noch zugreifen kann und wird.  Beim Installieren einer App für unser Smartphone werden wir mit vielen, aber unspezifischen, Hinweise konfrontiert, auf welche persönlichen Daten diese App zugreifen will. Daten über uns werden in öffentlichen Räumen, z.B. bei der Videoüberwachung auf Plätzen,  genauso „abgegriffen“ wie in vermeintlich geschützten Bereichen, z.B. beim Zahlungsverkehr. Und wir sind genötigt, Daten zu offenbaren, die dann wiederum kommerzialisiert werden, wie z.B. der (viel zu kleine) Skandal um den Neuentwurf des Bundesmeldegesetzes deutlich machte.

Kurzum: Es ist nicht nur nicht mehr einfach, die Kontrolle über die eigenen, personenbezogen Daten zu behalten. Es wird auch zunehmend unmöglich, wenn gesetzliche Regelungen aufgeweicht werden oder man sich nicht von der Teilhabe der digitalen Welt verabschieden möchte.

Das das Thema bildungsrelevant ist, zeigt sich immer wieder in entsprechenden Publikationen. Das Handbuch E-Learning bspw. bespricht dieses Thema an entsprechenden Stellen. Verwiesen werden soll auch auf den interessanten, kostenfreien MOOC „Mein digitales Ich“ , der den Fragen des Schutzes persönlicher Daten zumindest in Teilen nachgeht.

Es scheint nicht nur so, dass Datenschutz ein wichtiges Thema ist. So Fragt der Interviewer Frye im besagten Interview: „Aber man kann die Menschen nicht daran hindern, zu viel von sich preiszugeben – oder?“ Simits Antwort: „Nein, das kann und soll man nicht. Wohl aber gilt es, nachhaltig zu versuchen, ein entsprechendes Bewusstsein zu wecken. Denn der Datenschutz ist nicht nur eine Frage der Normen, die den Umgang mit den Daten regeln, sondern zunächst und vor allem ein Appell an die Betroffenen: Es geht um Eure Daten! Der zweite Ansatz parallel dazu ist, darüber nachzudenken: Wer will die Daten haben, und wie wird damit umgegangen? Und wir sind – ich sage das mal sehr bewusst – an einem Punkt angelangt, wo es für den Datenschutz nicht gut aussieht.“ (Forschung Frankfurt, 1/2015 S. 48)

Das klingt für mich danach, über das Thema Datenschutz als Element der Medienkompetenz genauer nachzudenken. Aber vielleicht gibt es ja auch (aktuelle) Publikationen, die sich explizit mit dem Spannungsfeld Medienkompetenz und Datenschutz auseinandergesetzt haben? Vielleicht gibt es sogar interessante Ansätze, wie man Datenschutz und die Bedeutung der Reichweite einer Freigabe persönlicher Daten lehren und lernen kann? Hinweise sind willkommen!

Denn implizit schwingt das Thema in der Definition des Medienkompetenzbegriffs mit, wenn von Medienkunde, Medienkritik, Mediennutzung und Mediengestaltung die Rede ist (vgl. Baacke 1999, ausführlicher hier).

Soft Skills entscheidend in der Personalgewinnung bei Weiterbildungsanbietern

Im wbmonitor 2014 wurde der Frage nachgegangen, wie die Personalgewinnung bei Weiterbildungsanbietern ausschaut. Hintergrund ist, so die Autoren, dass das Weiterbildungspersonal eine entscheidende Rolle zukommt, wenn es um die Weiterbildungsqualität geht. Zugleich ist der Zugang zur Lehrtätigkeit in diesem Sektor nicht reglementiert und nur wenig professionalisiert. Daher scheint es interessant, die Rekrutierungskriterien der Weiterbildungsanbieter bei der Auswahl von Lehrenden genauer zu untersuchen. Das Ergebnis in Kürze: Die Soft Skills der potentiell Lehrenden sowie ihre Passung zur Einrichtung wird ein höherer Wert zugeschrieben, als den pädagogischen Qualifikationen.

Die Personalstrukturen, so zeigt die Untersuchung, ist für Deutschland atypisch. Nur ca. 1/3 der Beschäftigten sind bei den Anbietern angestellt, während die übrigen Mitarbeitenden auf Honorarbasis (ca. 60%) oder im Ehrenamt  (ca. 6%) tätig sind. Hingegen bereitet ca 50% der Anbieter die Personalgewinnung Schwierigkeiten, die bei Privatanbietern durch bessere Bezahlung z.T. abgefedert werden soll. Dies hat insb. bei öffentlichen Trägern zur Folge, dass nicht alle gewünschten Weiterbildungsthemen angeboten werden können. Interessant ist, dass einmal gewonnenes und bewährtes Personal offenbar relativ problemlos gehalten werden kann und diese nur selten den Anbieter wechselt.

Da der Weiterbildungsbereich nur einen geringen Grad an Professionalisierung aufweist und der Zugang zu einer Lehrtätigkeit im Gegensatz zu anderen Bildungsbereichen wie z.B. allgemeinbildenden Schulen kaum reglementiert ist, ging der wbmonitor der Frage nach, welche Auswahlkritierien die Anbieter bei der Rekrutierung von Personal nutzen. Bemerkenswert: Pädagogische Kompetenzen kommen erst an achter Stelle, noch nach den Fachkompetenzen. Dagegen dominieren Sozialkompetenzen, Loyalität ggü. dem Arbeitgeber u.ä. Skills. D.h., dem  Weiterbildungsanbieter interessiert die fachliche und pädagogische Eignung der Lehrenden erst in zweiter oder dritter Linie. Vorrangig sollte eine Passung zwischen Lehrenden und der Organisation bestehen, die zu einer Einstellung führt.

Quelle: http://www.bibb.de/dokumente/pdf/a22_wbmonitor_ergebnisbericht_umfrage_2014.pdf, S. 15
Quelle: http://www.bibb.de/dokumente/pdf/a22_wbmonitor_ergebnisbericht_umfrage_2014.pdf, S. 15

Inwiefern solche Skills für die Bewältigung der Anforderungen wohl ausreichen? Oder lassen sich die Ergebnisse dadurch erklären, dass die Weiterbildungsanbieter von einer fachlichen und pädagogischen Eignung schlichtweg vorab ausgehen und damit die organisationale Passung an Bedeutung gewinnt?  Deutlich mach die Untersuchung zumindest: Soft Skills sind wichtig für einen Zugang zum Arbeitsmarkt in der Weiterbildungsbranche.Aber ob damit eine „Abwertung der Pädagogik“ einher geht…?

 

 

 

 

 

 

Link zum wbmonitor 2014: http://www.bibb.de/dokumente/pdf/a22_wbmonitor_ergebnisbericht_umfrage_2014.pdf

 

Vorlesungen – interaktiv

Vorlesungen sind immer noch eine beliebte Lehrform an Hochschulen und Universitäten, um vielen Studierenden viel Wissen zu „vermitteln“. Die Erfolge dieses Formats hingegen sind umstritten und wohl jedem Lehrenden in diesen Einrichtungen ist das Gefühl bekannt, dass die Studierenden nicht die gesamten 90 Minuten des Lehrmonologs konsequent verfolgen. Es wäre auch verwunderlich, wenn dies so wäre, denn Vorlesungen sind selten aktivierend, die Rollenverteilungen sind Aufgaben üblicherweise klar. An der LMU wurde ein Tool entwickelt, dass diesem öden Einerlei begegnen will: Backstage. Mit Backstage ist es möglich, dass Studierende die gezeigten Folien live mit Fragen bespicken können, andere Lernende können die Fragen der Kommilitonen bzgl. der Wichtigkeit bewerten oder gar beantworten. Sie stellen fest, dass sie mir ihren Fragen nicht allein sind. Der Lehrende kann auf die Fragen spontan eingehen, kann die Geschwindigkeit seiner Präsentation anpassen, vertiefen oder auch mal was überfliegen. Ihm oder ihr stehen Quizzes zur Verfügung, um die Menge zum Mitdenken zu bewegen usf.

Das System wurde u.a. im FG Informatik der Uni Saarbrücken von Prof. Finkbeiner eingesetzt und anschließend evaluiert. Die Erfolge sprechen wohl, im Vergleich zur üblichen Vorlesung, für sich. So schreibt der IDW in seiner Meldung zum Einsatz dieses Szenarios: „In der anschließenden Evaluation, die vom Lehrstuhl für Differentielle Psychologie und Psychologische Diagnostik durchgeführt wurde, gaben 143 von 181 Studenten der Vorlesung in punkto Organisation die Note 1. Unter den Freitextantworten zur Frage ‚Was fand ich besonders gut?‘ tauchen immer wieder zwei Namen auf: Finkbeiner und Backstage.“ (Quelle)

Quelle: http://backstage.pms.ifi.lmu.de/img/comic_2.jpg

 

out now! „Gelingende Schultentwicklung im System“

cover gelingende schulentwicklungAn dieser Stelle etwas Werbung in eigener Sache. Diese Woche ist das Buch „Gelingende Schulentwicklung im System. Perspektiven, Haltungen und Handlungen von Akteuren in gelingender Schulentwicklung“ beim BoD Verlag Norderstedt als Buch (Paperback) und E-Book erschienen (432 Seiten). Es kann direkt beim Verlag bestellt werden, ist aber auch über alle anderen Kanäle sowie im Buchhandel erhältlich. Die E-Book Version (z.B. als ePub,  als kindle-edition oder auch iBook)  ist bis Mitte Mai zum Aktionspreis bestellbar. Eine digitale Leseprobe findet sich auch bei google books: hier klicken

Zusammenfassung des Inhalts

Zentrale Fragestellung des Buches ist: Welche Perspektiven und Haltungen nehmen Akteure in gelingender Schulentwicklung ein und welche Handlungen resultieren daraus?

Hierzu wurden in einem ersten Schritt die Geschichte der Schulentwicklung von der Antike bis ins 20. Jahrhundert skizziert  und die sich daran anschließenden Entwicklungslinien einer Theorie der Schulentwicklung dargestellt. Diese beziehen sich auf die Felder der Organisationsentwicklung, Personalentwicklung und Unterrichtsentwicklung. Eine systemische Betrachtung verdeutlicht: Schulentwicklung findet nicht entkoppelt statt, sondern ist in eine Systemumwelt eingebunden. Diese strukturelle Kopplung ist interdependent.

Im zweiten Schritt wurden die zentralen Akteure im Schulentwicklungsprozess und ihre Aufgaben innerhalb eines solchen Prozesses identifiziert und vorgestellt. Dabei sind vor allem drei Akteursgruppen von Interesse, die in die Betrachtungen einflossen: die Schulleitungen, die kooperative Schulleitung und kooperierende Lehrende.

Im Rahmen einer umfangreichen empirischen Untersuchung wurden Schulen identifiziert, die sich bzgl. eines eingeführten Schulentwicklungsprozesses als gelingende Schulen auszeichneten. Die Untersuchung fokussierte dabei die Perspektiven, Haltungen und Handlungen der Akteure bzw. Akteursgruppen und zeichnet diese nach. Dabei wurde ein mixed-method Forschungsdesign entworfen und umgesetzt, dass eine rekonstruktive Sozialforschung erlaubt und einem systemisch-konstruktivistischen Forschungsparadigma folgt. So kamen qualitative Forschungsmethoden wie Delphi-Studie, Experten- und Fokusgruppen-Interviews oder die Grounded Theory zum Einsatz, deren Ergebnisse durch eine quantitative Erhebung validiert bzw. falsifiziert wurden. Darüber hinaus fanden Instrumente der systemischen Forschung, wie z.B. zirkuläres Fragen Anwendung, um die Perspektiven auf Schulentwicklungsprozesse und – darauf aufbauend – die Perspektiven, Haltungen und Handlungen der Akteure zu erweitern.

Im Ergebnisteil der Arbeit sind die Perspektiven, Haltungen und Handlungen der drei Akteursgruppen vor dem Hintergrund der Organisations-, Personal- und Unterrichtsentwicklung in einer Matrix zusammengefasst.

Das Buch richtet sich an Personen, die sich sowohl praktisch als auch theoretisch mit Schulentwicklung beschäftigen. Es möchte Hilfen und Hinweise bei der Organisation und Durchführung von realen Schulentwicklungsprozessen liefern, als auch die Diskussion und Gestaltung einer Theorie der Schulentwicklung anregen.

Bei Interesse an einem Rezensionsexemplar des Buches bitte ich um eine kurze eMail an kontakt(at)lars-kilian.de mit Angabe des Ortes, an dem die Rezension veröffentlicht werden soll. Wahlweise kann der Verlag auch direkt angeschrieben werden.

Handreichung zum Qualitätsmanagement in der wissenschaftlichen Weiterbildung

Im  Rahmen des Bund-Länder-Wettbewerbs: „Aufstieg durch Bildung: Offene Hochschulen“ wurde eine weitere Handreichung zum Themenfeld: „Qualitätsmanagement in der wissenschaftlichen Weiterbildung“ veröffentlicht und steht als Download gratis zur Verfügung (Link: https://de.offene-hochschulen.de/fyls/398/download_file

Auf ca. 140 Seiten werden Qualitätsmanagementsysteme (Teil 1) Kompetenzorientierung und Qualitätssicherung (Teil 2) und Ergebnissicherung und Nachhaltigkeit von Evaluationen (Teil 3) besprochen und mit Praxisbezügen angereichert. Die Autorenschaft ist breit gefächert und arbeitet in vielfältigen Projekten, die durch den o.g. Wettbewerb gefördert werden.

ICILS 2013 – Verlust der „Digital Natives“?

Bildquelle: http://www.iea.nl/uploads/pics/ICILS_2013_Logo_200.png


Am 20.11.14 wurde die ICILS 2013 veröffentlich. ICILS kann als PISA Studie mit Fokus auf auf Computer- und Informationskompetenzen (bei Achtklässlern) gefasst werden.  In der Zusammenschau der zentralen Ergebnisse für Deutschland zeigt sich, dass

  • die deutschen Schüler*innen sind bzgl. der gemessenen Kompetenzen im mittleren Bereich in der Rangreihe der beforschten Länder,
  • nur wenige Schüler*innen erreichen bei der Untersuchung das höchste Kompetenzniveau, aber ca. 30% liegen auf den unteren Kompetenzniveaus,
  • bei den mittleren Kompetenzniveaus liegen die Schülerinnen vor den Schülern,
  • Bildungsbenachteiligungen bzw. „besorgniserregend geringe computer- und informationsbezogenen Kompetenzen“ finden sich auch hier bei bei Schüler*innen mit Migrationshintergrund sowie unteren und mittleren sozialen Lagen feststellen,
  • es ein Missverhältnis zwischen Potentialen des E- bzw. blended learning und der im Klassenraum stattfindenden Realität gibt und Entwicklungspotentiale bzgl. der schulischen Ausstattung sowie Lehrendenunterstützung bestehen (vgl. https://kw.uni-paderborn.de/fileadmin/kw/institute-einrichtungen/erziehungswissenschaft/arbeitsbereiche/eickelmann/pdf/ICILS_2013_Presseinformation.pdf, S. 5)

Am bemerkenswertesten finde ich das Ergebnis, demnach die untersuchten Schüler*innengruppen nicht per se als Digital Natives eingestuft werden können. Ich halte die These der „Digital Natives“, also der Existenz einer heranwachsenden Generation, denen die digitalen Medien schon in die Wiege gelegt wurden und die daher souverän, selbstbestimmt und selbstverständlich  die Medien Kompetent für ihre Belange einsetzen, fragwürdig – oder besser geschrieben: schlichtweg falsch. Meine Gegenthese ist: Die ältere Generation besaß die Medienkompetenz, die für ein (Über-)Leben in der jeweiligen Mediengesellschaft notwendig war. Durch die Multi-Entwicklungen der Medien ist es zunehmend schwerer, Medienkompetenz zu erlangen, wie sie Dieter Baacke (1998) formulierte: die Mediennutzung, Medienkunde, Mediengestaltung und Medienkritik. Zu wissen, welche Medien es gibt, wie diese für meine Kommunikationszwecke genutzt werden können, welche Optionen der Gestaltung ich hab und welche ich für welches Kommunikations- oder Informationsanliegen wie auswähle – das sind Fragen, deren Beantwortung immer exemplarischer werden kann…

Wer sich fragt, wie diese Kompetenzen bei den Schülern getestet worden sind, findet ein (englischsprachiges) Beispiel Testmodul hinter folgendem Link: http://www.iea.nl/icils_2013_example_module.html

Quellen

Baacke, Dieter (1998): Zum Konzept und zur Operationalisierung von Medienkompetenz. Online verfügbar unter http://www.produktive-medienarbeit.de/ressourcen/bibliothek/fachartikel/baacke_operationalisierung.shtml, zuletzt geprüft am 30.11.2014.

Bos, Wilfried; Eickelmann, Birgit; Gerick, Julia; Goldhammer, Frank; Schaumburg, Heike; Schwippert, Knut et al. (Hg.) (2014):
ICILS 2013. Computer- und informationsbezogene Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern in der 8. Jahrgangsstufe im internationalen Vergleich.
Münster, Westf: Waxmann.

Kritik an der Hattie-Studie

Schon ein paar Tage alt, ging die Kritik an der Hattie Studie von Rolf Schulmeister und Jörn Loviscach etwas an mir vorbei, nur um mir jetzt umso häufiger über den Weg zu laufen. Per Mail oder im Netz stolper ich über Hinweise zu dem Text, der Kritikpunkte benennt und der bei Googledocs zweisprachig eingesehen werden kann. In der Kritik weisen Schulmeister und Loviscach darauf hin, dass die Meta-Analyse „Visible Learning“, welche eine Vielzahl von (Meta-)Analysen zur Wirkung von Unterricht untersucht und zusammenfast, beträchtliche und methodische Schwächen aufweist und kommen zum Schluss, dass das Werk einer grundlegenden Überprüfung bedarf. Auf Basis von Stichproben aus den von Hattie herangezogenen Untersuchungen finden die beiden Autoren folgende Kritikpunkte:

  • offenbar nicht wenige der von Hattie herangezogenen Studien sind methodisch zweifelhaft und nicht aussagekräftig genug,
  • die Zuordnung einiger in die Beforschung aufgenommene Untersuchungen zu entsprechenden Themen der Hattie-Studie erscheint den Kritikern fragwürdig,
  • die von Hattie genutzten Analysen sind nicht sorgfältig ausgewählt und so findet sich z.B. eine Studie zur Konzentration industrieller Macht, die nicht mit der Konzentration im Lernprozess zu verwechseln sei. Auch konnten Schulmeister und Loviscach nicht immer die in der Hattie-Studie gefundenen Zahlen in den Originalen wiederfinden,
  • Kritik an der Kompatibilität von abhängigen Variablen, die in der Hattie-Studie Anwendung fanden,
  • statistische Messfehler, wie die Mittlung von Standardfehlern aus verschiedenen statistischen Untersuchung,
  • nicht nachvollziehbares Ranking, welches in der Hattie-Studie große Aufmerksamkeit erregte. Die beiden Kritiker konnten nach einigen Korrekturen auf Basis der Nachprüfungen anderes Rangordnungen errechnen.

Das als kurze Zusammenfassung der Ergebnisse und Kritikpunkte von Schulmeister und Loviscach. Eine bemerkenswerte und sicherlich nützliche Arbeit, die vielleicht dazu einlädt, vorsichtiger mit Daten und Ergebnissen umzugehen.

Nachzulesen in Schulmeister, Rolf & Loviscach, Jörn (2014). Kritische Anmerkungen zur Studie “Lernen sichtbar machen” (Visible Learning) von John Hattie. SEMINAR 2/2014, S. 121-130.

Quelle zur Hattie-Studie: Hattie, John (2014). Lernen sichtbar machen. 2. korr. Aufl. Hohengehren: Schneider. (bei Amazon)

Die Zusammenfassung der Kritik von Schulmeister& Loviscach online unter: https://docs.google.com/document/d/1hUbe8GYPFToduveTVD1laNXn-2lwlxsWRNkc62l5LYg/

 

Anmerkungen zum Kommentar „Es gibt keine digitale Didaktik!“

Bildquelle: http://pb21.de/2014/06/es-gibt-keine-digitale-didaktik/, Original bei http://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AFotothek_df_n-10_0000001.jpg (CC BY 3.0)

Angeregt durch einem Onlinekommentar von Jöran Muuß-Merholzin auf pb21.de mit dem Titel „Es gibt keine digitale Didaktik!“ (nachzulesen unter http://pb21.de/2014/06/es-gibt-keine-digitale-didaktik/) und der in google+ angestoßenen Diskussion (https://plus.google.com/102484891814321353019/posts/UH7ewekEShW) lass ich mich zu einem mittellangen Statement hinreißen. Der Gedanke, dass es keine digitale Didaktik gibt, ist durchaus interessant, aber nicht neu. Bei Arnold (2006, also bereits vor acht Jahren) zum Beispiel findet sich – passenderweise im Buch eLearning-Didaktik – die Aussage „Es gibt keine E-Learning-Didaktik. Die Fragen, die sich bei der Nutzung neuer Medien in Lehr-/Lernprozessen stellen, sind die Alten“ (S. 12) Vielleicht ist bereits die Frage nach der Didaktik digitaler Medien irreführend und verschleiert wieder das eigentliche Thema. Denn schließlich geht es darum, Lernende bei der Kompetenzentwicklung zu unterstützen. Hierzu bieten digitale Medien zahlreiche Möglichkeiten, diesen Prozess zu unterstützen. Es ist jedoch nicht ihr Alleinstellungsmerkmal! Bereits „einige Jahre früher“ finden sich entsprechende Gedanken zur Bedeutung pädagogischen Handelns und der Hilfe zur Selbsthilfe. Verwiesen sei auf die Zeit der Reformpädagogik (wobei ich überzeugt davon bin, dass selbst die alten Griechen schon solche Grundprinzipien pädagogischen Handelns formulierten), in der z.B.  Maria Montessori an einer Pädagogik arbeitete, die Lernende beim Lernen unterstützt („hilf mir, es selbst zu tun“). Auch sehr empfehlenswert, die „Didaktischen Präludien“ von Gaudig (1909), der u.a.  bereits das diskutiert, was heute vor dem Hintergrund einer kompetenzorientierten Wende in der Gestaltung von Lehr-Lern-Szenarien wieder akut zu werden scheint.  Im übrigen kenne ich KEINE Didaktik, die per se NICHT lernerorientiert ist. Dies wäre dem Wesen der Didaktik als „Wissenschaft vom Lehren und Lernen“ auch fremd. Natürlich ist die Didaktik das „Kochbuch“, das es Lehrenden ermöglicht, Unterricht  zu planen. Und verschiedene Köche können mit den gleichen Zutaten unterschiedlich schmeckende Speisen zubereiten. So gilt beim Kochen und wohl auch in der Pädagogik der Satz „Kunst ist das, was man draus macht“. Wenn man von Didaktik spricht, kann man nicht den Lehrenden dahinter zu Gunsten einer Lernorientierung wegreden oder wegwünschen. Didaktik ist das Werkzeug der Lehrenden und damit kann Didaktik nicht ohne Lehrer gedacht werden. Im Gegensatz dazu lernen Lerner aus sich heraus, sie brauchen dafür nicht zwangsläufig den Pädagogen i.S.e. in einer Bildungsinstitution tätigen und speziell ausgebildeten Person. Bei einer interessanten, fesselnden Unterrichtsstunde lernen die Schüler vielleicht / hoffentlich den anvisierten Lerninhalt und entwickeln entsprechende Kompetenzen. Bei schlecht geplanten Unterricht lernen sie auch, nur wahrscheinlich andere Dinge wie z.B. geschickte Lernvermeidungsstrategien, die dem Lehrenden das Lernen vorgaukeln  (Holzkamp ,1995). Damit kann auch in Abrede gestellt werden, dass durch digitale Medien eine „hochgradige Kontrolle und Steuerung des Lernprozesses durch Lehrende“ (Muuß-Merholz, 2014) möglich wäre. Denn wenn der Lerngegenstand nicht der des Lernenden ist, wird er vermutlich Wege suchen und finden, das Lernen zu umgehen und dennoch die Kontrollmechanismen zu befriedigen. Ein Beispiel aus eigener Onlinelehre soll dies illustrieren: Ich erlebte es bei einigen Studierenden, dass sie viel Zeit im virtuellen Lernraum verbrachten, die Qualität des Outputs aber nicht unbedingt in Relation dazu stand. In Gesprächen stellte sich heraus, dass die Lernenden wissen, dass die Zeit getrackt werden kann und wohl auch von einigen wenigen Dozenten als ein Erfolgsmesser für erfolgreiche Teilnahme genutzt wird. Also gehen die Studierenden online und beschäftigen sich derweil mit anderen Dingen, die für sie wichtiger sind. Dass es keiner neuen Didaktik beim Einsatz neuer bzw. digitaler Medien bedarf, legt auch die Vermutung nahe, dass Medien bereits in entsprechenden didaktischen Modellen verankert sind, die wohl auch an den Hochschulen in der Lehrerbildung seit Jahrzehnten gelehrt werden (z.B. Berliner Modell von Heimann, Otto, Schulz, 1965). Damit stellt sich bei der didaktischen Planung des Unterrichts auch die Frage nach den einzusetzenden Medien, womit Fragen nach den Möglichkeiten, Vor- und Nachteilen der jeweiligen Medien angeschlossen sind. Zugegebenermaßen bekommen die Medien durch die digitale Revolution nicht nur ein neues Gewicht und bieten neue Chancen und Mehrwerte bzgl. der Nutzung, sondern verlangen auch neue Kompetenzen bzgl. der didaktischen Planung von den Lehrenden. Damit stellt sich nun vielmehr die häufig noch nicht geklärte Frage, welche Potentiale digitale Medien für das Entwickeln von Kompetenzen bieten. Und noch ein Gedanke. Der Text verweist darauf, dass die Frage nach der Didaktik eine politische ist. Denn: „Letztlich steht dahinter eine grundsätzliche Frage von Macht, also eine politische Frage: Wer – Lehrende oder Lernende – entscheidet über den konkreten Einsatz der digitalen Medien? Sind Lernende einem Prozess unterworfen oder haben sie selbst die Kontrolle?“ ( Muuß-Merholz, 2014) Dennoch (oder sollte ich besser „selbstverständlich“ schreiben?) wird auch bei den im o. a. Text vorgestellten „alternativen“ Modell der Oskar von Miller Schule wieder vom Lehrenden aus der Unterricht konzipiert. Denn die Lehrenden steckten sich das Ziel, dass Schüler eigene Lernwege gehen können sollen, nicht die Schüler. Diesem Konzept beugen sich die Schüler. (Ich stelle damit nicht in Abrede, dass dieses Ansinnen der Lehrenden dieser Schule falsch wäre, aber das Beispiel für eine Entkopplung von Didaktik und Lehrenden vor dem Hintergrund der Machtfrage greift meines Erachtens nicht. Was machen nun all die Schüler, die „klassisch beschult“ werden wollen?) Anders dürfte auch ein institutionalisierter Lernprozess nicht möglich sein. Schließlich müssen Lehrende ihr Handeln, ihre Institution und Profession behaupten und sie haben einen gesellschaftlichen Bildungs- und Erziehungsauftrag zu realisieren. Wichtiger scheint mir vielmehr, dass das Professionsverständnis der Lehrenden dahin geht, auch die Möglichkeiten der digitalen Medien für einen lern- und schülerorientierten Unterricht auszuloten. Insofern sich meines Erachtens nicht die Frage nach einer digitalen Didaktik (ein im übrigen irgendwie misslicher Begriff, denn wann ist eine Didaktik digital und wann analog?). Es stellt sich vielmehr die Frage, ob es sich begründet lohnt, digitale Medien in den Unterricht zu holen? Falls sich diese Frage bejahen lässt, wovon ich überzeugt bin, gilt es, die Mehrwerte der digitalen Medien für Kompetenzentwicklungsprozesse auszuloten. Damit verbunden sind zugleich zahlreiche weitere Themen, wie die Entwicklung von Medienkompetenzen bei Lehrenden und Schülern, die Frage der technischen Ausstattung von Schulen usw. Aber das ist ein anderes Thema…

Literatur:

  • Arnold, Rolf (2006): Die Unzeitgemäßheit der e-Learning-Didaktik. In: Rolf Arnold und Markus Lermen (Hg.): eLearning-Didaktik. Baltmannsweiler: Schneider, S. 11–29.
  • Gaudig, Hugo (1909): Didaktische Präludien. Leipzig u.a: Teubner.
  • Heimann, Paul; Otto, Gunter; Schulz, Wolfgang (1965): Unterricht : Analyse und Planung. Hannover [u.a.]: Schrödel.
  • Holzkamp, Klaus (1995): Lernen. Subjektwissenschaftliche Grundlegung. Frankfurt/M.: Campus Verlag.
  • Muuß-Merholz, Jöran (2014): Es gibt keine digitale Didaktik! Ein #pb21 Kommentar. Online unter http://pb21.de/2014/06/es-gibt-keine-digitale-didaktik/, letzter Abruf 17.6.2014

Herausforderung: Kompetenzorientierte Hochschule

Kein Aprilscherz, sondern nun endlich auf dem Markt. Aber es wird wieder deutlich, „Was länge währt…“ 🙂 Der Band „Herausforderung: Kompetenzorientierte Hochschule“ von Rolf Arnold und Konrad Wolf (Hrsg.), der im Rahmen des Projektes „Offene Kompetenzregion Westpfalz“ jüngst veröffentlicht wurde, versammelt zahlreiche Beitrage, die sich mit Fragen der Kompetenzorientierung an Hochschulen auseinander setzen. Das Thema ist brandaktuell für Hochschulen, Bildungspolitik und Wirtschaft. Daher hoffe ich auf gute Resonanz (nicht nur, weil das Cover meinem Fotoapparat entsprungen ist 😉 – worüber ich mich natürlich sehr freue). Dank gilt insbesondere den vielen Helfern und Unterstützern, die diese Herausgeberschaft ermöglichten!

Aber bevor ich hier anfang, Belangloses zu schreiben, möchte ich lieber das Inhaltsverzeichnis vorstellen. Das sollte etwas mehr Auskunft über die behandelten Themenfelder des Buches geben.

Rolf Arnold: Vorwort des Reihenherausgebers

Ernst Andreas Hartmann: Das Projekt „Offene Kompetenzregion Westpfalz“ im Rahmen des Bund-Länder-Wettbewerbs „Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen“ – Ein Vorwort

Konrad Wolf: Hochschulöffnung, Regionalentwicklung und Kompetenzorientierung – Anforderungen an eine moderne Hochschule für Angewandte Wissenschaften in der Region

Rolf Arnold: Zur Überwindung der Antiquiertheit des Kompetenzdiskurses  – Ein Interview

Felix Rauner: Multiple Kompetenz – Wege und Irrwege beim Übergang von der beruflichen zur akademischen Bildung

Markus Lermen: Wissenschaftliche Weiterbildung und Kompetenzentwicklung

Gerhard F. Braun: Kompetenzorientierung im Studium aus Sicht der Unternehmen

Nadezda Zhukova: Kompetenzorientierung von Studium und Lehre in der Russischen Förderation: Tradition und Entwicklungen nach Bologna

Per Bergamin & Andreas Hediger: Kompetenzorientierung im Kontext neuer Lerntechnologien

Simone Grimmig, Michael Sattler & Martin Schiwy: E-Learning und Blended Learning – ein Blick auf den aktuellen Stand

Barbara Schwarze & Anca-Gabriela Lelutiu: Gender und Diversity in der Lehre: Verbesserung des Studienerfolgs durch Zielgruppenorientierung

John Erpenbeck: Kompetenzorientiert lernen und studieren

Christian Harteis: Auswirkungen des Bologna-Prozesses: eine Expertise der Hochschuldidaktik

Christian Vogel: Konsequenzen der Kompetenzorientierung für die Hochschule

Lars Kilian & Walter Neddermann: Rahmenbedingungen für eine Kompetenzorientierung in der Hochschule nach Bolgona

Thorsten Requadt: Pilotkonzeptionierung eines Anrechnungsmoduls für die berufsbegleitenden Studiengänge der Fachhochschule Kaiserslautern

Niclas Schaper: Kompetenzorientiertes Lehren und Lernen im Studium – Wo muss angesetzt werden, um Kompetenzen wirkungsvoll zu fördern?

Simone Wanken & Lenka Schusterová: Gendersensible Selbstlernmaterialien im Fernstudienangebot

Nikola Roos: Berufsintegrierter Fernstudiengang Betriebswirtschaft als Kooperationsmodell

Armin Kaiser: Metakognition als Schlüssel zur Kompetenzentwicklung

Meike Herwig, Anja Völpel & Claudia Zwecker: Nachhaltige Kompetenzentwicklung: Diemersteiner Selbstlerntage und Lerncoaching als integratives Konzept an der TU Kaiserslautern

Anita Pachner: Entwicklung und Förderung von selbstgesteuertem Lernen in Blended-Learning-Umgebungen. Eine Interventionsstudie

Max Reinhardt: Öffnung der Hochschulen: nichttraditionelle Studierende und Lehrende. Eine theorie- und empiriegeleitete Untersuchung unter Berücksichtigung kompetenzorientierter Lehr- und Lernformate und am Beispiel eines berufsbegleitenden Studiengangs

Carsten Kremb: Das Virtuelle Technologielabor (VTL) in der Ingenieursausbildung: Selbstreguliertes Mikro- und Nanotechnologie-Lernen mit dem Zweibrücker VTL