6. Vom Portege Camp & Portage Lake. Oder: „no rain, no glacier“

Am nächsten Morgen wurde ich wach von einem Wohnmobil, welches auf dem Campingplatz eine Bleibe suchte. Aber ich schaute nicht raus, da der Regen noch heftiger peitschte, als am Abend davor. Ich dachte, das würde vielleicht ein kurzer intensiver Schauer sein. Im Schlaf habe ich nichts gemerkt – aber mein Schlaf ist auch mehr als gesegnet, wovon ich auch noch später berichten werde. (für diese Episode gibt es keine Bilder, weil die Sichtverhältnisse sehr schlecht waren und ich darüber hinaus Angst hatte, meine Kamera würde bei diesen Wassermassen Schaden nehmen).

Leider wurde das Wetter nicht besser. Ich wollte aber auch nicht die ganze Zeit im Zelt bleiben. Erstmal bereitete ich mir ein Frühstück und fühlte mich in dieser wirklich sehr nassen Kälte nicht so recht wohl. Das Wohnmobil verschwand wieder. Komisch. Ich blieb weiter im Zelt und las im Reiseführer und schrieb ein paar Zeilen ins Tagebuch. Auch das war im Nachhinein eine sinnvolle Investition, da es doch erlaubt, ein wenig (inneren) Dialog als Sprechersatz zu führen. Es wurde von mir oft genutzt und war sozusagen mein stiller und stets mit offenem Ohr zuhörender Freund. Gegen Mittag kamen zwei Jeeps angefahren, drin waren vier junge Leute, so um die 20. Sie waren relativ laut, bauten einen behelfsmäßigen Regenschutz aus Zeltplanen auf und bereiten ein üppiges Lagerfeuer darunter vor. Dazu gabs dick Musik, worauf ich grad keine Lust hatte und viel Bier. Dann wurde das BBQ gestartet. Okay, das war der Zeitpunkt, doch mal die Klamotten anzuziehen und mich auf den Weg zu machen. Die Hoffnung, dass der Regen aufhört, trieb mich. So zog ich an, was ich hatte und warf meinen Poncho über und zog los zum Portege Lake. Der Weg auf der Karte sah überschaubar aus und so wollte ich ein wenig Wandern. Eigentlich total bekloppt, denn bei dem Wetter treibt man keinen Hund vors Haus. Darüber hinaus fuhren auch Autos, nicht viele, in die Richtung. Aber so naß, wie ich war, nahm mich keiner mit. Macht ncihts, der Weg sollte in einer guten Stunde zu schaffen sein.

Der Wind blies auf der Straße in noch stärkeren Böen und ich musste mich teilweise richtig gegen ihn anlehnen. Wenn die Böen verebbten, kam der Regen gemütlich kerzengerade herunter und ich konnte mal geradeaus schauen. So trotte ich dahin und hörte hin und wieder ein sehr bemerkenswerten Pfeifton. Er klang für mich genauso, wie die Pfeifen der Schiedsrichter bei einer Fussballübertragung im Fernsehen. Etwas entfernt, aber immer deutlich. Eine spezielle Frequenz. Ich überlegte, was das sein könnte und kam auf die einzig logische Erklärung: ein anderer Wanderer, der im Wald rumspaziert. Der Grund für meinen vielleicht abwegigen Gedanken möchte ich kurz erklären: Es wird oft (und wohl zu Recht) empfohlen, bei seinen Wanderungen Geräusche von sich zu geben. Reiseführer empfehlen lautes Reden, das Schlagen auf einen Topf oder eine Trillerpfeife. Der Grund ist der, dass man damit „den Tieren des Waldes“ signalisiert: ‚Hoppla, hier komme ich.‘ Das scheint gerade für die etwas größeren Tiere von Bedeutung zu sein, denn ein Bär, den man während eines gemütlichen Spaziergangs versehentlich bei seinem Mittagsschlaf erschrickt, ist über eine solche Überraschung gar nicht erfreut und könnte dem Hausfriedensbruch auf seine Art klären wollen. Ich hatte für mich entschieden, dass permanentes Vor-Sich-Hin-Reden als Alleinreisender ziemlich bekloppt ist (was, wenn mal jemand den Weg kreuzt?). Auch wollte ich nicht ganztags auf einen Topf hauen und wenn ich einen Berg besteige fand ich es lästig, meine letzte Puste in eine Trillerpfeife zu blasen. So hatte ich ein kleines Glöckchen geschenkt bekommen (an dieser Stelle vielen Dank der Schenkerin, die Glocke hat jetzt einen Ehrenplatz), welches mich – an der Jacke befestigt – stets begleitete. Eine praktische Lösung. Ich lief also weiter und hörte immer wieder mal diese Trillerpfeife durch den Regen. Dabei musste ich schmunzeln und freute mich über mein Glöckcken, was leise aber kontinuierlich meine Wanderungen ankündigte ohne dass ich im Minutentakt trällern musste.

Und dann vernahm ich ein zweites Pfeiffen. „Ulkig,“ dachte ich, „da denkt man, man ist in Alaska und allein auf Waid und Flur und dann pfeifen schon zwei Wanderer vor sich her.“ Das Pfeifen begleitete mich und immer wieder hörte ich an anderen Ecken einen neuen Pfiff und kam mir vor, als wollte mich entweder jemand auf den Arm nehmen. Oder war eine ganze Wandergruppe hier im Wald bei strömenden Regen unterwegs? Ich dachte dabei an eine organisierte, amerikanische Art einer Werbeverkaufsfahrt und eine Horde älterer Herrschaften, die grad über Stock und Stein stieg, mit Regenschirm in der Hand und in cremefarbenen Kostüm mit einem zierenden Schal oder einer Brosche geschmückt. Schöner Gedanke. Ich glaubte zwar nicht dran, fand aber die Erklärung lustig.

Und dann kam ich am Portege-Lake an. Welche Ernüchterung. Statt eines romantischen oder mystischen Sees war da schon viel Beton. Der See wurde zu Teilen aufgestaut. Schade. Darüber hinaus gabs dann noch ein Diner, welches das Naturerlebnis endgültig zerfließen lies. Nicht wie in Island! Gar nicht!! Und zu aller Enttäuschung war das Wetter so schlecht, dass ich fast gar nichts mehr sah. Das heißt, die Fernsicht betrug geschätzte 50 Meter. Hier und da vermutete ich Eisbrocken im Wasser, aber genaues konnte ich nicht ausmachen. Ärgerlich.

Da ich schon mal da war und weil ich schön nass war, kehrte ich auf was Warmes im Diner ein. Es gab ein Sandwich und heißen Tee. Lecker! Dort habe ich mich etwas aufgewärmt und ein wenig getrocknet. Und dann hieß es: Rückweg. Und da waren wieder die Pfiffe… Das Wetter wurde immer schlechter und schlechter und die Böen, die von hinten kamen, zogen und zerrten an mir. Der Regen kam fast waagerecht – zum Glück ebenfalls von hinten aus Richtung Prince William Sound. Das Tal war ein guter Windkanal und so blies es schon recht ordentlich. Ziemlich ordentlich sogar, denn als ich wieder am Campingplatz ankam, stellte ich fest, dass mein Poncho an Kapuze und einem Ärmel abgerissen war. Nochmals ärgerlich. Ich hängte meine Jacke und den Rest des Ponchos in den Trockenraum und sprang erstmal ins Zelt, etwas enttäuscht über den Ausflug. Naja, die Leute von gegenüber saßen lustig beieinander, tranken sehr viel Bier und grillten – wie John Wayne in seinen besten Zeiten – am Riesenfeuer. Gut, geselle ich mich mal dazu. Ich nahm mir meinen Kocher mit, einen Teebeutel und eine Miniflasche Rum. So standen wir da, ich machte mir ein lecker Tee mit Schuss, die anderen boten mir ein Bier an, welches ich aber bei der Kälte und Nässe ablehnte. Wir redeten – immerhin die ersten Menschen, die ich auf einem Campingplatz in Alaska traf – und sie erzählten mir, dass sie ein paar huntert Meilen aus dem Süden Amerikas (also keine Alaskaner) fürs Wochenende hochgekommen sind um zu grillen und zu feiern. Es waren vier Soldaten und etwas schrill drauf. Sie zeigten mir stolz ihre riesigen Revolver (so in der Art „Suzie“, die Pistole von Sledge Hammer) und hofften auf einen Bären, damit sie „Notwehr“ üben konnten. Ohje, das klang nicht toll. Eine der vier (es waren zwei Frauen und zwei Männer) hatte nur kurze Hosen an und Badelatschen. Ich fragte sie nach der etwas unpassenden Bekleidung für das Land und das Wetter (sie stand immerhin einige Zentimeter im Schlamm) und sie antwortete, dass ihre Freunde spontan bei ihr vorbeikamen und dass sie keine Zeit hatte, was zu packen. Angeblich war sie gerade im Badezimmer, als sie abgeholt wurde. So sah es auch aus… Naja, das Bier reduzierte wohl das Kälteempfinden, tauschen wollte ich aber nicht. Ich erzählte von meinem Versuch, den Portege Lake zu besichtigen und fragte sie, ob sie auch dorthin wollten (ich hatte die Vermutung, dass die vier dann die „Trillerpfeifen“ im Wald gewesen sein könnten). Sie verneinten und hatten auch niemanden gesehen. Dafür schauten sie mich etwas ungläubisch an, als ob ich unter Halluzinationen litt, als ich von den Trillerpfeifen im Wald berichtete…

Da ich das Gefühl hatte, dass wir nicht viel gemein haben, verabschiedete ich mich beizeiten. Der Wetterbericht (aus dem Autoradio der vier Soldaten) verhieß auch für die kommenden Tage keine Besserung und so wollte ich nicht noch länger an dem Campingplatz verweilen.

Ich beschl0ss, weiter nach Süden zu reisen und auf dem Rückweg nochmal mein Glück zu probieren. Da die Alaska Railroad für den Weg nach Süden nicht in Portege hielt (ich weiß nicht mehr warum, da ich ja da ausstieg – aber der Mann am Bahnhof in Anchorage meinte das), musste ich noch einen Schritt weiter zurück nach Girdwood. Dort wollte ich es am nächsten Tag probieren. Also, wieder ein Tag vergangen. Nicht wirklich reich an Sehenswürdigkeiten, aber viel Wasser und einem gewissen Abenteuereffekt. Beim Einschlafen dachte ich noch an die herrlichen Gletscher, die es hier zu sehen geben soll und dachte: „No rain, no glacier“ – irgendwie logisch, dass es regnet.

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