8. Von Girdwood nach Seward

Weiter ging es also, am frühen Morgen von Girdwood Richtung Seward – meinem südlichsten Punkt auf der Reise in Alaska. Die Alaska Railroad kam äußerst pünktlich und ich konnte bequem meine Reise fortsetzen.

Das Bild im Zug war das Gleiche wie von Anchorage nach Portege. Überschaubar gefüllt mit einigen Touristen – soweit ich es beurteilen kann – ältere Amerikaner, die wieder das Butterfahrtfeeling aufkommen ließen (wenngleich ich bei sowas noch nicht dabei war).

Die Fahrt ist auf jeden Fall toll und besser als der Weg mit dem Auto nach Süden, da der Zug ein paar spektakuläre Brücken und Gletscher überquert oder an diesen vorbei fährt und große Teile unbewohnter Natur kreuzt. Es gibt viel zu sehen – wofür die Panoramawagons gut sind, weiß ich nicht, denn über dem Zug war nicht so viel außer dem Himmel. Aber vielleicht ist das auch ein gutes Gefühl, so zu fahren. Ich saß in einem normalen Abteil und versuchte, den Hinweisen des Zugpersonals zu den einzelnen Natursehenswürdigkeiten zu folgen. Das war teilweise wieder aufgrund der Geräuschkulisse durch die Gespräche der anderen Gäste nicht so einfach, die sich weniger für die Umgebung zu interessieren schienen.

Hin und wieder gab es Regenschauer und ich dachte mit Schrecken an meine Kleiderordnung, der dichten Regenjacke und dem Poncho in Portege erleichtert und nur mit dem Fleece und einer einfachen Windjacke auf dem Körper… Und, tja, manchmal hilft das Glück nach. Auf einmal wurde aus der Zugfahrt tatsächlich eine kleine Butterfahrt, denn das Zugpersonal bot nun Souveniers an. Von kleinen Alaska Railroad Spielzeugnachbildungen über Taschen und anderem Gedaddel bis hin zur richtigen Regenjacke, die auch zur klassischen Ausrüstung des Zugpersonals gehört. Angeboten für, meiner Meinung nach, schmales Geld. Absolut wasserdicht (dafür nicht wirklich atmungsaktiv 🙂 ) und leicht gefüttert. Klasse! Bevor ich in Sewart im Regen stehe, habe ich beschlossen, mir so ein Teil zu erstehen. Mit kleiner Umkleidemöglichkeit im separaten Abteil und fachmännischem Urteil der Zugbegleitung hatte ich fast das Gefühl, ich wäre in einer Boutique 😀

Seward steurte ich durch drei Gründe an: es soll eine schöne, alte Stadt sein, die darüber hinaus wunderbar am Wasser liegt mit tollem Blick auf den Ozean und die auch noch ein paar Gletscher im Angebot hat. Angekommen stellte ich fest, dass Sewart wirklich mal eine richtige Stadt war, zwar nicht mein Geschmack (für mein Gefühl vieles im nachgebauten Kolonialstil und eine starke Ausrichtung auf Tourismus, was man an den Geschäften sah) aber soweit okay. Der Hafen von Seward lädt darüber hinaus regelmäßig zu Schifffahrten ein, um auf Walewatching zu gehen, die an der Südküste häufig anzutreffen sind, die Kenai Fjords zu bewundern oder um nach Valdez zu pendeln.
Ich schlenderte etwas am Strand lang, der aber durch viele Parkplätze und Dauercamper nicht so richtig überzeugte. Der Hunger beschlich mich und ich kehrte ein, auf meinen ersten echten American Burger! Ich bestellte und bei der Auswahl an Extras, die mir die Kellnerin aufzählte, musste ich passen und sagte nur, dass es mein ersten Burger made in USA wäre und ich nehm einfach die Standardversion. Die kam dann auch. Mann, war das eine Portion! Ein halbes Caribou, ein Feld Kartoffeln zu Pommes verarbeitet und alles von Majo und Ketchup zusammengehalten. Aber sehr lecker! Ich aß gemütlich, genoß noch einen Kaffee und dann packte ich meinen Rucksack, um dem Exit Glacier einen Besuch abzustatten, der in einem Naturschutzgebiet in der Nähe schon sehnsüchtig auf mich wartete.

Ein paar Meter aus dem dicksten der Stadt gelaufen habe ich dann versucht, als Tramp weiter zu kommen. Der Verkehr ist in Seward nicht gerade gering und schon bald hielt ein Mann um die 45, gebürtiger Ungar, der als Koch in Washington (Bundesstaat) lebt und auf einem Kurzwochenendurlaub mal nach Alaska gefahren ist. War sehr nett und wir konnten gut plaudern. Wir fuhren also aus der Stadt Richtung Gletscher, den der Ungar auch besuchen wollte.

Dort angekommen machte ich mich am Visitorcenter kundig, wo ich denn mein Zelt aufschlagen können und erfuhr, dass es gleich ums Eck einen Campingplatz für 12 Zelte gibt. Klasse! Also auf zum Gletscher. Der Fahrer wartete nettweise auf mich und so gingen wir zum Ziel der Tagesreise. Der Weg führte durch einen Park, aufgeräumt, ein Hauch von Wildnis, aber doch alles auf Tourismus ausgerichtet. Es gab viele Leute, die Gleiches vorhatten. Der Weg vom Parkplatz um Gletscher war nicht überwältigend weit und so standen wir bald vor ihm. Auch wenn er abgesperrt war und es doch noch einige Leute gab, die hier rumsprangen, nahm er mich gefangen. Das klare kühle blau des Eises übt immer wieder eine Faszination auf mich aus.

Ich setzte mich mit meinem Fahrer auf eine Bank, wir unterhielten uns und ich genoss den Blick aufs Eis und das leise zu vernehmende Knacken. Toll.

Irgendwann hieß es wieder, Abschied nehmen von meinem „Freund auf Zeit“ und dem Gletscher und die Suche nach dem Zeltplatz. Den fand ich relativ schnell und war überrascht über den aufgeräumten, gemütlichen und fast schon luxeriösen Zustand. Eine Blockhütte, um die Lebensmittel zu sichern und auch hier wunderbar separierte Zeltmöglichkeiten. Schön getrennt durch kleine Wälder von den anderen – in aller Ruhe. Und genau zwölf Möglichkeiten zum Zelten – first comes, first takes. Ich bekam einen der letzten Plätze, baute mein Zelt auf und begab mich in die Kochecke des Platzes. Dort konnte ich mit ein paar anderen Campern quatschen und nach und nach füllte sich der Campingplatz, bis alle zwölf Zeltplätze belegt waren.

Und dann war es soweit: ein Ranger kam und hielt kurzen freundlichen small talk um dann relativ schnell zur Sache zu kommen: im Tal wurde ein Bär angeschossen und ist auf der Flucht. Wenn wir was hören, sollen wir das melden, die Ranger passen die Nacht besonders auf. Klasse! Das war das, was ich auch weiterhin nicht wollte, aber klar, im Süden sind die Tiere jetzt aktiver (Kenaii ist ja bekannt für seine Zotteltiere) und angeln lecker Lachs u.a. Innerlich stark beunruhigt fand ich es auf einmal gar nicht mehr so doll, so separiert zu liegen. Ein etwas beengter Zeltplatz wäre mir jetzt lieber – gemeinsam sind wir stark. Und auch hier half wieder das Schicksal: zwei junge Frauen – Laura und Kathie – kamen mit Hündin Bella und fragten, ob noch jemand sein Zelt etwas beiseite rücken könnte, da sie keinen Platz mehr bekommen haben. Super! Ein Hund! Und zwei weitere Personen! Ohne zu überlegen – ganz uneigennützig – bot ich meinen Platz an. Hatte eh ein kleines Zelt und Platz war noch. Sie bauten auf und wir verbrachten die halbe Nacht am Lagerfeuer mit viel Lachen. Die beiden waren zwar keine „Eingeborenen“, sind aber vor einigen Jahren nach dem Studium (eine Pädagogin und eine Geologin) hierher gekommen, weil sie die Natur so lieben. Die Woche über wird gejobbt und am Wochenende gehts raus. Das kam mir recht: die hatten etwas mehr Erfahrung mit den Besonderheiten der Natur als ich, falls es unangenehm würde. Und einen Aufpasser, Bella, gabs als Nachtwache noch dazu. So schlief ich dann beruhigt ein.

Am nächsten Morgen planten wir einen Trip zu dritt zum Lost Lake. Das war ein Marsch von etwa 10 Meilen (oneway). Da ich Zeit hatte, bin ich gern mitgekommen, zumal die beiden sehr lebendig und erheiternd offen waren. Wir zogen den ganzen Tag mit Bella durch die Wälder und den Schnee. Sie erzählten von ihrem Leben in diesem Land und ich von meinem Reiseplänen und ein bisschen über Deutschland. Die Zeit ging gut rum, das Laufen fiel leicht. Auf einmal war er wieder da! Der Trillerpfeifenpfiff! Und ich war wirklich irritiert. Sind denn überall diese Wandergruppen? Verfolgen die mich? Ich fragte Laura und Kathie, ob sie den Pfiff auch gehört hätten. Sie verneinten. Eigenartig… Ich erzählte Laura und Kathie von der Begebenheit in Portege und sie mussten lachen, weil das eher unwahrscheinlich ist, dass mehrere Personen oder eine Reisegruppe durch die Wälder springt. Und dann kam er wieder, der Pfiff. Und dieses Mal hörten die beiden den Pfiff auch. Und Kathie sagte: „Oh, it’s a Mamut!“ Jedenfalls verstand ich das und ich wußte nicht, was sie meinte. Ich versichterte mich, ob sie grad tatsächlich „Mamut“ sagte, denn da wusste ich nicht, was sie meinte, bezeichnet das Wort doch in unserem Sprachgebrauch was bereits ausgestorbenes – zwar auch aus der Eiszeit, aber definitiv tot und erklärte ihr das auch. Nein, das war es nicht. Sie sagte: „Marmot“, ein Murmeltier. Oh je, der Brunftruf der Murmeltiere. Das Wappentier Alaskas. Guten Tag! Ich musste ziemlich in mich rein lachen. Das war des Rätsels Lösung! Und just kam eins vor die Kamera. Schön – fand Hündin Bella auch – und vertrieb es 🙂

Unterwegs erfuhr ich dann etwas über Murmeltiere und darüber hinaus die Nationalpflanze „Forgetmenot“. Ich wußte auch nicht, dass das sozusagen das Edelweis von Alaska ist, fand aber die 1:1 Übersetzung klasse, so dass ich das an dieser Stelle weitergeben möchte. Vielleicht ists ja für den einen oder anderen Leser genauso neu, wie für mich.

So wanderten wir weiter aber irgendwann wurde der Schnee immer tiefer und der Weg war nicht mehr auszumachen. Wir beschlossen, dass der Lost Lake gefälligst Lost bleiben sollte und wir ihn nicht zum Found Lake machen.

Wir legten noch eine ausgiebige Pause zum Picknicken ein und genossen die Umgebung, die Aussicht und die Ruhe. Als ich ein Apfelhaus nahm und in den Wald werfen wollte, wurde ich mit einem klaren „STOP!“ in der Bewegung gebremst. Ich wußte nicht, was meine beiden Begleiterinnen dagegen hatten, denn der Apfel verottet doch hier problemlos und in meiner Tasche macht er keinen so guten Eindruck. Aber dann die logische Erklärung: wieder mal die Bären. Die sollen auf keinen Fall einen Pawlowschen Reflex bekommen und die Verbindung Wanderer = Futter ausbilden. Durch unser Picknick hinterlassen wir Gerüche und der Apfelgribs in der Nähe kann hier den notwendigen Link beim Tier schaffen, der für den nächsen Wanderer ungesund werden könnte. Tja, soweit oder so nah muss man erst mal denken. Aber ich habe wieder eine Lektion gelernt.

Und auf dem Rückweg wurde es dann amtlich: in Alaska laufen Bären rum. Denn auf unserem Heimweg entdeckten wir dann doch eindeutige Spuren im weichen Boden. Und trotz der guten Gesellschaft war mir nicht ganz wohl. Wir gingen zurück zum Camp, da die beiden noch am gleichen Tag (Sonntag) zurück nach Anchorage wollten.

Sie fragten nach meinen Plänen und ich sagte, dass ich nochmal zurück nach Portege möchte und der Prince William Sound liegt auch noch auf dem Plan. So boten sie mir an, mich ein Stück des Weges nach Coopers Landed mitzunehmen und ich willigte ein. Fand ich nett. Es war ein Klasse Tag, eine super Gesellschaft und eine gute Option, die Reise für diesen Tag noch fortzusetzen. Auf dem Weg zum Camp tuschelten sie dann miteinander und ich verstand nichts, da wir im Gänsemarsch laufen mussten und ich als Letzter hinterher trottete. Fast angekommen meinten sie, dass sie mich ganz in Ordnung fänden und boten mir an, dass, wenn ich zurück nach Anchorage kommen würde (stand ein paar Tage später ja auf dem Programm, bevor es an den arktischen Ozean weitergehen sollte), gern ihre Wohnung nutzen dürfte. Das war wirklich äußerst lieb. So musste ich nicht in dem unbehaglichen Jasons Motel nächtigen und hatte eine bessere Gesellschaft. Da beide jedoch oft außer Haus waren und ich nicht wusste, wann genau ich in Anchorage ankomme, gaben sie mir kurzerhand einen Schlüssel der Wohnung und die Adresse. Das war mal ein offener Empfang – ob ich das machen würde? Ich war sprachlos und bedankte mich für das Vertrauen.

Dann gings zurück zum Zeltplatz, wir packten die restlichen Sachen und fuhren los, zurück nach Anchorage und Coopers Landed.

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