Archiv der Kategorie: Musik

AG Geige – Yachtclub + Buchteln (1986)

Schon über 30 Jahre alt. Oh je.  AG Geige prägte meine Jugend, definitiv! Auf Yachtclub + Buchteln finden sich meines Erachtens die ersten Aufnahmen von dieser Formation, die seinerzeit auch mal auf Tape kursierten (wennngleich ich nicht mehr weiß, ob das eine legale Kassette war oder diese wieder und wieder kopiert wurde). Aber ich erinnere mich noch daran, wie ich diese Sounds und Texte erstmalig hörte und ziemlich fasziniert war. Ich meine, es war Mitte der 80er, Pop dödelte vor sich hin und elektronische Soundexperimente hinter der Mauer waren eher selten. Ich kann mir gut vorstellen, dass diese vier Chemnitzer zur damaligen Zeit sicher auch so manche Vertreter des Staatsapparates vor einige Herausforderungen stellte 🙂 Dazu die Lifeperformance… Wer sich für die Seitenwege deutsch-deutscher elektronischer Musik interessiert, dem kann ich dieses Album ans Herz legen. Viel Spaß!

St. Germain – Boulevard (1995)

Mit Boulevard hat Ludovic Navarre (aka St. Germain) einen ziemlichen Kracher hingelegt und in der Mitte der 90er Jazz in neuen Spielarten ausgelotet. Die Verbindung mit Elementen elektronischer Musik, dem Beat des House und Dub erregte so viel Aufmerksamkeit, dass für das Nachfolgewerk sogar das legendäre Label Blue Note anklopfte! Das Album wurde als jazzigste Houseplatte oder houseigste Jazzplatte gefeiert. Ludovic Navarre nennt es einfach easy listening underground house music, den er da mit weiteren Musikern einspielt. Funktioniert im Club, in den Bars, im Auto und zu Hause und sicher auch auf dem Boulevard in St. Germain – da hab ich das Album aber noch nicht getestet… Auf nach Frankreich!

Talk Talk – The Colour Of Spring (1986)

Heute morgen ein wenig mit dem Töchterchen auf dem Balkon gewühlt. Wir haben Blumen gepflanzt und können nun beobachten, wie sie (hoffentlich) wachsen und gedeihen. Dazu lief die herrlich unaufgeregte Musik von Talk Talk, ihrem zweiten und bestverkauftesten Album, dass zugleich einen leichten Stilbruch zum Erfolgs- und Erstlingswerk bildete, aber nicht weniger gut ist (und schon erahnen lässt, wohin die musikalische Reise von Talk Talk späterer Arbeit gehen könnte). Im Gegenteil, Talk Talk ist eine der ganz wenigen Bands, die es meiner Meinung nach schafften, von Album zu Album besser zu werden. Keine Selbstkopie, kein Hinterhecheln von Trends, keine Kompromisse. Stattdessen entfalten sie, gerade mit dem Zweitling „The Colour Of Spring“, eine Kreativität, die ihresgleichen sucht. Insofern ist auch der Titel passend: Denn im Frühling ist die Welt gemacht… Talk Talk lassen neue Musik aus warmen, erdigen Tönen erwachsen, Mark Hollis haucht dem ganzen mit seiner fragilen Stimme Leben ein.

…es ist mir stets eine Freude, dieses (und die anderen) Album von Talk Talk aufzulegen…

Saalschutz – Macht’s Möglich (2006)

Saalschutz haben ja kein Problem mit Größenwahn, was sie sympathisch macht. Die (berechtigte?) Frage, wer die beste Band des Universums sei – Radiohead oder Saalschutz – entscheiden Saalschutz für sich. In gewohnter Ravepunkmanier spaßen sie sich durch ihr Universum und versuchen, über ihre Stereotiefensuggestion jede_n für sich zu gewinnen: „Ich will Saalschutz, den ganzen Tag / Nichts als Saalschutz, weil ich Saalschutz so mag. / 60 Minuten in der Stunde oder mehr…“

Zugegeben, zum Erstlingswerk m.E. keine Steigerung, aber aufgrund des Spaßfaktors immer wieder gern gehört. Übrigens: Die beiden Schweizer schaffen es ja, ihren Werken im ersten Titel eine Begrüßung vorzuschalten. Hier eröffnet Jörg Buttgereit, von dem ich letztmalig was vor XXX Jahren hörte und mich wirklich überraschte.

The Books – Thought For Foods (2002)

Das erste Studioalbum des Duos The Books um Nick Zammuto (Gitarre) und Paul de Jong (Cello). Es beinhaltet eigentlich alles, was auch die Nachfolger so wunderbar in sich vereinen.  Samples aus allen denkbaren Bereichen des Hör- und Unhörbaren, gepaart mit zahlreichen Instrumentarium. Das alles gegossen in Sounds, die sich wenig um klassische Strukturen kümmern, den Bruch mit Melodien mit sich bringen und damit bunt werden, wie eine Naturblumenwiese. Zugegeben sind solche Wiesen nicht ideal, um Blumen in der Masse zu vermarkten, aber es gibt viele Freunde, die sich an solchen bunten Farbtupfen erfreuen. 

So werden bereits im ersten Song neben Gitarre und Cello, Samples von Mandoline sowie Golf- und Tennisbällen verwendet. Lt. der Komponisten wurden sie inspiriert von Künstlern wie Boards of Canada, Aphex Twin, Squarepusher und Daft Punk, wollten aber wärmer, humaner und irrationaler klingen. Klingt spannend? Ist es auch!

Rhythm & Sound w/ Tikiman – Showcase (1998)

Quelle: https://img.discogs.com/vWHFtW-dO5UI4JWfogjDEkrqqCM=/fit-in/300×300/filters:strip_icc():format(jpeg):mode_rgb():quality(40)/discogs-images/R-5685-1368641840-4676.jpeg.jpg

Wieder eines der Alben, die wie „Silvester im CD Regal“ liegen. Einmal im Jahr kommen sie zum Vorschein und überraschen dann mit ihrer je eigenen Art. Bei Showcase ist es nicht wirklich ein Feuerwerk – da es sich hier um Minimal-Electro-Hyper-Dub handelt. Viel mehr ist es der dumpfe Donner, den man aus einiger Entfernung bei einem Feuerwerk hören kann und auch ohne Licht, Funkel, Sekt und Party weiß, das neue Jahr hat begonnen. Moritz von Oswald und Mark Ernestus legten hier 1998 ein Meilenstein der Musikgeschichte des Dub, den sie vielleicht selbst nie wieder erreichten. Die die Sounds begleitenden Vocals – von Gesang zu sprechen, wäre eindeutig zu viel – von Tikiman fügen sich hervorragend in dieses Konstrukt/Arrangement, dass sicher eines der Wegbereiter für Sounds wie TripHop oder Dubstep uvm. war. Ziemlich großartig – ich freu mich schon auf das nächste Silvester aus der Ferne… 

Eine schöne Randnotiz, dass die fünf Songs jeweils von fünf Mixversionen von Burial (!) begleitet werden, der diesen Beat sehr eigen und trotzdem passend weiterverarbeitet…

Pink Floyd – Wish You Were Here (1975)

Bildquelle: https://images.rapgenius.com/fe82f09f0ffa54e6be936c70f42c3c70.1000x740x1.jpg

Muss man über dieses Album wirklich noch Worte verlieren? Getreu dem Motto: „Es ist alles gesagt, nur noch nicht von jedem“? Eigentlich nicht. Jedoch ist es eins der Alben, die mich wohl bzgl. der Entwicklung meiner Begeisterung für Musik nachhaltig beeinflussten. Dieses Album drang etwa 1983 an meine Ohren, im zarten Alter von 10-11 Jahren. Damals blühte eigentlich der 80er Pop gerade auf, der mit seinen Synthieklängen und durchgestylten Melodien Begeisterung hervorrief und dessen Grundgerüst sich gefühlt bis heute in einigen Genres wacker hält. Mich nerve das ziemlich und ich entdeckte Gruppen wie 16 Bit, Kraftwerk oder etwas später wohl auch DAF über verschlungene Quellen. Pink Floyd hingegen konnte man tatsächlich hinter der Mauer 1983 mit etwas Glück als Amiga-Pressung kaufen. 

Und der Sound hatte in der damaligen Zeit etwas sehr eigenes, sphärisches, dichtes, das er für mich bis heute erhalten hat. Mir erschloss er sich nicht gleich, jedoch begeisterte mich die Qualität der Aufnahme in den 80er Jahren. Mit den Kopfhörern meines Bruders lauschte ich diesem Konzeptalbum, erfreute mich den Nuancen der Sounds, den Samples der Stimmen und dem Gesang. Das war Stereo! Ganz großartig: Das Intro des titelgebenden Songs „Wish You Were Here“, der mir  bis heute in so manch emotionalem Moment durch den Kopf geistert. Durch diesen kleinen Nebeneffekt, der Freude am Stereo, hörte ich das Album immer und immer wieder und so brannte sich wohl der Sound in meine Hirnrinde… Eine, wie ich finde, glückliche Entwicklung des Schicksals. Denn was würde ich heute hören, wäre ich damals Modern Talking und Co verfallen? 🙂

The Heavy – The Glorious Dead (2012)

Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/en/thumb/4/48/The_Glorious_Dead.jpeg/220px-The_Glorious_Dead.jpeg

Fat! HipHop meets Soul meets  Blues meets BigBeat meets Funk meets… Ein rauher, roh, eklektisch. The Heavy eroberten mein Ohr im Sturm mit den selbstproduzierten Alben, frei jedweder Konventionen. Gemacht wird, was Spaß macht, was kracht und was berührt. Die Briten liefern mit „The Glorious Dead“ erneut eine Dampfwalze, die sich durch den Einheitsbrei der Musiklandschaft wälzt um Platz zu schaffen für Neues. Im Radio hörte ich sie, trotz ihrer großen Erfolge (Gold für ihre Single „How YOu Like Me Now?“, Zugaben in der Letterman-Show, Musik für Bierwerbung und TV-Serien…) noch nicht. Macht nichts, es gibt ja die CDs.

,,Wieder einmal mobilisieren sie eine Energie, die nicht jede Band vorzuweisen hat. Im Vergleich zu den bisherigen beiden Alben klingen sie sogar noch wuchtiger.“ (musikexpress, September 2012)

,,Ziemlich durchgeknallt geht das britische Quartett The Heavy zu Werke.“ (Rolling Stone, September 2012)

,,Garagenrock, Gospeliges, Old-School-Soul mit Stax-Zitaten, die Gossenästhetik eines Tom Waits und Klänge wie aus 50’s Gruselfilmen verquirlt man zur aberwitzigen Mixtur.“ (Stereo, Oktober 2012)

The Orb – U.F.Orb (1992)

1992 lieferten The Orb mit U.F.Orb ihr zweites Studioalbum auf den Markt ab, dass es sogar auf Platz 1 der britischen Charts schaffte. In Erinnerung bleibt es u.a. durch den Titel „Blue Room“, der mit knapp 40 Minuten als längste Single in die Geschichte der UK Charts einging und den Hörern damals wohl einiges an Geduld abforderte 🙂

Das Album ist stark an den Ambientarbeiten von Brian Eno  und dem Dub von Lee Perry orientiert und kehrt sich von der Tanzbarkeit ab. Angereichert mit zahllosen, aber nicht zufälligen, Soundschnipseln schaffen The Orb hier sowas wie ein Hörspiel, dem der Zuhörer in Gänze folgen und darin versinken kann, aber nicht muss. Genauso gut kann  U.F.Orb auch beiläufig/im Hintergrund laufen und so dem Raum einen eigenen Anstrich verleihen.

Insgesamt m. E. eines der besten Alben von The Orb überhaupt und eines ihrer Visitenkarten.

Nick Cave And The Bad Seeds – Murder Ballads (1996)

Die Mörder-Balladen waren für NIck Cave und seine Gruppe eins der größten Erfolgsalben. Vor allem der Song „Where the Wild Roses Grow“, ein Duett mit Kylie Minogue, begeisterte – wobei er sich musikalisch doch deutlich von den restlichen Songs unterschied. Dies bereitete wohl auch Nick Cave einige Bauchschmerzen, da das Video in den Musikkanälen hoch- und runtergespielt wurde und Cave Bedenken äußerte, dass die Leute vom Rest des Albums enttäuscht sein werden, wenn sie sich das Album kauften. Die Kritiker begeisterte das Werk jedoch ziemlich einstimmig – und das zu Recht. In diesem morbid dunkelsüßen Konzeptalbum geht es – surprise – um Balladen über das Morden. Nicht verwunderlich, dass sich hier Nick Cave mit und durch seine Art so genüsslich Breit macht. Geschichten über anonyme Mörder, Dialoge zwischen Mörder und Opfer und viele weitere Geschichten, die Cave in seinen musikalischen Psychogrammen auf- und abarbeitet. Keine Musik für das Lagerfeuer oder zum Einschlafen… Oder doch?