Angelo Badalamenti – Mulholland Drive (2001)

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„Das aus anderen David-Lynch-Filmen bekannte Spiel der Identität des Individuums als Spielball dunkler Mächte mit einhergehender Verschiebung oder Verzerrung der Realitätsebenen. Auf den Punkt gebracht: Zwei Frauen, die Stadt der Engel, eine lesbische Liebesgeschichte und düstere Machenschaften plus ein gerütteltes Maß an Abgedrehtheit. Die Handlung ist von einer stark kontrastierten Aufteilung geprägt. Nach zwei Dritteln erleidet die Geschichte einen Bruch, die eingeführten Hauptfiguren und ihre Konstellationen zueinander tauschen ihre Namen und Rollen. David Lynch schafft es in den ersten zwei Dritteln Handlungsstränge zu legen, die in dem letzten Drittel ad absurdum geführt werden. Dem Regisseur gelang wieder einmal das Kunststück, alle Erwartungen des Zuschauers völlig zu verwirren und gegen Ende der Handlung statt aufzuklären nur weitere Fragen aufzuwerfen. Badalamenti selbst brilliert in seiner ersten Filmrolle als manischer, Espresso trinkender Mafioso, von dem eine latente Bedrohung auszugehen scheint.

Die Musik zu David Lynchs letztem Kinofilm Mulholland Drive hat, wie in allen Filmen David Lynchs seit Blue Velvet, sein Hauskomponist Angelo Badalamenti geschaffen. In Zusammenarbeit mit Lynch schrieb Badalamenti drei weitere Stücke, ergänzt durch drei Tracks, die der Regisseur mit John Neff schrieb und teilweise auch interpretierte. Bei Badalamentis alleinigem Anteil überwiegt ein aus früheren Filmen bekannter Mix aus kitschig-verträumten Orchesterarrangements und sphärisch-düsteren Klangcollagen. Die unheimlichen Momente des Filmes versieht der Komponist mit reiner Spannungsmusik, oft nur aus einzelnen, lang anhaltenden und kaum wahrnehmbaren Brummtönen bestehend. Diese Passagen schaffen es, auch vom Film losgelöst, eine unheimliche Atmosphäre zu verbreiten, bieten jedoch aufgrund ihrer teils extremen Länge oft nur Monotonie kombiniert mit einer musikalischen Schrecksekunde. Wie die Haarfarben der zwei Hauptdarstellerinnen – blond und schwarz, ersteres für die „Unschuld“ in der großen Stadt und letztere für die geheimnisvoll-erotische – spiegelt der Score extrem die helle wie dunkle Seite der menschlichen Seele, versucht beiden ein klangliches Gesicht zu verleihen.

Ein beeindruckendes Beispiel des Talents des Komponisten, ein Gefühl realer Bedrohung zu vermitteln, ist Track 4 („Diner“): Schwebend und lauernd scheint die Stimmung dieses Tracks, tief in die Eingeweide eines alle Fäden in der Hand haltenden, mechanisch-rhythmische Atemgeräusche ausstoßenden Organismus einzudringen. Der im Film monologisierend erzählende, im weiteren Verlauf der Filmhandlung nicht weiter in Erscheinung tretende Mann, berichtet seinem Gegenüber von etwas Schrecklichem, das sich seiner Meinung nach hinter dem Diner befindet. Da ihm zur verbalen Beschreibung die Möglichkeiten zu fehlen scheinen, fordert er sein Gegenüber auf, mit ihm zusammen dieser Kreatur vor die Augen zu treten. Tiefe Holzbläser begleiten den Gang der beiden hinter den Diner, zu einer Mauer, die sich im Hinterhof weiter nach hinten erstreckt. Die Kamera beginnt, an dieser Mauer entlang zu fahren, bis diese einen Knick macht. Diesem Knick vorsichtig folgend, kommt es in Sekundenbruchteilen zur typisch wohlig – schockerzeugenden Wirkung: Ein dämonengleiches Etwas bringt den Zuschauer im Kinosaal zum Schreien. Dieser Schockeffekt kündigt sich musikalisch ganz klischeegerecht durch dissonante Streichercrescendi an, bis beim zweiten Anschwellen die Auflösung der Szene in Form eines kruden synthetischen Knalles folgt. Selten hat ein Track bei mir mehr das Gefühl eines kalten Schauers erzeugt.

Aber auch versöhnliche, schwelgerische – verklärte Themen, den großen Gefühlen Tribut zollende – Klänge machen einen großen Teil des Scores aus. Den zwei Hauptthemen „Mulholland Drive“ und „Betty’s Theme“ kann man eine gewisse Nähe zu den Twin Peaks-Kompositionen Badalamentis nicht absprechen. Im „Love Theme“ wie auch bei „Diane And Camilla“ sprengt das Orchester das klanglich beengte Korsett der synthetischen Klänge und der Score entfaltet eine für Lynch-Filme typische an den Kitsch grenzende Harmonik.

Auf dem Soundtrackalbum befinden sich außerdem noch einige Pop- und Blues-/Barjazzsongs, welche die CD in ihrer Gesamtheit und dem Ziel der Schaffung einer gewissen makaberen und unwirklichen Atmosphäre, glücklicherweise eher positiv denn negativ unterstützen. Dem Gesamtalbum kann man keine durchgehende Hörqualität anrechnen, wie sie Badalamenti noch bei Straight Story, der letzten Zusammenarbeit mit David Lynch erreichen konnte. Auch ist das Verhältnis zwischen synthetischen und orchestralen Anteilen zu einseitig zugunsten der Synthetik ausgefallen. Das Booklet ist, wie bei Milan leider meist üblich, sehr knapp gehalten und auf die nötigsten Informationen und Fotos beschränkt.

Fazit: Wer mit den teilweise wilden musikalischen Mischungen auf bisherigen Veröffentlichungen wie Wild At Heart und Lost Highway etwas anzufangen wusste, wird sicherlich auch an diesem Album seine dunkle Freude haben. Trotz der Durchmischung mit Popsongs ist die Stimmung des Scores bis auf die teils sentimentalen Themen meist kalt und düster. Mit zweieinhalb Sternen liegt das Album etwas unterhalb des Mittelfelds. Die Auseinandersetzung mit dieser Musik erfordert einige Geduld, doch diese kann für manch einen lohnend sein!“ (http://www.cinemusic.de/rezension.htm?rid=1633)

Wikipedia versucht, Licht ins Dunkel um den Film zu bringen

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